MERS in Südkorea: Verschleppte Diagnose beim Erstpatienten und „vielfältige“ Chancen zur Verbreitung

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

8. Juni 2015

Dr. Udo Buchholz

Nur gut 3 Wochen ist es her, dass der erste Fall einer Infektion mit dem Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV) in Südkorea bestätigt wurde. Großartig Schlagzeilen machte der Fall da noch nicht. Denn seitdem MERS im Jahr 2012 erstmals in Saudi-Arabien nachgewiesen worden ist, ist das Virus durch Reisende bereits in mehr als 2 Dutzend Länder importiert worden. Auch in Deutschland wurden schon 3 MERS-Infektionen gemeldet. Und weitere sind jederzeit möglich, „da ca. 1 Million Personen jährlich aus den Ländern der arabischen Halbinsel nach Deutschland einfliegen“, wie das Robert Koch-Institut (RKI) in seinen aktualisierten Informationen zu Erkrankungsfällen durch das MERS-Virus berichtet.

Doch Südkorea ist ein besonderer Fall: Während sich in den meisten Ländern meist nur 1 oder 2 weitere Personen an den einzelnen importierten Erkrankungsfällen ansteckten, waren es laut WHO-Meldung zu Südkorea am 5. Juni bereits 41 Fälle, am 11. Juni schon 121 Fälle; 9 der Infizierten sind bis dato verstorben. „Das Auftreten eines so großen Ausbruchs außerhalb des Mittleren Ostens ist eine neue Entwicklung“, heißt es denn auch in einer jüngeren Stellungnahme der WHO. Bislang hatte sich die Infektion vor allem auf Saudi-Arabien beschränkt, wo rund 85% der fast 1.200 bislang bestätigten Fälle auftraten. Mehr als 440 Menschen sind dort an der Infektion gestorben.

Bis zur Diagnosestellung gab es „vielfältige Übertragungsmöglichkeiten“

Ihren Anfang nahm der aktuelle Ausbruch in Südkorea ebenfalls mit einem einzelnen importierten Krankheitsfall. Der Primär- bzw. Indexpatient hatte Anfang Mai mehrere Länder auf der arabischen Halbinsel bereist. Einige Tage nach seiner Rückkehr nach Südkorea entwickelte der 68-jährige Mann Fieber und Husten und suchte am 11. Mai 2 Ambulanzen und 2 Krankenhäuser auf.

 
Das Auftreten eines so großen Ausbruchs außerhalb des Mittleren Ostens ist eine neue Entwicklung. WHO
 

Zunächst tippte dort niemand auf MERS. Der Patient, so berichtet es die WHO, erwähnte aber auch keine mögliche Exposition zu dem Virus. Erst am 18. Mai ordnete ein Arzt die Untersuchung auf das Coronavirus an, 2 Tage später war klar, dass Südkorea seinen ersten Infektionsfall hatte.

Mittlerweile hat Südkorea sehr weitreichende Kontrollmaßnahmen ergriffen, u.a. wurden rund 1.400 Kontakte zuhause oder in staatlichen Krankenhäusern isoliert bzw. unter Quarantäne gestellt, hunderte Schulen geschlossen. In der Zwischenzeit habe es jedoch „vielfältige Übertragungsmöglichkeiten“ gegeben, heißt es seitens der WHO.

Auch Dr. Udo Buchholz, Infektionsepidemiologe am Robert Koch-Institut (RKI), nimmt an, dass die ungewöhnlich hohe Infektionsrate in Südkorea damit zusammenhängt, dass der Primärpatient zu spät als Hochrisikopatient eingestuft und entsprechende Hygienemaßnahmen eingeleitet wurden. Die Infektion habe sich dadurch ungehindert ausbreiten können. „Wenn schon beim Primärpatienten niemand an MERS denkt, wird man bei erkrankten Kontaktpersonen erst recht keinen Verdacht schöpfen – zumal die Inkubationszeit mit ein bis zwei Wochen relativ lang ist“, erklärt er gegenüber Medscape Deutschland. „Der Fall demonstriert damit auch, wie wichtig es ist, nicht nur die Reisetätigkeit von Verdachtsfällen zu erfragen, sondern ebenso die von Kontaktpersonen.“

 
Wenn schon beim Primärpatienten niemand an MERS denkt, wird man bei erkrankten Kontaktpersonen erst recht keinen Verdacht schöpfen. Dr. Udo Buchholz
 

Denkbar sei überdies, so Buchholz, dass die in Südkorea verbreitete Virusvariante zu einer besonders hohen Erreger-Ausscheidung führt. Dass das Virus mutierte und deshalb leichter von Mensch-zu-Mensch zu übertragen wird, bezweifelt er dagegen. Anhaltspunkte für eine anhaltende Übertragung in der Allgemeinbevölkerung gebe es bislang nicht.

„Im Krankenhausbereich war vermutlich die Verbreitung des Virus durch anfängliche Hygienemängel erleichtert worden, eventuell könnten auch bestimmte medizinische Maßnahmen, wie z.B. die Vernebelung inhalativ verabreichter Medikamente, unbeabsichtigt die Übertragungen sogar forciert haben“, sagt Buchholz. „Etwas Ähnliches war zu Beginn der SARS-Epidemie vor 12 Jahren passiert.“

MERS hat endemisches Potenzial – sehr viel mehr weiß man noch nicht

Wie wenig man letztlich noch über das MERS-Virus weiß, wird bei der Lektüre einer gerade erst im Fachblatt The Lancet veröffentlichten Übersichtsarbeit deutlich [1]. Das Team um Erstautor Prof. Dr. Alimuddin Zumla, University College London und NIHR Biomedical Research Centre, London, schreibt darin: „Obwohl etliche Studien die mögliche Verbindung zwischen menschlichen MERS-Fällen und der Übertragung durch Kamele aufzeigen, ist noch vieles zum Ursprung, der geografischen Verbreitung, dem exakten Übertragungsmodus sowie dem Zusammenhang von MERS-CoV und MERS-CoV-ähnlichen Infektionen in Fledermäusen, Kamelen, anderen Tieren und Menschen unbekannt.“

 
Coronaviren haben eine hohe Mutabilität und zirkulieren weiterhin in den Staaten der arabischen Halbinsel. Prof. Dr. Alimuddin Zumla
 

Das sporadische Auftreten vieler Fälle habe außerdem eingehende Fall-Kontroll-Studien verhindert. Den deshalb fehlenden Details u.a. zur Pathogenese, Wirtsanfälligkeit, der Rolle subklinischer Faktoren, der Virulenz oder bestimmter Immunmechanismen sei es geschuldet, dass weder Medikamente noch adjunktive Behandlungen, spezifische Diagnosetests oder Impfungen entwickelt werden konnten.

Weitere Studien seien unbedingt notwendig, denn „Coronaviren haben eine hohe Mutabilität und zirkulieren weiterhin in den Staaten der arabischen Halbinsel“, schreiben Zumla und seine Kollegen. Die Übertragung von Mensch zu Mensch sei zwar bislang noch ineffizient, trotzdem sollten Gesundheitsbehörden, Regierungen und die wissenschaftliche Gemeinschaft auf das Auftauchen von Viren mit einer höheren Übertragungskapazität und entsprechend endemischem Potential vorbereitet sein.

 

REFERENZEN

1. Zumla A, et al: The Lancet (online) 3. Juni 2015

 

Kommentar

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