Lymphknotendissektion beim Melanom und positivem Sentinel-Lymphknoten: Kein verbessertes Überleben

Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

1. Juni 2015

PD Dr. Ulrike Leiter

Chicago – Die komplette Lymphknotendissektion bei Patienten mit Melanom und positiver Lymphknotenbiopsie verbessert das Überleben nicht, so das Ergebnis einer von der Deutschen Krebshilfe unterstützten randomisierten Studie der deutschen dermatologischen Onkologiegruppe (DECOG). Sie wurde auf dem ASCO-Kongress 2015 von PD Dr. Ulrike Leiter, Dermatologische Universitätsklinik Tübingen, vorgestellt. „Nach meiner Meinung ist unsere Studie der Anfang vom Ende einer allgemeinen Empfehlung zur kompletten Lymphknotendissektion bei Patienten mit positiven Wächterlymphknoten“, so Prof. Dr. Claus Garbe, Tübingen, in der begleitenden ASCO-Pressekonferenz.

Patienten mit Melanom, in deren Wächterlymphknoten Krebszellen nachzuweisen sind, haben ein erhöhtes Risiko für ein Rezidiv und eine Metastasierung. Deshalb wird weltweit empfohlen, dass sich diese Patienten einer kompletten Lymphknotendissektion unterziehen.

Bei diesem operativen Eingriff werden die Lymphozyten großräumig um den Tumor entfernt. Hierbei besteht das Risiko für nachfolgende Infektionen, Nervenschäden und Lymphödeme, die die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigen können. Nach Aussage von Garbe können bei mehr als 20% der Patienten Lymphödeme auftreten, die bei 5 bis 10% sogar über eine lange Zeit persistieren.

Daher wurde in einer multizentrischen Phase-3-Studie der DECOG der Nutzen einer kompletten Lymphknotendissektion untersucht. Primärer Endpunkt sollte das Überleben ohne Fernmetastasen sein, wobei ein Unterschied von mehr als 10% in den Gruppen ohne und mit Lymphknotendissektion als signifikant eingestuft wurde. Hierfür war der Einschluss von 558 Patienten vorgesehen.

Tatsächlich konnten zwischen Januar 2006 und Dezember 2014 nur 483 Patienten in die Studie aufgenommen werden. Hierdurch sank die statistische Power der Studie von 0,8 auf 0,75. Wie Leiter erläuterte, stellten sich Organisation und Ablauf der Studie schwieriger als gedacht dar.

Patienten mit Mikrometastasen im Wächterlymphknoten

Die Patienten litten an einem Melanom am Körperstamm und den Extremitäten im Stadium III, das mindestens 1 mm dick war. Sie waren operiert worden und der Schildwächter-Lymphknoten wies in der Biopsie einen Befall mit Krebszellen auf. Für die Studie wurden nur Patienten mit Mikrometastasen einschließlich Einzelzellen ausgewählt.

 
Nach den Ergebnissen dieser Studie kann eine komplette Lymphadenektomie bei Melanompatienten mit Mikrometastasen nicht empfohlen werden. PD Dr. Ulrike Leiter
 

241 Patienten wurden regelmäßig und sehr sorgfältig beobachtet, bei 242 Patienten wurden zusätzlich die Lymphknoten entfernt. In die Intention-to-Treat-Analyse wurden 473 Patienten eingeschlossen, und zwar 233 im Beobachtungs- und 240 im Operationsarm. Die beiden Gruppen waren in den demographischen Parametern gut vergleichbar. Alle Patienten wurden im Median 35 Monate nachbeobachtet.

Überleben mit Fernmetastasen in beiden Armen vergleichbar

Der primäre Endpunkt, das Überleben ohne Fernmetastasen, betrug nach 3 Jahren im Beobachtungsarm 80,4%, im Operationsarm 80,1% (Hazard Ratio: 1,02; p = 0,92). Das Melanom-spezifische Überleben betrug 84,3% bzw. 82,7% (HR: 1,01; p = 0,98) und das rezidivfreie Überleben 71,6 bzw. 69,1% (HR: 0,89; p = 0,52). In der Beobachtungsgruppe entwickelten 14,6% der Patienten regionale Lymphknotenmetastasen, in der operierten Gruppe waren es 8,3% (p = 0,029).

„Nach den Ergebnissen dieser Studie kann eine komplette Lymphadenektomie bei Melanompatienten mit Mikrometastasen nicht empfohlen werden“, so die Schlussfolgerung von Leiter. Der Eingriff wird für Patienten mit Makrometastasen jedoch weiterhin empfohlen.

Garbe glaubt nicht, dass eine weitere Analyse der Daten in 3 Jahren zu grundsätzlich anderen Ergebnissen führt, weil frühere Studien gezeigt hätten, dass die Mehrzahl der Rezidive (etwa 80%) in den ersten 3 Jahren nach der Diagnose auftreten.

ASCO-Expertin Prof. Dr. Lynn Schuchter, Philadelphia, kommentierte in der Pressekonferenz: „Nach meiner Ansicht ist dies eine sehr wichtige, allerdings relativ kleine Studie. Wir sollten aufgrund dieser Daten unsere Empfehlungen nicht komplett ändern. Hierzu müssen wir solange warten, bis die Ergebnisse der größeren Studie vorliegen.“

Derzeit läuft mit der MSLT-II-Studie noch eine größere Untersuchung, in der auch geringere Unterschiede (5%) im Überleben nachgewiesen werden können. Ihre endgültigen Ergebnisse sollen aber erst im Jahr 2022 vorliegen. Auch Prof. Dr. Daniel C. Coit, chirurgischer Onkologe am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, denkt, dass dann möglicherweise die derzeit gültigen Leitlinien zur Lymphknotendissektion geändert werden können.

 

REFERENZEN

1. ASCO Annual Meeting, 29. Mai bis 2. Juni 2015, Chicago (Abstract LBA9002)

 

Kommentar

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