Positive Familienanamnese beim Mammakarzinom: Angst vor schlechterer Prognose unbegründet

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

11. Juni 2015

Frauen mit Brustkrebs, in deren Familie weitere Brustkrebsfälle bekannt sind, weisen nach der Behandlung keine schlechtere Prognose auf als Frauen ohne familiäre Vorgeschichte. Das ist das Ergebnis einer Studie, die im British Journal of Surgery publiziert worden ist [1].

 
Frauen mit positiver Familienanamnese sollten die gleiche Therapieempfehlung bekommen wie die ohne Familienanamnese. Prof. Dr. Tanja Fehm
 

„Dass sich die Prognosen von Brustkrebspatientinnen mit negativer und positiver Familienanamnese nicht unterscheiden, ist zwar nicht neu“, sagt Prof. Dr. Anton Scharl, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum St. Marien in Amberg. Interessant sei die Studie dennoch, denn „sie bestätigt, was wir seit zehn Jahren zu wissen glaubten“, berichtet der Sprecher der Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO).

Prof. Dr. Tanja Fehm

„Die Ergebnisse sind relevant für die Wahl des Operationsverfahrens und der Systemtherapie. Das heißt in der Praxis, dass die Frauen mit positiver Familienanamnese die gleiche Therapieempfehlung bekommen sollten wie die ohne Familienanamnese“, betont Prof. Dr. Tanja Fehm, Direktorin der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf und AGO-Vorsitzende. Scharl fügt hinzu: „Die Behandlung dieser Patientinnen entspricht deshalb derjenigen bei Frauen ohne Genmutation.“

Rund ein Viertel der Brustkrebsfälle in den entwickelten Ländern wird auf erbliche Faktoren zurückgeführt. „Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind und in deren Familien es eine Vorgeschichte der Erkrankung gibt, fürchten häufig, dass diese Vorbelastungen ihre Prognose negativ beeinflussen“, schreibt Studienleiterin Prof. Dr. Diana Eccles. Für Patientinnen, die sich aufgrund ihrer familiären Vorgeschichte mit Brustkrebs Sorgen machen, halte die Studie deshalb eine wirklich positive Botschaft bereit, betont Eccles.

Die Prognose bei „familiär“ und „sporadisch“ unterscheidet sich nicht

Prof. Dr. Ramsey Cutress, Brustchirurg an der University of Southamptom und am University Hospital Southampton Foundation Trust, und seine Kollegen nahmen in ihre prospektive Kohortenstudie 2.850 Frauen auf. Die Frauen waren jünger als 41 Jahre, litten an sporadisch auftretendem oder an erblichem Brustkrebs und waren in Großbritannien behandelt worden.

Die POSH-Studie (Prospective Outcomes in Sporadic versus Hereditary breast cancer) erfasste die Familiengeschichte, die Tumorgröße, den Hormonrezeptor- und HER-2/neu-Status, das Operationsverfahren und die Art der Chemotherapie. Im Beobachtungszeitraum (9,3 Jahre) wurde auch das krankheitsfreie Intervall (distant disease-free intervall, DDFI) verglichen.

 
Die Familienanamnese allein hat keinen Einfluss auf die Tumorentität. Prof. Dr. Tanja Fehm
 

Von einer negativen Familienanamnese berichteten 65,9% der Patientinnen. Bei 34,1% der Frauen waren Brustkrebs oder Ovarialkrebs bei mindestens einem Verwandten ersten oder zweiten Grades aufgetreten. Patientinnen mit familiärer Vorbelastung wiesen mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Grad-3-Tumor auf (63,3% vs 58,9%), bei ihnen traten hingegen weniger HER-2/neu-positive Tumoren auf.

Beim DDFI gab es nach 5 und nach 8 Jahren keinen signifikanten Unterschied zwischen den Frauen mit positiver oder negativer Familienanamnese. Für die ganze Kohorte lag die Hazard Ratio (HR) bei 0,89 (95% KI 0,76-1,03, p=0,12). Wurde nach Östrogen-Rezeptor(ER)-Status stratifiziert, lag die HR für ER-negative Tumoren bei 0,80 (95% KI: 0,62 – 1,04, p=0,101) und für ER-positive bei 0,95 (95% KI: 0,78 – 1,15, p=0,589). Es fanden sich damit keine signifikanten Unterschiede bei den Rezidivraten bei Frauen mit familiärem Brustkrebs und Frauen mit sporadisch auftretendem Brustkrebs.

„Eine erfolgreiche Behandlung von Brustkrebs ist für junge Patientinnen mit familiärer Vorgeschichte genauso wahrscheinlich wie für Patientinnen, die keine familiäre Vorbelastung aufweisen“, beruhigt Cutress. „Patientinnen mit familiärer Vorgeschichte können deshalb versichert sein, dass ihre Vorbelastung nicht bedeutet, dass ihre Behandlungsergebnisse schlechter ausfallen“, so der Experte.

Tumorbiologie und Art der Mutation spielen hingegen eine Rolle

„Die Familienanamnese allein hat keinen Einfluss auf die Tumorentität“, stellt Fehm klar. „Aus den Daten des deutschen Konsortiums weiß man, dass Frauen mit positiver Familienanamnese ohne Mutationsnachweis im Verlauf von 30 Jahren nach Erkrankung ein kumulatives Risiko von 20 Prozent für eine Neuerkrankung haben, während die Frauen mit Mutation ein Risiko zwischen 40 und 60 Prozent aufweisen. Entscheidend ist also nicht die Anamnese allein als Prognosefaktor“, berichtet die Expertin. „Die Prognose hängt letztendlich weniger davon ab, ob es sich um familiär bedingten oder sporadisch auftretenden Brustkrebs handelt, sondern von der Tumorbiologie und gegebenenfalls auch der Art der Mutation“, erklärt Scharl.

 
Die Prognose hängt letztendlich ... von der Tumorbiologie und gegebenenfalls auch der Art der Mutation ab. Prof. Dr. Anton Scharl
 

Frauen mit Genmutationen weisen kein höheres Risiko für einen schlechteren Verlauf auf. Allerdings sind Karzinome mit bestimmten BRCA-Mutationen häufiger dreifach-rezeptornegativ (triple-negativ) – was wiederum mit einer schlechteren Prognose assoziiert ist.

Nicht jede Mutation bedeutet aber im Umkehrschluss, dass mit einer schlechteren Prognose gerechnet werden muss. So wiesen manche Mutationen eher bessere Prognosen auf, weil sie sich besser therapieren ließen, erklärt Scharl. In den letzten 10 Jahren habe es dazu einen enormen Wissenszuwachs gegeben.

Erhöhtes Risiko für ein Ovarial- oder Zweitkarzinom?

„Wichtig ist, an das Ovarialkarzinomrisiko bei BRCA-Mutation zu denken und das Erkrankungsrisiko durch eine prophylaktische Adnexektomie zu senken“, betont Scharl. Er warnt allerdings vor einer falschen Wahrnehmung über die Risiken eines Zweitkarzinoms der kontralateralen Brust, die dazu führe, auch ohne Vorliegen von Risikogenen zu schnell eine kontralaterale prophylaktische Mastektomie vorzunehmen. Eine Vorgehensweise, die vor allem in den USA verbreitet ist.

„Ich hoffe nicht, dass sich das auch Deutschland etablieren wird, sondern dass es uns gelingt, unsere Patientinnen aufzuklären, wann das notwendig ist und wann nicht.“ Auch bei Frauen mit Brustkrebs, bei denen eine Genmutation vorliegt, ist eine kontralaterale Mastektomie nicht immer von Vorteil.

Frauen mit familiärer Vorgeschichte sind angstbelasteter

Zu einer guten Risikostratifzierung sollte deshalb immer gehören: die Art der Mutation der BRCA1-, BRCA2- oder RAD51C-Gene, das eigene Alter zum Erkrankungszeitpunkt und das Erkrankungsalter des bzw. der Familienmitglieder, zählt Scharl auf.

 
Man sollte den Frauen unbedingt die Angst nehmen und prüfen, ob eine genetische Beratung indiziert ist, die das Risiko konkretisieren kann. Prof. Dr. Tanja Fehm
 

„Frauen aus mit Krebs belasteten Familien sind generell sicher angstbelasteter“, betont Fehm. „Man sollte also zunächst die Mutation ausschließen und kann dann, so wie viele Zentren dies auch tun, die Prognose vor allem bezüglich der Tumoreigenschaften besprechen. Außerdem spielt eine wichtige Rolle, wie viele Familienmitglieder erkrankt sind und in welchem Alter sie betroffen waren. Man sollte den Frauen unbedingt die Angst nehmen und prüfen, ob eine genetische Beratung indiziert ist, die das Risiko konkretisieren kann.“

Die Forscher um Eccles wollen nun untersuchen, ob verschiedene Brustkrebsgen-Varianten einen Einfluss auf die Effektivität der unterschiedlichen Tumortherapien haben. „Es gibt einige Evidenz in Laborexperimenten und Beobachtungen am Menschen, dass BRCA1-Gen-Trägerinnen empfänglicher auf einige Arten von Chemotherapie reagieren“, sagt Eccles. „Wenn das Ergebnis positiver ausfällt als für diese Patientinnen (eigentlich) erwartet, könnte das dabei helfen, künftige präventive chirurgische Optionen besser zu planen.“

 

REFERENZEN

1. Eccles BK, et al: British J Surg (online) 20. Mai 2015

 

Kommentar

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