Klinische Krebsregistrierung: Erwünscht, aber nicht lukrativ für die, die sich die Mühe machen

Dr. Sylvia Bochum

Interessenkonflikte

4. Juni 2015

Stuttgart – Im April 2013 hat die Bundesregierung das neue Krebsfrüherken­nungs- und Krebsregistergesetz (KFRG) verabschiedet. Es soll maßgeblich zu einer verbesserten onkologischen Versorgung in Deutschland beitragen. Doch die Umsetzung im Alltag gestalte sich als „zäher Prozess“, erklärte Dr. Klaus Jahn, Referatsleiter im Gesundheitsministerium des Landes Rheinland-Pfalz, kürzlich auf der 21. Informationstagung Tumordokumentation der klinischen und epidemiologischen Krebsregister in Stuttgart [1]. Dort wurden kritische Punkte des KFRG wie die Finanzierung und die Datenrückmeldung an die Leistungserbringer von Vertretern des Bundes, der Länder und der Krebsregister diskutiert.

Klinische Krebsregistrierung ist Ländersache

Das KFRG stellt einen integralen Bestandteil des Nationalen Krebsplans dar. Dieser wurde 2008 ins Leben gerufen, um auf die demographisch bedingte Zunahme an Krebsneuerkrankungen zu reagieren. Ein wesentliches Handlungsfeld des Nationalen Krebsplans sieht dabei den flächendeckenden Ausbau der klinischen Krebsregistrierung vor. Mit dieser Maßnahme soll künftig die personenbezogene Erfassung der Behandlungs- und Verlaufsdaten aller stationär und ambulant versorgten Patienten mit einer bösartigen Neubil­dung gewährleistet werden.

 
Da stehen wir noch nicht da, wo wir gerne wären. Dr. Johannes Englert
 

„Die klinische Krebsregistrierung ist für die Qualitätssicherung der onkologischen Versorgung sehr wichtig“, erklärte auch Dr. Lydia Mathy vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zum Auftakt der Tagung. Davon seien alle Verantwortlichen überzeugt, was erkläre, warum das Gesetzgebungsverfahren in diesem Fall so außergewöhnlich rasch durchlaufen worden sei. Allerdings versteht sich das KFRG nur als Rahmen­gesetz auf Bundesebene. Die Ausgestaltung des Gesetzes ist den Ländern sowie den Leistungs- und Kostenträgern überlassen. „Jedes Bundesland soll hier seine eigene Lösung finden“, so Mathy.

Grenzgänger versus Datenschutz

In der Praxis verursacht dieses Vorgehen jedoch einige Schwierigkeiten. „Wenn sich 16 Länder abstimmen müssen, ist das ein relativ zäher Prozess“, konstatierte Jahn. Auch weil in den einzelnen Bundesländern ursprünglich vollkommen unterschiedliche Registerstrukturen etabliert waren, die von rein klinikinternen Registern bis hin zur vollständigen Erfassung ganzer Regionen reichten.

Eine der wichtigsten Hürden in der jetzt notwendigen Harmonisierung ist die Sicherstellung des Datenaustauschs zwischen den einzelnen Landeskrebsregistern. Das ist vor allem bei jenen Patienten von Bedeutung, bei denen Hauptwohnsitz und Behandlungs­ort in verschiedenen Bundesländern liegen. Diese Situation findet sich häufig im Rhein-Main-Gebiet, aber auch in zahlreichen anderen Regionen Deutschlands. „Ein entscheidender Punkt wird jetzt sein, dass es uns gelingt, über die Ländergrenzen hinweg vergleichbare Datenschutzregelungen zu treffen“, so Jahn. Andernfalls werde man erhebliche Probleme mit der im KFRG geforderten Datenrückmeldung an die Leistungserbringer bekommen.

Melder-Motivation – ein heikles Thema

Doch gerade die Rückmeldung der Auswertungsergebnisse – und zwar sowohl in Form von aggregierten als auch patientenbezogenen Daten – ist von essentieller Bedeutung. Dies sei vor allem auch für die Motivation der meldenden Ärzte enorm wichtig, betonte Prof. Dr. Jutta Engel vom Tumorregister München (TRM). Denn nur auf diesem Wege seien eine Bewertung der eigenen Qualität und ein Vergleich mit anderen Institutionen möglich.  „Dazu muss man die Daten für die Basis gegebenenfalls sogar bis auf den Einzelfall herunterbrechen können“, so Engel.

 
Die Hoffnung, dass bis Ende 2017 die Förderkriterien schon erfüllt werden können, muss ich dämpfen. Prof. Dr. Alexander Katalinic
 

In Baden-Württemberg habe man deshalb inzwischen mit der Einrichtung sektorenübergreifender regionaler Qualitätskonferenzen begonnen, berichtete der Leiter des dortigen Landeskrebsregisters, Dr. Johannes Englert. In diesen stünde jetzt aber zuerst die Verbesserung der Datenqualität im Vordergrund. Denn wie viele andere Landeskrebsregister auch, habe Baden-Württemberg, trotz einer seit 2011 für alle Ärzte bestehenden Meldepflicht, noch mit der Vollständigkeit und Vollzähligkeit der Daten zu kämpfen.

„Da stehen wir noch nicht da, wo wir gerne wären“, so Englert. Die Verankerung des Themas in der Ärzteschaft sei leider noch nicht gelungen. Die Gründe seien unter anderem in der niedrigen Aufwandsvergütung für die meldenden Ärzte zu suchen, die bislang in keinem Verhältnis zu dem zu leistenden Dokumentationsaufwand stand. Erst im Februar 2015 wurde die Meldevergütung deshalb im Rahmen eines Schlichtungsverfahrens neu geregelt. Übermittelt ein Krankenhaus, Arzt oder Zahnarzt Angaben zur Tumordiagnose eines Patienten, so gibt es dafür künftig vom zuständigen Klinischen Landeskrebsregister 18 Euro. Datenmeldungen zum weiteren Krankheitsverlauf werden zusätzlich vergütet.

Fallpauschale für Krebsregister findet nicht nur Freunde

Die Klinischen Landeskrebsregister selbst werden seit 2014 von den Krankenkassen bezahlt. Für eine Übergangsphase bis zum 31.12 2017 erhalten diese für jede Neumeldung einer Krebserkrankung eine einmalige fallbezogene Pauschale von 119 Euro. Diese Pauschale, mit der auch die Meldevergütung an die Leistungserbringer abgegolten ist, wurde so kalkuliert, dass 90% der Betriebskosten des Landeskrebsregisters abgedeckt sind; die verbleibenden 10% werden durch die Länder finanziert.

Aufgrund dieser Neuregelung brach einigen Landeskrebsregistern – darunter Bayern und Brandenburg – jedoch ein signifikanter Teil ihrer bisherigen Finanzierung weg. Auch in Baden-Württemberg befürchtet man Einbußen. Die Folge sind Personalmangel und fehlende Planungssicherheit in einigen Registern.

Kassen machen Druck bei Förderkriterien

Doch allein die Erstellung des Abrechnungsmoduls für die Meldevergütung sei extrem aufwändig, so die Experten. Hinzu kämen IT-Schnittstellen für die Annahme, Verarbeitung und Weiterverarbeitung der gemeldeten Daten. Die Umsetzung des KFRG werde deshalb mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Ab 2018 soll die Pauschale aber nur noch dann entrichtet werden, wenn das jeweilige Krebsregister die vom Gesetz vorgegebenen Förderkriterien (u.a. einheitliches Datenformat, Rückmeldung der Auswertungsergebnisse, Mindestanforderungen an den Grad der Erfassung) erfüllt.

„Dieses Datum sitzt uns im Nacken“, bestätigte Prof. Dr. Alexander Katalinic, Leiter der Registerstelle des Krebsregisters Schleswig-Holstein, der den Vorsitz der Sitzung innehatte. Auch Jahn äußerte sich in der Diskussion skeptisch: „Die Hoffnung, dass bis Ende 2017 die Förderkriterien schon erfüllt werden können, muss ich dämpfen.“ Das ändere aber nichts an der Tatsache, dass man sich bei der Umsetzung der vom KFRG geforderten Maßnahmen grundsätzlich auf einem guten und vielversprechenden Weg befände.

 

REFERENZEN

1. Bundesgesetzblatt, Jahrgang 2013, Teil I Nr. 16, S. 617 ff. mit Wirkung vom 9.4.2013

 

Kommentar

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