MMR-Impfung von altem Vorwurf befreit: Autismus nicht häufiger, auch nicht bei Risikokindern

Petra Plaum

Interessenkonflikte

6. Mai 2015

Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz

Eine umfangreiche US-Studie zum Risiko von Autismus-Spektrum-Störungen stellt keinen Zusammenhang zwischen einer Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) und Autismus fest. Mehr noch: Nach der Analyse der Versicherungsdaten von 95.727 privat versicherten Kindern mit älteren Geschwistern halten Wissenschaftler um die Kinderärztin Dr. Anjali Jain fest, dass nach einer MMR-Impfung Autismus-Spektrum-Störungen auch bei denjenigen Kindern nicht vermehrt auftreten, die bereits ein höheres Risiko dafür aufweisen [1].

„Eine hochsignifikante Studie mit modernem Design, die Kinderärzten neue Argumente pro MMR-Impfung liefert“, betont Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz, Klinikdirektor der Professor-Hess-Kinderklinik in Bremen. Er weist darauf hin, dass noch immer zahlreiche Eltern gerade in Bezug auf die MMR-Impfung besorgt sind: „Sie wissen, dass die Zahl der Autismus-Diagnosen zunimmt, haben von einer Studie gehört, die die MMR-Impfung als mögliche Ursache sieht und machen sich Sorgen“, erklärt der Pädiater.

Das Gerücht um einen Zusammenhang zwischen Autismus und einer Masern-Mumps-Röteln-Impfung beruht auf einer betrügerischen Publikation aus dem Jahr 1998, die die Zeitschrift Lancet schließlich 2010 zurückgezogen hat, aber: „Das wissen die Eltern nicht“, sagt Huppertz.

Angst vor Autismus senkte die Impfraten

 
Eine hochsignifikante Studie mit modernem Design, die Kinderärzten neue Argumente pro MMR-Impfung liefert. Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz
 

Die MMR-Impfraten in Großbritannien sanken aufgrund der Verunsicherung der Eltern infolge dieser Publikation zeitweilig unter 80%. Vor allem, wenn in einer Familie schon einmal eine Erkrankung aus dem Formenkreis der autistischen Störungen auftrat, hemmte das den Impfwillen der Eltern: In den USA, das belegt die aktuelle, retrospektive Kohortenstudie, gab es zwischenzeitlich niedrigere Impfraten vor allem bei jüngeren Geschwistern von Autisten. Hatte ein älteres Geschwisterkind die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS), waren von den jüngeren Geschwistern nur 73% bis zum Alter von 2 Jahren und nur 86% bis zum Alter von 5 Jahren immunisiert worden. In Familien ohne ASS-Diagnose waren dagegen 84% mit 2 Jahren und  92% mit 5 Jahren gegen MMR geimpft.

Daher sollte die aktuelle Studie auch die Frage beantworten, ob in Familien mit höherem Autismusrisiko die Impfung eine nachteilige Wirkung haben könnte. 

Jain und ihre Kollegen verfolgten die Entwicklung der Jahrgänge 2001 bis 2007 bis zum Jahr 2012. Alle Kinder hatten Geschwister, die bis zu 17 Jahre älter waren. Bei 1.929 (2,01%) der Studienteilnehmer hatte mindestens ein Geschwister Versicherungsleistungen aufgrund von Autismus in Anspruch genommen. 994 (1,04%) der Studienteilnehmer nahmen im Follow-up-Zeitraum selbst Leistungen wegen Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) in Anspruch. Das entspricht dem Durchschnitt in den USA: rund 1,5% aller US-Bürger weisen Autismus-Spektrum-Störungen auf, so aktuelle Schätzungen. Dass in manchen Familien ASS gehäuft vorkommt, zeigte sich auch in dieser Studie: Hatten die Geschwister eine entsprechende Diagnose, lag die Häufigkeit bei den Studienteilnehmern bei 6,9%, meistens handelte es sich um frühkindlichen Autismus oder Asperger-Syndrom. Dies gab den Autoren die Möglichkeit, zwischen bereits familiär disponierten Kindern und solchen mit geringerem Risiko zu vergleichen.

MMR erhöht zu keinem Zeitpunkt das Autismusrisiko, auch nicht bei Disponierten

 
Diese Studie liefert einen Beleg mehr, dass bei der Ursachenforschung nicht primär auf Impfungen geschaut werden sollte. Hermann Cordes
 

Wie sich herausstellte, erhöhte die Impfung selbst bei jenen mit erhöhtem Risiko die Häufigkeit von ASS nicht. Eine MMR-Impfung war auch in keiner der untersuchten Altersgruppen mit einem erhöhten Risiko einer Autismus-Spektrum-Störung assoziiert.

Unter den Kindern mit älteren Geschwistern mit ASS lag das bereinigte relative Risiko für ASS nach einer Dosis MMR-Impfstoff im Alter von 2 Jahren bei 0,76 (95%-Konfidenzintervall: 0,49 - 1,18), verglichen mit dem Risiko jener Teilnehmer ohne Impfung. Im Alter von 5 Jahren und nach 2 Dosen Impfstoff zeigte sich in dieser Gruppe ein relatives Risiko von 0,56 (95%-KI: 0,31 - 1,01), eine ASS-Diagnose zu erhalten – wieder verglichen mit den nicht MMR-geimpften Kindern dieser Gruppe.

Auch unter den Familien, in denen zuvor kein Kind eine Autismusdiagnose erhalten hatte, veränderte die MMR-Impfung die Prognose nicht. Das relative Risiko der Teilnehmer, im Alter bis zu 2 Jahren und nach einer Dosis Impfstoff eine ASS-Diagnose zu erhalten, lag im Vergleich zu Kindern ohne Impfung bei 0,91 (95%-KI: 0,67 - 1,20). Das relative Risiko im Alter von 5 Jahren und nach 2 Impfdosen lag bei 1,12 (95%-KI: 0,78 - 1,59).

Was jetzt zu kommunizieren bleibt 

 
Das Risiko der Jüngsten, an SSPE zu erkranken und daran zu versterben, ist viel höher als bei Älteren. Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz
 

„Diese Studie liefert einen Beleg mehr, dass bei der Ursachenforschung nicht primär auf Impfungen geschaut werden sollte“, betont Hermann Cordes, der 1. Vorsitzende des Instituts für Autismusforschung in Bremen.

Huppertz warnt vor möglichen Folgen des Aufschiebens der MMR-Impfung, nicht zuletzt wegen schwerwiegender Komplikationen für die Jüngsten. Bei Säuglingen müsse man davon ausgehen, dass eines von 5.000 an Masern erkrankten Kindern eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) entwickle, die immer tödlich endet. „Das Risiko der Jüngsten, an SSPE zu erkranken und daran zu sterben, ist viel höher als bei Älteren."

Der Beunruhigung der Eltern über die Zunahme von ASS könne man schließlich mit Aufklärung begegnen: Die Diagnosen nehmen nämlich schon deshalb zu, weil die Autismus-Spektrum-Störungen heutzutage bekannter sind als früher. Weil Kinderärzte, Eltern und Erzieher genauer hinsehen – und weil es immer mehr Möglichkeiten gibt, betroffene Familien zu unterstützen.

 

REFERENZEN:

1. Jain A, et al: JAMA 2015;313(15):1534-1540

 

Kommentar

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