„Bemerkenswerter Aufwand“ gegen MERS: Wie überwacht Südkorea Tausende Kontaktpersonen?

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

25. Juni 2015

Um einen Seuchenausbruch zu verhindern, sind schnelle Reaktionen gefragt. Bis zum ersten Nachweis des Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV) in Südkorea verstrich jedoch zunächst wertvolle Zeit, u.a. weil schlicht niemand mit dem Auftauchen des Virus in dem Land gerechnet hatte. Mittlerweile sind bei dem größten Ausbruch außerhalb der arabischen Halbinsel 179 Fälle dokumentiert, 27 Patienten starben (Stand 24. Juni 2015).

Außerdem befinden sich derzeit 2.805 Personen, die Kontakt mit einem MERS-Patienten hatten, in Quarantäne bzw. dürfen ihr Zuhause vorübergehend nicht verlassen. Ziel der Maßnahme ist es, bei auftretenden Krankheitssymptomen (z.B. Fieber oder Husten) sofort reagieren – sprich den Patienten auf eine Isolierstation verlegen – zu können. Weitere 10.718 Personen haben die zweiwöchige Quarantänezeit bereits hinter sich.

 
Ein bemerkens- werter Aufwand. Margaret Harris
 

„Ein bemerkenswerter Aufwand“, sagt Margaret Harris, Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Gespräch mit Medscape Deutschland. Denn die südkoreanischen Behörden verlassen sich nicht einfach darauf, dass sich die Menschen schon melden werden, wenn es anfängt im Hals zu kratzen. „Diese Personen werden zweimal täglich angerufen. Und wenn sie nicht antworten, kommt jemand zu Besuch und überprüft, warum keiner ans Telefon geht. Einige Personen werden auch zweimal täglich besucht“, beschrieb Dr. Keiji Fukuda, WHO-Generaldirektor für Gesundheitssicherheit und Umwelt, das Vorgehen der südkoreanischen Behörden auf einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch [1].

Die Regierung hatte zunächst Vertrauen verspielt

Zum Teil erhielten die Menschen sogar Unterstützung beim Lebensmitteleinkauf, wenn sie das Haus nicht verlassen dürften, ergänzt Harris. Tatsächlich scheint die südkoreanische Regierung fest entschlossen, den Ausbruch nun so schnell wie möglich aufzuhalten und jeden Infektionsfall so früh wie möglich aufzuspüren. Dabei muss sie allerdings noch gegen das Misstrauen der Bevölkerung ankämpfen, sagt Harris.

Denn nachdem der erste Patient in Südkorea am 20. Mai bestätigt worden war, setzte die dortige Regierung mit ihrer restriktiven Informationspolitik zunächst das Vertrauen der Menschen aufs Spiel – ein gewichtiger Faktor, wenn es darum geht, auch unliebsame Maßnahmen durchzusetzen. Tatsächlich lässt sich kaum mehr nachvollziehen, weshalb etwa die Liste der Krankenhäuser, in denen die ersten MERS-Patienten behandelt wurden, fast 2 Wochen unter Verschluss gehalten wurde.

Weitere Fehler will sich die Regierung offenbar nicht mehr vorwerfen lassen müssen und geht nun umso gewissenhafter vor. Auf der Website des Gesundheitsministeriums finden sich mittlerweile neben den Fallzahlen stetig aktualisierte Auflistungen von Krankenhäusern mit bestätigten Infektionen sowie von Krankenhäusern, in denen sich Infizierte während oder nach der Inkubationszeit aufhielten, insgesamt fast 90 Einrichtungen. Außerdem wurde eine MERS-Telefon-Hotline in derzeit 19 verschiedenen Sprachen eingerichtet, darunter Englisch, Deutsch, Russisch und Nepalesisch.

Das Netz aus Maßnahmen ist durchlässig

Dass das Netz aus Maßnahmen, welches u.a. auf konsequenter Isolation tausender Kontaktpersonen beruht, nicht ganz undurchlässig ist, wurde bereits Ende Mai deutlich. Ein Mann, dessen Vater und Schwester zu den ersten bestätigten MERS-Fällen in Südkorea zählten und der selbst bereits Fieber entwickelt hatte, flog damals unbehelligt nach Hong Kong und reiste anschließend per Bus in die Provinz Guangdong weiter. Erst nachdem er dort an einem ganztägigen Meeting teilgenommen hatte, machten ihn die chinesischen Behörden nach Hinweisen der WHO in seinem Hotel ausfindig [2].

Da bereits bekannt war, mit welchem Virus der Mann (zu der Zeit noch mutmaßlich) infiziert war, folgten die Konsequenzen prompt: Nur wenige Tage später fanden sich 27 Hotelangestellte, 19 Kollegen des Mannes, 13 Kellner, 13 Busfahrer und 6 Flugpassagiere in Quarantäne wieder und wurden den WHO-Empfehlungen entsprechend 14 Tage überwacht. Bislang blieb es bei dem einen Fall in China.

Die südkoreanische Regierung setzt vielleicht auch aufgrund dieser Erfahrung nicht mehr nur auf Telefonanrufe oder Besuche bei den Kontaktpersonen, sondern überwacht mittlerweile auch deren Bewegungen anhand ihrer Mobilfunkdaten.

Der beste Plan nützt nichts, wenn man überrascht wird

Empfehlungen für das Management von Kontaktpersonen laborbestätigter symptomatischer MERS-Fälle in Deutschland hat auch das Robert Koch-Institut mittlerweile entwickelt. Eine häusliche Absonderung für Kontaktpersonen mit einem „höheren“ Risiko – z.B. nach Kontakt mit Sekreten oder Körperflüssigkeiten eines bestätigten MERS-Falles – gehört demnach zwar nicht zu den vorgesehenen Maßnahmen. Aber auch hierzulande sind die Kontaktpersonen u.a. dazu angehalten, zweimal täglich die Körpertemperatur zu messen und bei typischen Symptomen das Gesundheitsamt zu informieren.

 
Eine Lektion, die wir aus alldem lernen, ist, dass diese Art von Ausbrüchen ganz klar überall in der Welt geschehen können. Dr. Keiji Fukuda
 

Dass der beste Plan nichts nützt, wenn beispielsweise die Infektion des Indexpatienten übersehen wird, wurde aber auch schon Fachleuten in Deutschland vor Augen geführt. So ist der erste MERS-Patient in Deutschland 2012 – wenige Monate nach dem ersten bestätigten Auftreten des Virus auf der arabischen Halbinsel – fast einen Monat lang in einer Essener Klinik behandelt worden, bevor die Diagnose feststand. Dass sich keiner der 123 identifizierten Kontaktpersonen ansteckte, lag vermutlich nur daran, dass der Patient erst am 20. Krankheitstag aus Katar nach Essen verlegt wurde und die Infektiosität bereits entsprechend niedrig war.

„Eine Lektion, die wir aus alldem lernen, ist, dass diese Art von Ausbrüchen ganz klar überall in der Welt geschehen können“, sagte auch Fukuda letzten Mittwoch. „Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Länder auf die Möglichkeit eines solchen Ausbruchs vorbereitet sind.“

 

REFERENZEN:

1. WHO Virtual Press Conference, 17. Juni 2015

2. Wu J, et al: Euro Surveill. 2015;20(24):pii=21158

 

Kommentar

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