„Wirksame neue Option“: Antidiabetikum Liraglutid besteht Debüt als Abnehmhilfe und mindert Prädiabetes

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

6. Juli 2015

Prof. Dr. Matthias Blüher

Man muss nicht Diabetiker sein, um von dem Antidiabetikum Liraglutid zu profitieren, denn: Es hilft auch Nicht-Diabetikern beim Abnehmen. In einer gerade im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie nahmen mit dem GLP-1-Analogon behandelte Patienten im Laufe eines Jahres im Schnitt 5,6 kg mehr ab als die Placebogruppe [1]. Und noch wichtiger: „Einem Drittel der Patienten gelang es mit Liraglutid, mehr als zehn Prozent ihres Körpergewichts abzunehmen“, sagt Prof. Dr. Matthias Blüher, Vizepräsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Zu Beginn der Studie hatten die mehr als 3.700 Patienten – größtenteils Frauen – im Schnitt einen Body-Mass-Index (BMI) von 38,3 kg/m2. Fast 2 Drittel hatten einen Prädiabetes. Die Behandlung umfasste Kalorienreduktion, vermehrte Bewegung und einmal täglich 3,0 mg Liraglutid s.c. oder Placebo.

Nach 56 Wochen hatten die Patienten in der Liraglutid-Gruppe 8,4 ± 7,3 kg abgenommen und diejenigen in der Placebogruppe 2,8 ± 6,5 kg – ein statistisch signifikanter Unterschied von 5,6 kg. Mehr als 5% ihres Körpergewichtes reduzierten in der Liraglutid-Gruppe 63,2% der Patienten – verglichen mit 27,1% unter Placebo. Den wichtigen Meilenstein einer 10-prozentigen Gewichtsreduktion erreichten unter Liraglutid 33,1% der Patienten (Placebo: 10,6%).

Schon zehn Prozent weniger Gewicht senkt das Erkrankungsrisiko

Einem Drittel der Patienten gelang es mit Liraglutid, mehr als zehn Prozent ihres Körpergewichts abzunehmen. Prof. Dr. Matthias Blüher

„Verschiedene Studien haben gezeigt, dass ein Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent bereits Folgeerkrankungen der Adipositas reduzieren und die Lebensqualität verbessern kann“, berichten die Autoren um den Endokrinologen Prof. Dr. Xavier Pi-Sunyer von der Columbia University in New York.

Damit gehört nun Liraglutid eindeutig auch zu den gewichtsreduzieren Substanzen und ist nicht nur allein ein Antidiabetikum, betont Blüher, denn: „Dieses Ausmaß an Gewichtsreduktion ist typisch für pharmakologische Therapieprinzipien der Adipositas.“ Der Leiter der Adipositasambulanz der Universitätsmedizin Leipzig, erläutert, warum die Patienten davon profitieren: „Auch kleinere Gewichtsreduktionen sind relevant. Denn Diabetespräventionsstudien haben gezeigt, dass man schon mit einigen wenigen Kilo Reduktion bei Risikopatienten den Ausbruch des Diabetes bei etwa 50 Prozent der Patienten verhindern kann.“

Und es ist eine wichtige Ergänzung. „Der Bedarf an Medikamenten, die bei der Gewichtsreduktion helfen, ist enorm, da es erfahrungsgemäß schwierig ist, mit anderen Maßnahmen dauerhaft Gewicht zu reduzieren“, so Blüher. „Doch man muss hinsichtlich der Wirkung pharmakologischer Therapieansätze realistisch sein und darf keine überhöhten Erwartungen haben.“

Der Bedarf an Medikamenten, die bei der Gewichtsreduktion helfen, ist enorm, da es erfahrungsgemäß schwierig ist, mit anderen Maßnahmen dauerhaft Gewicht zu reduzieren. Prof. Dr. Matthias Blüher

Neben den Auswirkungen auf das Körpergewicht verbesserte Liraglutid auch Stoffwechselparameter wie HbA1c, Nüchternglukose und -insulin. Dieser Effekt war bei den Patienten mit Prädiabetes besonders ausgeprägt. Tatsächlich war die Prädiabetesprävalenz in der Liraglutid-Gruppe nach 56 Wochen deutlich niedriger als in der Placebogruppe – zu Anfang war das Verhältnis noch ausgeglichen gewesen, und in der Placebogruppe hatten im Laufe des Studienjahres mehr Patienten einen Diabetes entwickelt.

„Medikamentöse Maßnahmen in der Adipositastherapie haben zum Ziel, Folgeerkrankungen der Adipositas wie einen Typ-2-Diabetes hinauszuzögern oder gar ganz zu verhindern“, sagt Blüher. „Die Reduktion von Prädiabeteserkrankungen und Verbesserung von Parametern des Glukosestoffwechsels ist in dieser Hinsicht besonders relevant.“

Für wen ist eine Therapie mit Liraglutid geeignet?

„Eine pharmakologische Adipositastherapie ist nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung für Patienten geeignet, bei denen mit konservativen Maßnahmen wie Ernährungstherapie, Bewegung oder multimodalen Ansätzen keine ausreichende Abnahme erreicht werden konnte“, so Blüher. „Die Optionen für eine medikamentöse Adipositastherapie sind eingeschränkt. Mit Liraglutid tut sich nun eine neue Option für die medikamentöse Adipositastherapie auf, die wirksam und relativ sicher zu sein scheint.“

Medikamente zur Gewichtsreduktion sind nämlich berüchtigt für ihre potenziellen Nebenwirkungen, seien es die unangenehmen Fettstühle unter Orlistat oder das Suchtpotenzial des zur Klasse der Amphetamine gehörenden Appetitzüglers Cathin. Als bereits etabliertes Diabetesmedikament bot Liraglutid hinsichtlich der Nebenwirkungen keine Überraschungen: Das Sicherheitsprofil entspreche dem, was aus früheren Untersuchungen bekannt war, berichten die Autoren.

Magen-Darm-Beschwerden waren häufig, aber zum größten Teil vorübergehend. Ereignisse, an denen die Gallenblase beteiligt war, waren unter Liraglutid häufiger als unter Placebo. GLP-1-basierte Therapien sind bekannt für das erhöhte Pankreatitisrisiko. Von den 11 Pankreatitiserkrankungen in der vorliegenden Studie waren 10 in der Liraglutid-Gruppe und eine in der Placebogruppe. Für die Hälfte der Pankreatiden in der Liraglutid-Gruppe waren Gallensteine verantwortlich.

„Aufgrund der Häufung von Pankreatiden sollten Patienten vor dem Einsatz von GLP-1-Mimetika immer über das erhöhte Risiko dafür aufgeklärt werden“, betont Blüher.

Liraglutid ist in Europa unter dem Markennamen Saxenda® (Hersteller: NovoNordisk) zur Adipositastherapie zugelassen, wie Medscape Deutschland berichtete. Saxenda® ist in Deutschland jedoch noch nicht auf dem Markt erhältlich.

REFERENZEN:

1. Pi-Sunyer X, et al: NEJM 2015;373:11-22

Kommentar

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