Braucht jedes Dorf einen Arzt? Fachärzte und Politiker streiten über die Verlagerung von Sitzen und volle Praxen

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

23. Juni 2015

Dr. Andreas Gassen

Berlin – Müssen Patienten künftig einen Eigenanteil zahlen, wenn sie häufig zum Facharzt gehen? Dr. Andreas Gassen hält das für möglich. „Im Moment haben wir eine völlig ungedeckelte Nachfrage“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Die Flatrate ist offenbar verführerisch.“

Über die angemessene Zahl von Fachärzten, die Terminvergabe und die Versorgung ländlicher Regionen ging es auf dem Symposium „Miteinander statt nebeneinander – Was erwartet die Politik von den Fachärzten?“ auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit. Eingeladen waren Bundestagsabgeordnete aller Parteien [1].

Wie frei ist ein freiberuflicher Arzt?

Für Kontroversen sorgte dabei auch das am 11. Juni verabschiedete Versorgungsstärkungsgesetz (wie Medscape Deutschland berichtete). Vor allem, weil es unter anderem vorsieht, Praxissitze in überversorgten Gebieten abzubauen und in unterversorgte Regionen zu verlagern.

Zudem sollen leichter medizinische Versorgungszentren (MVZs) gegründet werden können. Dort können Landärzte angestellt und in Teilzeit arbeiten – müssen sich also nicht auf Jahrzehnte festlegen und das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis tragen. Das soll mehr junge Ärzte aufs Land locken.

„Wir brauchen hier neue Strukturen“, sagt Dr. Edgar Franke, SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, „damit tragen wir auch der Feminisierung der Medizin Rechnung.“ Seine Kollegin Maria Klein-Schmeink von den Grünen fordert: „Ärzte müssen sich auf die einstellen, die in Zukunft vornehmlich ihre Patienten sind.“ 

 
Es kann nicht jedes Dorf einen Arzt haben. Dr. Andreas Gassen
 

Doch viele Mediziner sehen in der Lenkung der Niederlassungen einen Angriff auf die Freiberuflichkeit. „Es kann nicht jedes Dorf einen Arzt haben“, sagt Gassen. Statt mehr Steuerung brauche es mehr Flexibilität für neue Versorgungskonzepte. Die CDU/CSU-Abgeordnete Maria Michalk konterte das allerdings mit dem Verweis auf den neuen Innovationsfonds, der jährlich 300 Millionen Euro genau dafür bereitstellt.

Auch bei den Fachärzten im Publikum gab es durchaus Unzufriedenheit mit der bisherigen Verteilung der Sitze. Eine Endokrinologin aus Brandenburg berichtete, dass ihre Praxis ständig „knackevoll“ sei: „Wir sind im ganzen Bundesland nur zwei Niedergelassene.“ 3 weitere Kollegen praktizierten dort, stark reglementiert, mit Ermächtigung. „Die Innere Medizin muss dringend bei der Planung stärker in ihre Fachgebiete aufgeteilt werden.“ Neue Patienten nehme die Endokrinologin zurzeit nur noch an, wenn der Hausarzt sie anrufe und schildere, warum es dringend ist. Da helfen auch die Terminservicestellen nicht, die im neuen Gesetz vorgesehen sind. Gassen meint ohnehin: „Es gibt in Deutschland kein Wartezeitenproblem.“

Auch bei Überversorgung klagen Patienten über Terminprobleme

Birgit Wöllert, Bundestagsabgeordnete der Linken und Obfrau des Gesundheitsausschusses, fordert, über die Terminservicestellen den genauen Bedarf der Patienten zu erheben: „Wie viele sind es denn tatsächlich, die keinen Termin bekommen?“ Auch eine rechnerische Überversorgung sei keine Garantie, dass die Patienten einen Facharzt finden. In Potsdam etwa beträgt die Versorgung mit Kinderärzten 140%. „Trotzdem wird Eltern nach der Geburt gesagt, sie sollten sich einen Kinderarzt im Umland suchen.“

 
Es gibt keine doppelte Facharztschiene, in Kliniken wird eine ganz andere Arbeit geleistet. Dr. Matthias Lohhaus
 

Kritik gab es erneut auch an der Idee, dass Klinik-Fachärzte Patienten ambulant mitversorgen. „Es gibt keine doppelte Facharztschiene“, sagt Dr. Matthias Lohhaus, Landesvorsitzender des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte in Berlin, „in Kliniken wird eine ganz andere Arbeit geleistet.“ Zudem seien die meisten Ärzte dort noch in der Weiterbildung, „das ist eben nicht äquivalent.“ Dr. Axel Schroeder, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen, ergänzte: „Die Kapazitäten sind in den Kliniken auch gar nicht da.“

Den meisten Applaus aus dem Publikum erhielt der Vertreter der FDP: Dr. Heiner Garg, Landtagsabgeordneter in Kiel und Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit a.D., rief dazu auf, „dass Sie sich gegen den Geist, den dieses Gesetz atmet, mit allen Mitteln wehren.“ Seiner Meinung nach wird die Freiberuflichkeit dadurch ausgehöhlt. „Die Versorgung in Deutschland funktioniert ausgezeichnet.“

 

REFERENZEN:

1. Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit, 10. bis 12. Juni 2015, Berlin.
Symposium „Miteinander statt nebeneinander – Was erwartet die Politik von den Fachärzten?“ (10. Juni 2015)

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....