Das Beste aus beiden Welten – Patienten suchen alternative Medizin als Ergänzung

Christian Beneker

Interessenkonflikte

15. Juni 2015

Berlin – Glaubt man den Referenten des Workshops „Hartes Geschäft mit sanfter Medizin“ auf dem Berliner Hauptstadtkongress, so hat die Schulmedizin ein miserables Image [1]. Ungeliebt aber notwendig – so könnte man das Urteil vieler Patienten über den Praxis- und Krankenhausalltag beschreiben.

 
Es gibt eine relevante Patientengruppe, die eine Versorgung mit doppelter Kompetenz sucht. Peter Zimmermann
 

Dagegen assoziieren viele Menschen mit der Komplementär- oder Alternativmedizin eine größere Nähe zu den Bedürfnissen der Patienten, z.B. weniger Nebenwirkungen bei der Medikation, Ärzte, die sich Zeit nehmen für eine Beratung, oder das Interesse für die seelischen Hintergründe einer Erkrankung.

„Es gibt deshalb eine relevante Patientengruppe, die eine Versorgung mit doppelter Kompetenz sucht“, sagte etwa Peter Zimmermann, Geschäftsführer der AnthroMed gGmbH und der Modell Herdecke Plus Integrierte Gesundheitsversorgung GmbH. Also: Nicht die Complementary and Alternative Medicin (CAM) alleine, sondern das Beste aus beiden Welten wünschen sich die Patienten.

Sehnsucht nach ganzheitlicher Betrachtung

 
Mit dem Trend zu Naturmedizin verbinden viele Menschen Sehnsüchte, die durch die Schulmedizin nicht eingelöst werden. Rheingold-Institut
 

Zimmermann zitierte Aussagen aus einer Studie des Kölner Rheingold-Instituts [1]. Es hatte im Jahr 2014 Patienten in qualitativen Interviews danach gefragt, welche Bedeutung die Homöopathie beziehungsweise die Alternativmedizin für sie habe. Das Ergebnis: „Mit dem Trend zu Naturmedizin verbinden viele Menschen Sehnsüchte, die durch die Schulmedizin nicht eingelöst werden: individuelle Zuwendung und ganzheitliche Betrachtung, Verständnis und ausgedehnte Kommunikation“, so das Institut.

Laut Zimmermann wünschen sich deshalb die Patienten, dass ihr Arzt „ein ehrlicher Makler“ sein soll zwischen den verschiedenen Arten der Medizin.

So forderten auch die anderen Referenten nicht, die Schulmedizin durch eine vermeintlich bessere „sanfte“, „alternative“ oder „komplementäre“ Medizin zu ersetzen. Sondern ihnen ging es um eine ergänzende, beziehungsweise Leib und Seele schonende medizinische Versorgung.

Alternativen besonders in der Pflege gefragt

Und das gelte umso mehr für die Pflege im Krankenhaus. „Viele Menschen sehen nach unseren Erkenntnissen in der Krankenhauspflege die letzte Rettung vor einem vollkommen durchorganisierten Klinikalltag“, sagte Rolf Heine, der stellvertretende Pflegedienstleiter der Filderklinik in Filderstadt. Grund genug, sich besonders um eine „sanftere“ Pflege zu bemühen.

„Seit die werteorientierte Pflege der kirchlichen Häuser auf dem Rückzug ist, hat sie in der Palliativmedizin ein neues Zuhause gefunden. Das hat jetzt eine Ausstrahlung auf das ganze System. Hier sollten wir anknüpfen“, sagte Heine.

 
Moderne Medizin ist eine Medizin, die alle Möglichkeiten nutzt. Prof. Dr. Alfred Längler
 

In der anthroposophischen Filderstadtklinik arbeiten die Pflegenden mit Waschungen, rhythmischen Einreibungen und speziellen Wickeln. „Durch diese Aktivierung der Selbstwirksamkeit erleben die Patienten, dass sie zwischen Befund und Befinden selber etwas beitragen können zu ihrer Heilung“, sagte Heine.

Prof. Dr. Alfred Längler, ärztlicher Direktor und seit 2006 Leitender Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke, resümierte in seinem Vortrag denn auch: „Moderne Medizin ist eine Medizin, die alle Möglichkeiten nutzt.“ Eben das sei es, was die Patienten auch erwarten, so Längler.

CAM ist keine Cashcow

Bleibt die Frage der Finanzierung. „Wer in seinem Krankenhaus komplementärmedizinisch arbeiten will, muss seine DRG-Hausaufgaben gemacht haben“, sagte dazu Zimmermann. „Denn die CAM ist keine Cashcow. Ein Haus muss wirtschaftlich gesund sein, um sie anbieten zu können.“

So verdiene man zum Beispiel mit anthroposophischer Pflege kein Geld, „aber über die anthroposophische Komplexpauschale ZE 26 haben wir es mit 30 Einheiten zu je 30 Minuten pro Patient vor allem durch Pflegeleistungen auf zweieinhalb Pflegestellen zusätzlich pro Station gebracht“, sagte Rolf Heine. „Und das ist absolut nennenswert.“ Allerdings verlangt die entsprechende Pflege, etwa die rhythmischen Einreibungen, eine sorgfältige Schulung der Pflegekräfte.

Vor allem aber müsse eine Krankenhausleitung von dem Angebot des Besten aus beiden Welten überzeugt sein. „Die Chefetage muss klar ‚ja‘ sagen“, betonte Zimmermann. Außerdem brauche es ein Versorgungskonzept statt einzelner Maßnahmen und: „Eine Kerngruppe auf der Versorgungsebene muss von dem Konzept überzeugt sein.“

 

REFERENZEN:

1. Hauptstadtkongress, 10. bis 12. Juni 2015, Berlin

 

Kommentar

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