MEINUNG

Kognitive Defizite im Alter bremsen: Neurologische Grundlagen und therapeutische Maßnahmen

Bret S. Stetka, MD

Interessenkonflikte

1. Juni 2015

In diesem Artikel

In Deutschland sind derzeit etwa1,5 Millionen Menschen an einer Demenz erkrankt [1]. Darüber hinaus weist ein Drittel der Menschen über 70 Jahren ohne klinische Demenz Gedächtnisverluste auf, die schwerwiegend genug sind, um sie in ihrem Alltagsleben zu beeinträchtigen [2].

Medscape sprach mit dem Gedächtnisexperten Dr. Felipe de Brigard, Lehrbeauftragter am Zentrum für kognitive Neurowissenschaften der Duke-Universität, über unser wachsendes Verständnis zu den Funktionen des Gedächtnisses und vielversprechende Maßnahmen gegen Gedächtnisverluste.

Dr. Felipe de Brigard

Medscape: Seit Jahrzehnten lernen wir aus Fachbüchern, dass der Hippocampus das „Gedächtniszentrum“ des Gehirns ist. Ihre Arbeit und die anderer Kollegen suggerieren allerdings, dass es – wie bei den meisten mentalen Funktionen – nicht ganz so simpel ist, sondern dass multiple Hirnregionen am Gedächtnis beteiligt sind und der Hippocampus zusätzliche Funktionen aufweist. Wie ist der neueste Stand der Wissenschaft über die Entstehung eines Gedächtnisses?

Dr. de Brigard: Eine der wichtigsten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse während des letzten Jahrhunderts war die Beobachtung, dass der Hippocampus eine essentielle Rolle bei der Erinnerung an Lebensphasen spielt. Im Jahr 1957 wurde dem Patienten Henry Molaison – besser bekannt unter den Initialen H.M. – im Rahmen einer chirurgischen Behandlung seiner schweren Epilepsie der Hippocampus entfernt. Danach war er nicht mehr in der Lage, neue Erfahrungen abzuspeichern. Menschen, denen er nach der Operation begegnete, waren immer wieder Unbekannte für ihn; Orte, die er wiederholt  besuchte, waren für ihn immer wieder neu ebenso wie jedes Essen oder jedes wiederholte Ereignis. Aufgrund dieser Entdeckung nahm man an, dass der Hippocampus das „Gedächtniszentrum“ ist.

Die Realität ist allerdings viel komplexer. H.M. verlor zum Beispiel nicht sein gesamtes Gedächtnis. Er konnte sich immer noch an alte persönliche Ereignisse und Erfahrungen jeglicher Art erinnern – z.B. Weltneuigkeiten aus der Vergangenheit und geographische Informationen. Der Hippocampus schien zum Abrufen bereits gespeicherter Informationen nicht notwendig zu sein. Vielmehr schien er bei der Abspeicherung und Kodierung solcher Informationen eine wichtige Rolle zu spielen.

Die Aussage, dass der Hippocampus das Gedächtniszentrum sei, ist im besten Fall inkomplett und im schlechtesten Fall fehlleitend.

Weitere Studien an H.M. zeigten, dass er weiterhin in der Lage war, neue prozessuale Informationen aufzunehmen  sowie neue Gewohnheiten und neue Fähigkeiten auszubilden. Also war nicht die gesamte Gedächtniskodierung beeinträchtigt.

Nicht nur die Untersuchungen mit H.M., sondern auch weitere Studien mit Patienten und gesunden Probanden und der Hilfe neurologischer Bildgebung demonstrierten, dass der Hippocampus über das episodische Gedächtnis hinaus noch weitere entscheidende kognitive Aufgaben erfüllt – zum Beispiel bei der Vorstellung persönlicher Ereignisse in der Vergangenheit und Zukunft, besonders, wenn dafür bereits gespeicherte Informationen neu kombiniert werden müssen, damit ein kohärentes Szenario entsteht. Weitere Studien haben wiederum gezeigt, dass der Hippocampus für die räumlicher und visuelle Diskriminierung sowie sprachliche Vorgänge notwendig ist.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Aussage, dass der Hippocampus das „Gedächtniszentrum“ sei, im besten Fall inkomplett und im schlechtesten Fall fehlleitend ist.

Kommentar

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