Ist der Neurogeriater der Geriater der Zukunft? Mehr neurologische Kompetenz für Ältere gefordert

Manuela Arand

Interessenkonflikte

29. Juni 2015

Berlin – „Die Berührungspunkte zwischen Neurologie und Geriatrie sind in Europa bisher nur klein, wenn sie überhaupt existieren“, konstatierte Prof. Dr. Walter Maetzler, Leitender Oberarzt am Neurologischen Universitätsklinikum Tübingen, beim ersten Kongress der EAN, der European Acadamy of Neurology [1]. Er plädierte für eine neue medizinische Disziplin: „Neurogeriatrie würde Lücken füllen und ist mehr als der Transfer neurologischen Wissens auf geriatrische Patienten und umgekehrt.“

 
Neurogeriatrie würde Lücken füllen und ist mehr als der Transfer neurologischen Wissens auf geriatrische Patienten und umgekehrt. Prof. Dr. Walter Maetzler
 

Wie bedeutsam ein solches Fachgebiet werden könnte, zeigt schon die Tatsache, dass die meisten geriatrischen Patienten neurologische Komorbiditäten aufweisen, so sie nicht erst durch diese Erkrankungen zu medizinischen Problemfällen geworden sind. Umgekehrt treten viele neurologische Leiden gehäuft bei älteren Menschen auf  – man denke nur an Parkinson, Demenz und Schlaganfall, deren Prävalenz jenseits des 70. bis 80. Lebensjahres steil ansteigt.

In einer Untersuchung aus der Schweiz wies jeder vierte Patient über 75 Jahre, der im Universitätsspital Bern notfallmäßig aufgenommen wurde, kognitive Defizite auf, jeder zehnte war delirant. Zwei Drittel waren in ihrer Mobilität eingeschränkt, fast ebenso viele hatten Probleme mit Alltagsaktivitäten. „Neurologische Kenntnisse sind unverzichtbar für das adäquate Assessment geriatrischer Patienten“, betonte Maetzler.

Während sich die „klassischen“ medizinischen Disziplinen vor allem um Störungen von Körperfunktionen und -strukturen kümmern, geht es in der Geriatrie und Neurogeriatrie primär um Einschränkungen von Aktivität und Partizipation. Wichtigster Outcome-Parameter: die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQL), für die Körperfunktionen oft nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Studienrealität spiegelt das aber nicht wieder, wie eine von Maetzlers Doktorandinnen in einem Review von Parkinson-Studien feststellte. Fast immer standen körper- und funktionsbezogene Endpunkte im Mittelpunkt, wenn die Lebensqualität geprüft wurde. Nur ein Drittel der Studien prüfte auch die Aktivität der Patienten, die soziale Teilhabe betrachteten nur 10%. Das steht im diametralen Gegensatz zur Bedeutung dieser Domänen für die HRQL.

Sarkopenie: Auch eine neurologische Erkrankung?

 
Die Neurogeriatrie könnte DIE medizinische Fachrichtung sein, die Aspekte der Aktivität und Partizipation von geriatrischen Patienten systematisch mit neurologischen Aspekten kombiniert. Prof. Dr. Walter Maetzler
 

„Die Neurogeriatrie könnte DIE medizinische Fachrichtung sein, die Aspekte der Aktivität und Partizipation von geriatrischen Patienten systematisch mit neurologischen Aspekten kombiniert“, meinte Maetzler. Wie Interdisziplinarität zum Erkenntnisgewinn bei einem typisch geriatrischen Problem beitragen kann, erläuterte er am Beispiel der Sarkopenie als altersassoziiertes Phänomen, das viele Senioren ihre Unabhängigkeit kostet.

Aktuelle neurologische Forschung hat gezeigt, dass Defizite an Motoneuronen und der neuromuskulären Endplatte zur Sarkopenie beitragen können. Bekannt ist ferner, dass die Hochregulation von Myostatin das Potenzial zum Muskelaufbau vermindert. Einmal verlorene Muskelmasse zurückzugewinnen, ist deshalb enorm schwierig.

Sarkopenie ist mehr als Muskelschwund: Weil auf den Knochen nicht mehr genug Muskelkraft einwirkt, wird der Knochenumbau nicht mehr ausreichend stimuliert, das beschleunigt den Verlust an Knochenmasse. Die Sarkopenie wird aktuellen Untersuchungen zufolge häufig von einer chronischen systemischen Inflammation begleitet, welche die pathologischen Prozesse noch verstärkt.

Intensiviert werden diese Prozesse durch eine reduzierte Insulinsensitivität, die ebenfalls häufig die Sarkopenie begleitet und ihrerseits einen Link zur Alzheimer-Demenz darstellt, wie Maetzler erklärte. Bei dem Phänomen Sarkopenie treffen also nicht nur Neurologie und Geriatrie aufeinander, sondern auch noch Endokrinologie und Osteologie – und wahrscheinlich noch eine Reihe anderer Fächer.

Bisher steht es in Europa nicht gut um die Zusammenarbeit von Neurologen und Geriatern. Zwar gibt es die Geriatrie als eigenständige Fachrichtung in 19 von 31 europäischen Ländern, aber Neurologie ist in nicht einmal der Hälfte davon Bestandteil der geriatrischen Ausbildung, und wo sie es ist, wird meist nur wenige Zeit darauf verwandt. Nur in 4 Ländern können Neurologen eine geriatrische Subspezialisierung erlangen – immerhin: Deutschland gehört dazu, neben Österreich, Polen und Frankreich.

Neurogeriatrie – Vorschlag für eine Definition

(nach Prof. Dr. Walter Maetzler)

Neurogeriatrie befasst sich mit Menschen und ihrem Alterungsprozess und fokussiert sich dabei auf das Nervensystem auf Organ- und Zellebene, vor allem aber auf funktioneller Ebene. Interdisziplinäre Erfassung und Behandlung systemischer Ursachen und Folgen von Funktionsstörungen sind dabei von zentraler Bedeutung. Das setzt die Fähigkeit voraus, im Einzelfall Funktionsstörungen des Nervensystems, ihr altersassoziiertes Auftreten und Fortschreiten zu verhindern, zu diagnostizieren und zu behandeln mit dem erklärten Ziel, die persönliche Mobilität, Aktivität und Partizipation alternder Menschen zu verbessern, zu erhalten oder zurückzugewinnen.

 

REFERENZEN:

1. Erster Kongress der European Academy of Neurology (EAN), 20. bis 23. Juni 2015, Berlin

 

Kommentar

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