Wenig Kohlenhydrate und die mit niedrigem glykämischen Index: Keineswegs die Optimal-Diät

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

25. Juni 2015

In den Ernährungsempfehlungen spielen Kohlenhydrate eine wichtige Rolle. Wie sinnvoll ist die generelle Restriktion von Kalorien mittels geringen Kohlenhydratanteilen (Low-Carb). Welche Rolle spielt der glykämische Index (GI)? Auf dem Kongress der American Diabetes Association (ADA) in Boston ging es darum, was die in manchen Studien enttäuschenden Ergebnisse von Low-Carb und Low-GI für Diabetespatienten bedeuten [1].

Prof. Dr. Frank Sacks von Departement für Ernährung an der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, USA, präsentierte eine Metaanalyse mit 11 Kohortenstudien – allerdings nur mit Daten von Menschen ohne Diabetes. Diese untersuchte, ob weniger koronare Herzerkrankungen (KHK) auftreten, wenn gesättigte Fettsäuren (saturated fatty acids, SFA) in der Nahrung durch einfach oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren (MUFA/PUFA) oder durch Kohlenhydrate ersetzt werden.

 
Wenn wir unseren Patienten empfehlen, weniger Kohlenhydrate zu essen, werden sie stattdessen unter Umständen beispielsweise mehr Fette oder fettreiches tierisches Eiweiß konsumieren. Prof. Dr. Stephan Jacob
 

Das Ergebnis dieser Metanalyse: Wird der Anteil der gesättigten Fette an der Gesamtenergie um 5% reduziert und werden diese durch mehrfach ungesättigte Fette ersetzt, nimmt das KHK-Risiko  um 13% ab; koronar bedingte Todesfälle sind sogar um 26% seltener. Erhielten die Probanden dagegen mehr einfach ungesättigte Fette hatte dies keinen Effekt auf die KHK. Bekamen die Patienten aber Kohlenhydrate statt der gesättigten Fette, stieg die KHK-Rate sogar noch um 7% an, die KHK-Sterblichkeit blieb unverändert.

Dieses Ergebnis muss man nach Ansicht von Prof. Dr. Stephan Jacob, niedergelassener Endokrinologe, Diabetologe und Ernährungsmediziner in Villingen-Schwenningen, jedoch differenziert betrachten. „Wenn wir unseren Patienten empfehlen, weniger Kohlenhydrate zu essen, werden sie stattdessen unter Umständen beispielsweise mehr Fette oder fettreiches tierisches Eiweiß konsumieren. Womit genau sie die eingesparten Kohlenhydrate ersetzen, hängt in der Praxis weniger von ärztlichen Empfehlungen als von den individuellen Präferenzen ab”, sagte er im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Gewichtsabnahme nicht von Dauer

In einer eigenen Studie hat Sacks trotzdem versucht, den Probanden ganz exakte Vorgaben zu machen, hier ging es vor allem um den Einfluss auf das Körpergewicht. 811 übergewichtige oder adipöse Menschen ohne Diabetes erhielten eine von 4 Diäten:

  • • Low-Fat-Moderate-Protein (20% Fett, 15% Protein, 65% Kohlenhydrate),

  • • Low-Fat-High-Protein (20% Fett, 25% Eiweiß, 55% KH),

  • • High-Fat-Moderate-Protein (40% Fett, 15% Protein, 45% KH) oder

  • • High-Fat-High-Protein (40% Fett, 25% Eiweiß, 35% KH).

Der Kohlenhydratanteil war also mit 65%, 55%, 45% und 35% sehr unterschiedlich. Jede der Diäten sollte 750 kcal unter dem Tagesbedarf liegen, auch sonst gab es detaillierte Vorschriften. Nach 6 Monaten hatten die Teilnehmer in allen 4 Gruppen im Schnitt etwa 6 kg abgenommen, nach 12 Monaten begannen sie wieder zuzunehmen, nach 2 Jahren betrug ihr mittlerer Gewichtsverlust nur noch 3 bis 4 kg.

Welche Diät sie hatten, spielte dabei kaum eine Rolle: Beim Vergleich High- vs. Low-/Moderate-Fat (jeweils -3,3 kg) und High- vs. Low-/Moderate-Protein (-3,6 kg vs. -3,0 kg) war allenfalls ein Trend zugunsten der High-Protein-Varianten erkennbar. Die Menge der Kohlenhydrate hatte somit kaum einen Einfluss: Teilnehmer mit hoher Kohlenhydratzufuhr hatten nach 2 Jahren weder einen signifikanten Nachteil noch einen Vorteil beim Körpergewicht.

 
Der Mensch in solchen Studien ist halt kein ‚Labortier‘, bei dem die äußeren Umstände – wie die Verfügbarkeit von Essen – genau kontrolliert werden können. Prof. Dr. Stephan Jacob
 

Jacob sieht hier die Bestätigung dafür, dass exakte Ernährungsvorschriften langfristig nicht funktionieren: „Der Mensch in solchen Studien ist halt kein ‚Labortier‘, bei dem die äußeren Umstände – wie die Verfügbarkeit von Essen – genau kontrolliert werden können."

Für die tägliche Praxis  empfahl er auf Nachfrage von Medscape Deutschland, mit jedem Patienten erst einmal die „Ist-Situation" zu erheben und nach Auswertung seines Ernährungsprotokolls einen individuellen Plan zu erstellen. „Ist Gewichtsabnahme das wichtigste Ziel, dann sollten wir vor allem darauf achten, dass die Gesamtbilanz leicht hypokalorisch ist, dass der Patient Snacks und Spätmahlzeiten vermeidet und dass er sich bewegt”, so sein Rat.

Übrigens: Während die Zusammensetzung der Makronährstoffe in Sacks‘ Studie keine Rolle spielte, war die regelmäßige Teilnahme an den Einzel- und Gruppensitzungen ein Erfolgsgarant – pro absolvierter Sitzung hatten die Patienten im Schnitt 200 g weniger Körpergewicht.

Ist ein niedriger glykämischer Index (GI) die Lösung?

Gerade Diabetikern wird oft die Vermeidung „schneller“ Kohlenhydrate mit hohem glykämischem Index (GI) empfohlen, aber taugen solche Ernährungsregime zur Gewichtsabnahme? In den OmniCarb Randomized Controlled Trial wurden 163 übergewichtige Erwachsene – wiederum ohne Diabetes – im Alter ab 30 Jahren eingeschlossen. Es wurden im Crossover-Verfahren 4 Ernährungsregime eingesetzt, alle basierten auf der für die Blutdrucksenkung designten DASH-Diät („Dietary Approaches to Stop Hypertension“) und dauerten jeweils 5 Wochen.

Die Diäten waren im „2 x 2-Design“ zusammengestellt: 2 waren reich an Kohlenhydraten (58% der Gesamtenergie); die anderen beiden nicht (40% Kohlenhydrate). Jeweils eine High- und eine Low-Carb-Diät enthielt Kohlenhydrate mit hohem GI (65% auf der Glukoseskala) bzw. mit niedrigem GI (40% auf der Skala). Die Glukoseskala gibt an, wie stark ein Nahrungsstoff im Vergleich zu 50 g reiner Glukose den Blutzuckerspiegel in den 2 Stunden nach dem Verzehr ansteigen lässt. Einen hohen GI haben zum Beispiel Kuchen, Süßgetränke, Weißbrot, weißer Reis und Kartoffeln.

Bei Stoffwechselgesunden hilft Low-GI kurzfristig nicht

Die Ergebnisse waren unerwartet, so Sacks. So wurde das Körpergewicht mit allen 4 Diäten jeweils um etwa 1 kg in 5 Wochen reduziert. Die Low-GI-DASH-Diäten hatten aber nicht den erwarteten Einfluss auf den Blutdruck, egal, ob viel oder wenig Kohlenhydrate verzehrt wurden. Bei Low-Carb-Ernährung wurde auch das LDL-Cholesterin nicht durch den GI beeinflusst.

Teilweise war ein niedriger GI sogar von Nachteil: Mit der High-Carb-, Low-GI-Diät war das LDL-Cholesterin um 6% erhöht und die Insulinsensitivität um 20% verringert. Auf den  Nüchternblutzucker hatte der GI  im Gesamtkollektiv keinen Einfluss. In einer Subgruppe von 50 Personen, die trotz der Einschlusskriterien einen Nüchternwert von über 100 mg/dl (>5,5 mmol/l) hatten, stieg dieser aber unter den Low-GI-Diäten sogar noch an.

Nur ein einziges positives Ergebnis der Low-GI-Ernährung brachte diese Studie zutage: In der Low-Carb-, Low-GI-Gruppe wurden die Triglyzeride um 5% reduziert.

Aber: Metaanalysen zeigen Nutzen bei (Prä-) Diabetikern

Der fehlende Nutzen der Low-GI-Diäten kann laut Sacks nicht der DASH-Diät angelastet werden: Auch in anderen Studien blieb die Low-GI-Ernährung wirkungslos. Jedenfalls bei Nichtdiabetikern.

Allerdings lassen sich solche Ergebnisse nicht ohne weiteres auf Diabetiker übertragen. Sacks zitierte Metaanalysen, in denen die Low-GI-Ernährung bei diesen eben doch eine Senkung – und keine Erhöhung – des LDL-Cholesterins gezeigt hatte.

Auch sonst gibt es keine Entwarnung für eine High-GI-Ernährung. So ergaben weitere Metaanalysen einen signifikanten Anstieg der Diabetesinzidenz um bis zu 33% bei Konsum von viel (weißem) Reis, Kartoffeln oder Pommes. Wurden der Faseranteil und die glykämische Last (GL) der Nahrung mitberücksichtigt – letztere schließt neben dem GI noch die Kohlenhydratmenge mit ein – dann wurden die Unterschiede noch größer. Die „ungesündeste“ Variante (hier: hoher GI, hohe GL, niedriger Faseranteil) war mit einer 55%igen Steigerung der Diabetesinzidenz verbunden.

 
Es bringt nicht automatisch immer einen Nutzen oder Schaden, helles Brot, Nudeln und Süßes aus dem Speiseplan zu verbannen Prof. Dr. Stephan Jacob
 

„Es bringt nicht automatisch immer einen Nutzen oder Schaden, helles Brot, Nudeln und Süßes aus dem Speiseplan zu verbannen”, betonte Jacob gegenüber Medscape Deutschland. „Zu viele Faktoren jenseits des Kohlenhydratanteils und des GI spielen dabei eine Rolle – so auch die Mahlzeiten- (Snack-) Frequenz und die Portionsgrößen.“ Trotzdem solle man gerade bei Diabetikern wegen der postprandialen Blutzuckerspitzen den GI nicht außer Acht lassen.

Jacob schlägt seinen Diabetespatienten ein Experiment vor: „Wer gern Süßes oder Brezeln isst, sollte dies einmal zum Frühstück tun und vorher und zum Beispiel zwei Stunden nachher den Blutzucker messen, das bringt einen beachtlichen Erkenntnis- und Motivationsgewinn.” Wer dennoch nicht auf sein Marmeladenbrötchen verzichten wolle, könne nach dem Essen etwas Bewegung einplanen, etwa einen 30-minütigen Spaziergang.

Fazit: Keine klaren Diätempfehlungen möglich

Der ungünstige Einfluss eines niedrigen GI auf LDL-Cholesterin und Insulinresistenz bei Nichtdiabetikern in Sacks‘ aktueller Studie war ein überraschendes Ergebnis. Es steht im Widerspruch zum häufig beobachteten günstigen Effekt der Low-GI-Ernährung auf das LDL-Cholesterin von Diabetikern und auf die Diabetesinzidenz, bestätigt auch Jacob.

Ein funktionierendes Patentrezept für die langfristig „richtige“, metabolisch und kardiovaskulär günstige Ernährung gibt es derzeit also wohl nicht, weder für Diabetiker noch für Stoffwechselgesunde.

 

REFERENZEN:

1. 75th Scientific Sessions of the American Diabetes Association (ADA), 5. bis 9. Juni 2015, Boston

 

Kommentar

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