Multiple Sklerose: Es gibt erste Hinweise für Myelin-Neubildung durch Pharmakotherapie

Interessenkonflikte

30. April 2015

Die nach Aussagen der Studienautoren erste klinische Studie, die Hinweise für eine Remyelinisierung bei der Multiplen Sklerose unter einer Pharmakotherapie lieferte, hat ein Forscherteam des Pharmakonzerns Biogen auf der Jahrestagung der US-Neurologen vorgestellt. Als Beleg verweisen die Wissenschaftler auf Patienten mit einer Optikusneuritis, die den Antikörper BIIB033 erhalten haben und bei denen anschließend eine erhöhte Nervenleitungsgeschwindigkeit entlang des Sehnervs zwischen der Netzhaut und dem Gehirn gemessen wurde.

Wirkstoff repariert Myelin

 
Zum ersten Mal wurden beim Menschen Hinweise gesehen, dass wir das Myelin mit einem Medikament reparieren könnten. Das ist sehr aufregend. Dr. Diego Cadavid
 

Wie der Erstautor der Studie, Dr. Diego Cadavid gegenüber Medscape erläuterte, werden Informationen vom Auge zur Sehrinde normalerweise in etwa 100 Millisekunden übertragen. Bei der Optikusneuritis, die oftmals das erste Symptom einer Multiplen Sklerose (MS) darstellt, kann sich die Leitungsgeschwindigkeit um 15 bis 40 Millisekunden verzögern. Diese als Latenz bezeichnete Verzögerung wird durch den Verlust von Myelin im Nervus opticus verursacht.

„Patienten, die in dieser Studie BIIB033 bekommen haben, verbesserten ihre Latenzzeit gegenüber Placeboempfängern um 40 Prozent, und die Wahrscheinlichkeit wieder eine normale Nervenleitungsgeschwindigkeit zu erreichen war bei ihnen doppelt so groß“, sagte Cadavid.

„Zum ersten Mal wurden beim Menschen Hinweise gesehen, dass wir das Myelin mit einem Medikament reparieren könnten. Das ist sehr aufregend“, erklärte Cadavid im Vorfeld der 67. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN).

Dr. Jeffrey Cohen von der Cleveland Clinic Foundation in Ohio verwies gegenüber Medscape darauf, dass die Optikusneuritis von einigen Experten als experimentelles System betrachtet wird, um vorbereitende Studien zu potenziellen neuroprotektiven oder neuroregenerativen Strategien durchzuführen. In der aktuellen Studie habe man zwar eine verbesserte Nervenleitung anhand visueller evozierter Potenziale festgestellt, allerdings keine Verbesserung mit der optischen Kohärenztomografie gesehen, die den Nervenschaden in der Netzhaut misst. „Wir brauchen weitere Studien um festzustellen, ob diese Ergebnisse auf chronische Schäden und/oder eine progressive MS extrapoliert werden können.“

 
Wir brauchen weitere Studien um festzustellen, ob diese Ergebnisse auf chronische Schäden und/oder eine progressive MS extrapoliert werden können. Dr. Jeffrey Cohen
 

Antikörper zielt auf das LINGO-1-Protein

Das Zielmolekül des Antikörpers BIIB033 ist das Protein LINGO-1, welches ausschließlich im zentralen Nervensystem in den Axonen der Neurone gebildet wird und in den Myelin-bildenden Vorläuferzellen der Oligodendrozyten (OPC). Es waren Wissenschaftler der Firma Biogen, die entdeckt haben, dass LINGO-1 eine Schlüsselrolle spielt, indem es die Differenzierung der OPC hemmt. Durch BIIB033 wird diese Hemmung aufgehoben und die OPC bilden wieder Myelin, was in Zellkulturen, Tierversuchen und einer Phase-1-Studie gezeigt werden konnte.

Bei der aktuellen Untersuchung mit Namen RENEW handelt es sich um eine Phase-1-Studie, an der 82 Patienten mit einer ersten unilateralen akuten Optikusneuritis-Episode teilgenommen haben. Nach einer Behandlung mit hochdosierten Steroiden wurden sie randomisiert und erhielten 6 Mal im Abstand von 4 Wochen intravenös entweder BIIB033 oder ein Placebo. Die Remyelinisierung wurde gemessen anhand der Nervenleitungslatenz im Vergleich zum nicht betroffenen Auge.

In der Intention-to-treat-Analyse fanden die Wissenschaftler nach 24 Wochen eine Verbesserung um 3,48 Millisekunden und nach 32 Wochen von 6,06 Millisekunden zugunsten der Verumgruppe, allerdings war dieser Unterschied statistisch nicht signifikant. Die Signifikanz ergab sich dann aber in der Analyse gemäß Protokoll mit Differenzen von 7,55 Millisekunden (24 Wochen) und 9,13 Millisekunden (32 Wochen) zugunsten der Antikörper-Empfänger.

Mit 53% versus 26% erreichten annähernd doppelt so viele BIIB033-Empfänger wieder normale Werte, wie Probanden unter Placebo. Neuroprotektive Effekte versuchten die Wissenschaftler anhand optischer Kohärenz-Tomografie der retinalen Nervenfaserschicht bzw. der Ganglionzellschicht zu erfassen und sie erfassten Veränderungen bei der Sehstärke. Hier gab es jedoch keine Unterschiede zwischen den beiden Studiengruppen.

An Nebenwirkung verzeichneten die Forscher lediglich 2 Fälle von Infusions-bedingter Hypersensitivitätsreaktionen und bei einem Patienten eine vorübergehende Erhöhung der Leberwerte. „Diese Ergebnisse sollten weitere Arbeitsgruppen ermutigen, sich auf dem Gebiet der reparativen neurologischen Therapien zu betätigen“, sagte Cadavid. In einer zweiten Phase-2-Studie (SYNERGY) werde nun auch die Anwendung von BIIB033 bei Patienten mit definitiver MS unterschiedlicher Schwere untersucht. „Dies wird uns zeigen, welcher Population diese Arznei am meisten helfen könnte“, so Cadavid.

 

Dieser Artikel wurde von Michael Simm aus http://www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

1. 67th Annual Meeting der American Academy of Neurology (AAN), 18. bis 25. April 2015, Washington, DC; Poster 7.202

 

Kommentar

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