Gegen Nierenschäden bei Herz-OP: Präischämische Konditionierung mit Blutdruckmanschette

Michael Simm

Interessenkonflikte

15. Juni 2015

Prof. Dr. Alexander Zarbock

London – Für große Furore hat auf dem 52. Kongreß der European Renal Association in London eine deutsche Studie gesorgt, bei der Nierenschäden im Gefolge einer Herzoperation durch eine präischämische Konditionierung des Organs deutlich verringert wurden. Die zeitgleich in der Fachzeitschrift JAMA online veröffentlichte Studie von Prof. Dr. Alexander Zarbock, Oberarzt für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Uniklinik Münster, hatte eine Reduktion des akuten Nierenversagens von 53 auf 38% erbracht und den Anteil dialysepflichtiger Patienten nach der Operation von 16 auf 6% gesenkt [1;2].

Prof. Dr. Jan-Christoph Galle

„Das ist eine schöne, gut kontrollierte und hochgradig relevante Studie“, erklärt für die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie Prof. Dr. Jan-Christoph Galle, Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren in Lüdenscheid gegenüber Medscape Deutschland. Das Ergebnis nennt Galle „verblüffend“. Trotz der insgesamt 240 Patienten in der Studie sei die Fallzahl aber immer noch zu niedrig, so dass die Ergebnisse in weiteren Untersuchungen bestätigt werden müßten.

Signalmoleküle warnen die Nieren

Hintergrund der aktuellen Studien ist, dass akutes Nierenversagen zu den häufigsten Komplikationen bei Herzoperationen zählt. Offenbar gibt es jedoch Signalmoleküle, mit denen Nierenzellen sich gegenseitig vor Verletzungen warnen. Das Organ verändert daraufhin seinen Stoffwechsel und wird weniger anfällig für perioperativ anfallende Schadstoffe.

„Der Trick ist einfach“, erläuterte Zarbock am Rande des Londoner Kongresses: „Wir täuschen dem Körper eine Verletzung vor, indem wir eine Arterie im Arm des Patienten für wenige Minuten abbinden. Dadurch kann kein Blut mehr in den Unterarm fließen, der Körper schüttet verschiedene proinflammatorische Mediatoren in den Blutkreislauf aus. Die Nieren filtern diese Moleküle heraus, erkennen sie als Alarmsignale für Schäden im Körper und stoppen die Zellteilung.“ Dadurch würden weitere Schäden verhindert.

Das Team von Zarbock hat nun offenbar eine ischämische Präkonditionierung der Nieren erreicht, einfach indem man unmittelbar vor der Operation eine Arterie im Oberarm der Patienten mit einer Blutdruckmanschette bei 200 mmHg 3 Mal für jeweils 5 Minuten abgebunden hat. „Das war eine pfiffige Idee“, lobt Galle, und fügte hinzu. „Ich wäre nicht auf so etwas gekommen.“

Nach Präkonditionierung seltener akutes Nierenversagen

Insgesamt 240 Herz-OP-Patienten mit hohem Risiko für Nierenschäden gemäß der Klassifizierung der Cleveland Clinic Foundation hatten Zarbock und seine Kollegen in Münster, Tübingen, Freiburg und Bochum randomisiert. Die Hälfte von ihnen bekam eine ischämische Präkonditionierung und die andere Hälfte diente nach einer Scheinbehandlung als Vergleichsgruppe.

Bislang müssen je nach Definition 3 bis 30% der Patienten nach einer Herz-OP damit rechnen, einen Nierenschaden zu erleiden. Zwischen 1 und 5% müssen an die Dialyse, und das Mortalitätsrisiko in dieser Untergruppe ist größer als 60% gegenüber einer Gesamtmortalität von 2 bis 8% nach Herzoperationen.

Vor diesem Hintergrund hatten 3 kleine Studien zur ischämischen Präkonditionierung zuvor widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Nun fanden die Forscher signifikante Unterschiede im Behandlungsergebnis: Ohne die Präkonditionierung hatten 52,5% dieser Patienten mit hohem Komplikationsrisiko binnen 72 Stunden ein akutes Nierenversagen erlitten, mit Präkonditionierung dagegen nur 37,5%. Während unter den ungeschützten Patienten 15,8% dialysepflichtig wurden, waren es in der zweiten Gruppe nur 5,8%. Schließlich verkürzte sich durch die Präkonditionierung auch die Dauer des Aufenthaltes auf der Intensivstation von 4 auf 3 Tage.

Kurzfristig noch keine unterschiede in der Sterblichkeit

 
Die Methode ist billig, sie ist einfach, sie ist nicht invasiv und sie hat offenbar keine Nebenwirkungen. Prof. Dr. Jan-Christoph Galle
 

Zumindest kurzfristig hatte die Prozedur allerdings keine signifikanten Unterschiede in der Sterblichkeit. Auch bei der Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle gab es keine eindeutigen Differenzen – möglicherweise, weil die Zahl der Patienten dafür zu klein war.

„Die beobachtete Verringerung beim Anteil (der Patienten) mit akutem Nierenversagen und Dialysepflicht rechtfertigen weitere Untersuchungen“, schlußfolgern die Autoren in ihrer Publikation. Dem stimmt auch Galle zu: „Es ist noch nicht ganz klar, was da eigentlich passiert. Aber die Methode ist billig, sie ist einfach, sie ist nicht invasiv und sie hat offenbar keine Nebenwirkungen.“ Sollten sich die bisherigen Ergebnisse reproduzieren lassen, so wäre das hochgradig relevant und vermutlich auch auf andere Operationen zu übertragen, erwartet der Nephrologe.

 

REFERENZEN:

1. Zarbock A, et al: JAMA (online) 29. Mai 2015

2. 52. Kongreß der European Renal Association, 28. bis 31. Mai 2015, London

 

Kommentar

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