Adleraugen brauchen natürliches Sonnenlicht – so beugt man bei Kindern einer Kurzsichtigkeit vor

Petra Plaum

Interessenkonflikte

2. Juli 2015

Prof. Dr. Frank Schaeffel

Kinder, die viel Zeit im Freien verbringen, senken ihr Risiko, kurzsichtig zu werden, fasst eine Arbeit aus Nature den Stand der Forschung zusammen [1]. Wie lange man sie jedoch zu Outdoor-Aktivitäten verpflichten sollte, ist noch nicht ganz klar. „Die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Tageslicht und Entwicklung einer Myopie ist noch zu erforschen“, sagt Prof. Dr. Frank Schaeffel, Leiter der Sektion für Neurobiologie des Auges am Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen, gegenüber Medscape Deutschland.

Warum es für die Brechungsfähigkeit so gut ist, sich draußen statt drinnen aufzuhalten, liegt am Neurotransmitter Dopamin. Bei Kindern, die sich tagsüber häufig im Freien aufhalten, wird in der Netzhaut mehr Dopamin produziert als bei Stubenhockern.

Dopamin in der Netzhaut verhindert, dass der Augapfel übermäßig in die Länge wächst. Ist er zu lang, wird ein entfernter Gegenstand nicht mehr auf die Netzhaut abgebildet, der Brennpunkt liegt dann davor; der Kurzsichtige kann deshalb in der Ferne nicht mehr scharf sehen, für Gegenstände direkt vor seinem Auge reicht die Brechkraft von Hornhaut und Linse jedoch aus. Genetische Faktoren spielen allerdings auch eine Rolle und nicht zuletzt die frühe und häufige Fokussierung auf Gegenstände in der Nähe – Paradebeispiel ist das Lesen.

Je länger „Outdoor“, desto weniger kurzsichtig

Die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Tageslicht und Entwicklung einer Myopie ist noch zu erforschen. Prof. Dr. Frank Schaeffel

Eine amerikanische Studie mit Drittklässlern, die man über 5 Jahre beobachtete, macht deutlich, wie sehr es sich lohnt, die Kinder vor die Tür zu jagen: Zu Beginn waren alle Studienteilnehmer normalsichtig, zumindest auf dem rechten Auge. Am Ende der Studie waren die Teilnehmer 13 bis 14 Jahre alt, 11% hatten rechts eine Myopie (minus 0,75 Dioptrien oder mehr).

Neben dem Vorliegen einer Fehlsichtigkeit von Mutter und/oder Vater war für die Wissenschaftler von Interesse, wie viele Stunden die Schüler sich im Freien aufhielten. Kurzsichtige Eltern zu haben, erhöhte wie erwartet das Risiko für eine Myopie signifikant – wenig Zeit im Freien allerdings ebenso: Jene Kinder, die im Untersuchungszeitraum normalsichtig blieben, verbrachten durchschnittlich 11,7 Stunden pro Woche draußen, die Kinder, die eine Myopie entwickelten, 3,7 Stunden weniger.

Und 2008 zeigte eine australische Studie, für die 2.367 Zwölfjährige rekrutiert worden waren: Je mehr Zeit die Teilnehmer im Freien verbrachten, desto geringer das Risiko einer Myopie. Die Assoziation blieb signifikant, nachdem die Ergebnisse um Störfaktoren (Myopie der Eltern, viel Naharbeit, Ethnie) bereinigt worden waren. Die Australier untersuchten zudem, ob Bewegung unabhängig vom Tageslicht mit weniger Myopie assoziiert sein könnte – und fanden keinerlei Belege hierfür.

In Asien ist die Myopie besonders weit verbreitet. Aus China wird gemeldet, dass 9 von 10 jungen Erwachsenen kurzsichtig sind. Schul- und Arbeitstage der asiatischen Jugend sind lang, Zeit im Freien ist zumindest in den Städten rar. Untersuchungen zur Myopie-Prophylaxe kommen daher immer öfter aus Asien.

Im südlichen Taiwan nahmen 2 Grundschulen am Stadtrand an einer Studie teil. Gab es ein Outdoor-Angebot, wurden nach einem Jahr nur bei 8,41% der Kinder erstmals eine Kurzsichtigkeit diagnostiziert, in der Schule ohne Outdoor-Angebot hingegen bei 17,65%. Unter jenen Schülern, die bereits zu Studienbeginn myop waren, bremste das Outdoor-Angebot die Weiterentwicklung der Fehlsichtigkeit signifikant ab.

Geht es auch ohne Sonnenlicht?

Aber muss es immer Sonnenlicht sein? Im Sonnenlicht sind Wellenlängen von etwa 200 bis etwa 700 nm enthalten. Den meisten künstlichen Lichtquellen fehlt hingegen das UV-Licht mit Wellenlängen unter 380 nm. Bekannt ist, dass UV-Licht in höheren Dosen zwar das Auge wie auch die Haut schädigt.

UVB-Strahlen führen allerdings dazu, dass in der Haut Vitamin D3 produziert wird – und ein Mangel dieses Vitamins wird in einer Untersuchung aus Korea ebenfalls mit Kurzsichtigkeit in Verbindung gebracht. Tierversuche stützen diese Hypothese allerdings nicht. Schaeffel gibt zu bedenken, dass UV-Lichtbäder bei Hühnern und Vitamin-D-Supplemente bei Spitzhörnchen keine Vorteile in Hinblick auf die Myopie brachten.

Kommentar

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