Hausärzte-Kritik: Klinik-Arztbriefe kommen zu spät, sind dürftig und Entlassungsmedikation ist zu teuer

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

10. Juni 2015

Prof. Dr. Jean-François Chenot

Viele Hausärzte sind mit dem Arztbrief der Klinik unzufrieden. Die Kritik: Sie erhalten zu spät Informationen über die Entlassungsmedikation – oft ohne Angabe von Wirkstoffen und ohne Begründung, warum die Medikamente geändert wurden. Außerdem sind viele Medikamente den Hausärzten zu teuer und werden wieder ausgetauscht.

Dies ergab eine Umfrage der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) unter Hausärzten aus Berlin in Zusammenarbeit mit der Berlin School of Public Health der Universitätsmedizin der Charité Berlin und der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg [1].

Dies ist die erste deutsche Studie, die die Übermittlung der Informationen zur Arzneimitteltherapie aus den Krankenhäusern zu den Hausärzten analysiert“, betonen Dr. Gisela Schott, AkdÄ-Referentin für evidenzbasierte Medizin, und ihre Mitautoren. Die Forscher haben 516 Hausärzte angeschrieben. 117 Hausärzte schrieben zurück, dies entspricht einem Rücklauf von 23%.

Hausärzte revidieren oft den Medikationsplan der Klinikärzte

Warum ändern viele Hausärzte die Entlassmedikation der Klinikärzte wieder? Immerhin 33% der Hausärzte gaben an, dies „häufig“ zu machen, 48,6% tun es „gelegentlich“. 70% nannten als Grund die Kosten: „Klinikärzte haben in der Regel keine Ahnung, wie das Arzeimittelbudget von Hausärzten funktioniert“, bemängelt Prof. Dr. Jean-François Chenot von der Abteilung Allgemeinmedizin des Instituts für Community Medicine an der Universitätsmedizin Greifswald.

Es spiele für Hausärzte eine große Rolle, ob ein Medikament mit vergleichbar guter Wirkung 15 statt 40 Euro koste, sagt Chenot, der auch Mitglied der Arzneimittelkommission ist, aber an der Studie nicht beteiligt war. „Auf der Chirurgie oder der Inneren wissen sie nicht, was ein teures Antibiotikum oder was ein billiges Blutdruckmittel ist“, moniert auch Dr. Peter Napiwotzky, stellvertretender Landesvorsitzender des Hartmannbundes in Baden-Württemberg.

Eine Krankenhausapotheke habe außerdem nicht alle Medikamente vorrätig, deshalb werde auch in der Klinik häufig ein Medikament getauscht. Der Hausarzt wiederum verschreibe dann wieder seine bewährten Präparate. Ärgerlich oder verwirrend sei das auch für die Patienten, sie könnten oft nicht nachvollziehen, warum der Arzt im Krankenhaus etwas anderes verschreibe als der Hausarzt.

Gemeinsame Erstellung von Arzneimittellisten?

Schott und ihre Kollegen warnen, dass dadurch eine kontinuierliche Arzneimittelversorgung gefährdet sei. Sie fordern das Erstellen einer gemeinsamen Arzneimittelliste, um die schlechte Abstimmung der Arzneimitteltherapie zwischen stationär und ambulant tätigen Ärzten zu verbessern. „Warum richtet man nicht regionale Arzneimittelkonferenzen ein, in denen sich die Kliniken und Allgemeinärzte auf bestimmte evidenzbasierte Leitsubstanzen einigen?“, schlägt auch Chenot vor.

 
Dies ist die erste deutsche Studie, die die Übermittlung der Informationen zur Arzneimitteltherapie aus den Krankenhäusern zu den Hausärzten analysiert. Dr. Gisela Schott
 

86,7% der befragten Ärzte gaben ferner als Grund für die Medikamenten-Änderung an, dass die Patienten die Medikation zwar im Krankenhaus, jedoch nicht zu Hause benötigen. So können zum Beispiel Heparin-Spritzen für Patienten, die einen Beinbruch hatten, wieder abgesetzt werden, wenn sie wieder mobil sind, sagt Chenot.

Auf dem Medikamentenplan vieler Patienten stünden auch noch Schlaftabletten, die Patienten in der Klinik genommen haben, zuhause aber nicht mehr benötigen. Knapp 70% der Hausärzte gaben an, auch die Medikamente zu ändern, weil sich der Krankheitszustand der Patienten verändert habe.

Zwei Drittel der Hausärzte erwarten Infos, bevor der Patient in die Praxis kommt

„Es wäre von Vorteil, wenn der Arztbrief schon vor dem Patienten in der Praxis wäre, damit ich die Medikation besser vorbereiten kann“, sagt Napiwotzky, der in Mühlacker eine Hausarztpraxis hat. So wie er denkt auch die Mehrheit der befragten Hausärzte: Zwei Drittel wünschen sich, dass sie die Informationen bekommen, noch bevor sie der Patient konsultiert.

Dr. Peter Napiwotzky

Doch „selten“ erhält die Mehrheit der befragten Hausärzte (89%) Informationen zur Entlassungsmedikation, noch bevor der Patient sie konsultiert hat. Die meisten Hausärzte (84,1%) erhalten die Informationen am Tag, an dem die Patienten in die Praxis kommen und den Arztbrief übergeben. „Dieses Verfahren kann die kontinuierliche Arzneimitteltherapie gefährden, wenn etwa Patienten den Arztbrief verlieren oder nicht dabei haben, wenn sie ihren Hausarzt konsultieren“, räumen die Autoren ein.

Napiwotzky hätte die Informationen gern schon vorher, damit seine Mitarbeiterin die Rezepte vorbereiten kann. „Oft werden Patienten aus der Klinik vor dem Wochenende entlassen und kommen dann ohne Termin in die Sprechstunde, erklärt er. Dies bringe dann den Terminplan durcheinander. Es bleibe kaum noch Zeit, um Fragen mit der Klinik abzuklären.

Relativ häufig macht der Hausarzt auch Hausbesuche bei gerade entlassenen Patienten, weil ihr Gesundheitszustand oft noch sehr schlecht sei. „Es ist dann für mich ohne mein Sekretariat im Hintergrund sehr umständlich, handschriftlich die Rezepte auszustellen.“

Ein Drittel der befragten Hausärzte möchte die Informationen sogar am liebsten noch vor der Krankenhausentlassung erhalten. „Möglicherweise erhoffen sie sich eine vereinfachte Kontaktaufnahme mit dem verantwortlichen Stationsarzt, damit sie besprechen können, wie sie die Arzneimitteltherapie fortsetzen“, schreiben Schott und ihre Kollegen.

Angaben zu Wirkstoffen und Begründungen von Medikationswechsel fehlen

Nur die Hälfte der Hausärzte gab an, dass der Wirkstoff „häufig oder „sehr häufig“ im Arztbrief genannt wird. Dabei halten 80% der Befragten die Angabe des Wirkstoffes der verordneten Arzneimittel für „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Ebenfalls fast die Hälfte berichtete, dass Klinikärzte „selten“ oder „nie“ über die Medikationsänderungen informieren oder diese begründen.

 
Warum richtet man nicht regionale Arzneimittelkonferenzen ein, in denen sich die Kliniken und Allgemeinärzte auf bestimmte evidenzbasierte Leitsubstanzen einigen? Prof. Dr. Jean-François Chenot
 

Mehr als zwei Drittel der Hausärzte erhalten „selten“ oder „nie“ pharmazeutische Hinweise zur Entlassungsmedikation wie etwa zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. „Dies liegt an der Unwissenheit der Assistenzärzte. Sie beginnen ja erst, Erfahrungen mit den Medikamenten zu sammeln und wissen oft wenig über Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten“, meint Chenot.

Deshalb sollten Hausärzte Medikationspläne kritisch prüfen. „Wenn der Hausarzt Therapien unkritisch fortsetzt, dann kann dies das Risiko der Polypharmazie und das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen“, warnt er.

In anderen Ländern funktioniert die Übermittlung der Arztbriefe auch nicht so, wie es sich Hausärzte wünschen. So monierten in einer niederländischen Studie 75% der Hausärzte eine Verzögerung der Arztbriefe und Informationen zur Medikation. Laut einer Untersuchung im schottischen Glasgow wollten 96% der Hausärzte über den Grund des Medikamentenwechsels informiert werden, erhielten aber diese Information nicht.

In einer anderen deutschen Befragung hatten 95% der Hausärzte aus dem Raum Lübeck und Frankfurt am Main angegeben, dass die Gabe von neuen Medikamenten oder der Wechsel von Medikamenten im Arztbrief „selten“ oder „nie“ begründet wird.

Regionale Unterschiede wurden nicht berücksichtigt

Die aktuelle Studie hat jedoch einige Limitationen: Da nur 23% von 516 angeschriebenen Hausärzten geantwortet haben, seien die Aussagen nicht repräsentativ, räumen die Autoren ein. Zudem haben vielleicht nur Hausärzte geantwortet, die negative Erfahrungen gesammelt haben.

Auch mögliche regionale Unterschiede werden durch die nur in Berlin durchgeführte Umfrage nicht dargestellt. Es fehle außerdem eine qualitative Vorstudie, in der durch Interviews mit den Hausärzten herausgefunden wird, wo die Probleme liegen, kritisiert Chenot. Chenot und Napiwotzky halten die Studie aus der Praxissicht allerdings für sehr plausibel.

 

REFERENZEN

1. Adam H, et al: DMW 2015; 140 (08):e74-e79

 

Kommentar

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