Ethikumfrage Teil 2: Über Patienten-Sex, Kollegen-Fehler und Pharma-Einflüsse

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

19. Mai 2015

Jeder zweite Arzt ist überzeugt, dass Interaktionen mit der Pharmaindustrie sein Verordnungsverhalten nicht beeinflussen. Rund zwei Drittel würden einen Kollegen nicht melden, auch wenn sie wüssten, dass dieser Suchtprobleme hat. Und jeder zweite deutsche Arzt hält eine private intime Beziehung zu einer (ehemaligen) Patientin bzw. einem Patienten für nicht unbedingt verwerflich. Dies sind nur einige der Ergebnisse des zweiten Teils unserer Ethikumfrage unter Ärzten, die sich dem Thema Interessenkonflikten widmet.

Es gibt wohl wenige Berufe, in denen man mit so vielen – oft schwierigen – ethischen Entscheidungen konfrontiert ist, wie als Arzt. Im ersten Teil unseres Ethikreports ging es um Fragen zu Leben oder Tod, aber auch um Loyalität gegenüber dem Patienten, den Umgang mit eigenen Fehlern oder um die Versuchung, den Patienten zu manipulieren, wenn man überzeugt ist, dass dies zu dessen eigenem Vorteil geschieht.

Im zweiten Teil haben nun 285 deutsche Ärzte auf Fragen zu aktuellen ethischen Themen geantwortet: Wie sie über finanzielle Zuwendungen von Pharmafirmen, über Liebesbeziehungen zu Patienten oder die Aufklärungspflicht über Fehler von Kollegen denken.

Ebenso wie für den ersten Teil wurden deutsche Ärzte nicht separat befragt, sondern Mediziner aus Europa und den USA konnten alle an der englischsprachigen Umfrage teilnehmen. Aus Deutschland taten dies 285. Der so entstandene Report – der in ähnlicher Weise auch von Medscape Frankreich bei dortigen Ärzten vorgenommen worden ist und so Vergleiche mit dem Nachbarland ermöglicht – gibt interessante Einblicke, wie die Kollegen zu verschiedenen ethischen Problemen in ihrem klinischen Alltag stehen.

Einfluss von Firmen auf das Verordnungsverhalten

Zuwendungen durch Pharmafirmen, mit denen sie (angeblich) das Verordnungsverhalten der Ärzte beeinflussen, sind wohl das Paradebeispiel des ärztlichen Interessenkonflikts. In Deutschland gibt es seit diesem Jahr einen Transparenzkodex, den sich die im Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) organisierten Unternehmen freiwillig auferlegt haben. Ab 2015 werden in Deutschland alle Zuwendungen, etwa für Fortbildungen oder Forschung sowie Dienstleistungs- und Beratungshonorare oder Spenden an Ärzte erfasst.

So hoffen die Unternehmen, „Glaubwürdigkeit, Akzeptanz und Vertrauen gegenüber Patienten zu sichern, um dem langen Schatten alter Vorurteile und neuer Missverständnisse zu entkommen“ wird vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer im Deutschen Ärzteblatt zitiert. Ab nächstem Jahr sollen die Zuwendungen mit genauer Höhe, Name und Adresse des Empfängers im Internet veröffentlicht werden – allerdings erst nach Einwilligung des Betroffenen.

Medscape hat die deutschen Ärzte gefragt, ob sie glauben, dass Interaktionen mit pharmazeutischen Unternehmen ihr Verschreibungsverhalten beeinflussen. Knapp die Hälfte, vor allem Fachärzte, sind überzeugt, dass dies nicht der Fall ist. Jüngere Ärzte noch mehr als die älteren. Es ist jedoch sicherlich sinnvoll, hier nochmals zu unterscheiden: zwischen Geschäftsbeziehungen, bei denen Leistung und Honorar klar geregelt sind, und Gefälligkeiten, wie einer Einladung zum Abendessen.

Ärzte mit Suchtproblemen – Angst vor Denunziantentum?

Ein Aufreger im letzten Sommer war auch ein TV-Beitrag in „Report Mainz“. Das Fernsehmagazin zitierte eine anonyme repräsentative Befragung von 1.300 Ärzten, die Dr. Wolfgang Hagemann von der Röher-Parkklinik in Eschweiler vorgenommen hatte. Danach soll jeder dritte Arzt suchtgefährdet sein. Die ARD-Reporter interviewten auch eine Patientin, die nach eigenen Angaben von einem Chirurgen mit massiven Alkoholproblemen zum Krüppel operiert worden war. Das Suchtproblem des Arztes sei über Jahre bekannt gewesen, hieß es – doch an der Klinik hatte keiner der Verantwortlichen reagiert.

Medscape fragte im Ethikreport die Ärzte: Würden Sie einen Kollegen melden, wenn er erkennbar durch Drogen, Alkohol oder Krankheit beeinträchtigt ist? Nur etwas mehr als ein Drittel bejahte dies. Die Angst als Denunziant dazustehen, scheint bei uns doch erheblich zu sein. In anderen europäischen Ländern war die Rate höher, nur in Frankreich war sie noch niedriger.

Um einen gefährlichen Substanzgebrauch frühzeitig aufzudecken, wären eventuell auch stichprobenartige Drogen- und Alkohol-Tests geeignet. Doch auch hier plädierte in unserer Befragung nur ein Drittel der Ärzte für solche Tests. Jeder zweite hält davon nichts. In Frankreich ist es genau umgekehrt, dort befürwortet jeder zweite solche Tests – und im Rest Europas ist die Rate sogar noch höher.

Kindesmisshandlungen – Ärzte sind sensibilisiert

Ein weiteres Thema der ärztlichen Ethik, das im vergangenen Jahr viel diskutiert wurde: Das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ der beiden Rechtsmediziner Dr. Saskia Etzold und Prof. Dr. Michael Tsokos. Die Autoren vom Institut für Rechtsmedizin des Berliner Universitätsklinikums Charité behaupten, dass mehr als 200.000 Kinder jedes Jahr Opfer von Gewalt durch Erwachsene würden. Sie sehen ein Versagen nicht nur von Eltern, Jugendämtern und Juristen, sondern auch von Ärzten, die die Spuren von Misshandlungen übersähen, Lügengeschichten der Eltern glaubten und an ihrer Schweigepflicht festhielten, selbst wenn das Kind Schaden nähme.

In unserer Befragung jedoch ergibt sich ein anderes Bild: Deutsche Ärzte sind für Misshandlungen sensibilisiert und würden diese in der überwältigenden Mehrheit melden oder ihnen nachgehen. Nur ein Fünftel räumt ein, bereits einmal den Verdacht auf eine Misshandlung gehabt zu haben, ohne etwas zu unternehmen.

Intime Beziehungen mit (ehemaligen) Patienten?

Und schließlich noch das Thema romantische Beziehungen zwischen Arzt und Patient. Etwas unerwartet – bedenkt man den Ruf, den die Franzosen in Deutschland haben – zeigten sich in unserer Befragung deutsche Ärzte deutlich offener als ihre französischen Kollegen, wenn es um Sex mit Patienten geht: Während 71% der Franzosen eine solche Beziehung ablehnen, sind es in Deutschland nur 46%.

Allerdings halten auch bei uns nur 11% eine Beziehung zu einem aktuellen Patienten für akzeptabel, in Frankreich sind es sogar nur 4%. Ein halbes Jahr nach Ende der therapeutischen Beziehung findet in Frankreich jeder 10. Arzt, dass nun eine sexuelle Beziehung in Ordnung sei, in Deutschland sind es doppelt so viele.

Übrigens: Bereits im Eid des Hippokrates wird die Enthaltsamkeit von sexuellen Handlungen gegenüber Patienten ausdrücklich erwähnt. Und in vielen Ländern haben sich die ärztlichen Fachgesellschaften in ihren Satzungen diesem Berufsethos verpflichtet. Die American Medical Association z.B. hat sogar ein strenges Kontroll- und Hilfesystem für betroffene Ärzte erarbeitet, um den Kodex umzusetzen.

Zwar ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Paare über die Arbeit finden – und daraus auch glückliche Ehen entstehen. Doch romantische bzw. sexuelle Beziehungen zwischen Arzt/Ärztin einerseits sowie Patient/Patientin andererseits unterliegen strengeren Maßstäben; problematisch ist hier vor allem das Machtgefälle, erläutert der Psychiater Dr. Berhard Mäulen, der sich mit diesem Problem auseinander gesetzt hat.

„Der Arzt weiß viel über die Patientin, geht in der Anamnese, der Untersuchung, der Therapie über die meisten zwischenmenschlichen Grenzen“, schreibt er in einem Beitrag in der MMW : „Die Auswirkungen sexueller Grenzverletzungen durch Ärzte sind für die Patienten/-innen in der Regel gravierend!“

In den USA haben an der Medscape.com-Umfrage im Jahr 2014 zur ärztlichen Ethik mehr als 21.000 Ärzte teilgenommen. Auch hier zeigte die Auswertung, dass intime Beziehungen zwischen Arzt und Patient zwar immer noch ein Tabu darstellen, aber nicht mehr so „undenkbar” sind wie noch einige Jahre zuvor.
Hunderte von Ärzten schrieben persönliche Kommentare zu dieser Frage. Diese reichten von „Wenn wir beide Singles sind und uns voneinander angezogen fühlen, sehe ich keinen Grund, warum dies unethisch sein sollte” über „Die Arztpraxis ist kein Platz für Speed-Dating während der Sprechstunde, …doch wenn man sich außerhalb der Klinik trifft und keine therapeutische Beziehung mehr besteht …“ bis hin zum kategorischen „Es ist unethisch und unmoralisch, sich mit einem Patienten einzulassen – niemals, niemals, niemals!“

Die große Mehrheit der Ärzte in den USA sprach sich nach wie vor gegen solche intime Beziehung aus – dies auch mit ehemaligen Patienten und unabhängig davon, wie lange der therapeutische Kontakt zurück lag. Doch lehnten von den US-Ärzten im Jahr 2014 „nur“ noch 68% kategorisch jeden sexuellen Kontakt mit einem aktuellen oder ehemaligen Patienten ab. Bei der gleichen Umfrage 4 Jahre zuvor waren es noch 83% gewesen.

Diese Entwicklung geht parallel mit einer Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung in den letzten Jahren und der Abkehr von einer althergebrachten paternalistischen Medizin. So erscheint das Machtgefälle zwischen Arzt und (mündigem) Patienten nicht mehr so groß – was auch private Beziehungen weniger unethisch erscheinen lässt.

Übrigens: Die detaillierten Ergebnisse unseres aktuellen Ethikreports finden Sie hier.

 

Kommentar

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