Noch fest in Männerhand: Warum es nach wie vor nur wenige Chirurginnen gibt

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

30. April 2015

München – Die frühere Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes kennt das Problem aus eigener Erfahrung: „Die Chirurgie war mein Traumberuf“, berichtete Dr. Regine Rapp-Engels beim 132. Chirurgenkongress in München. „Aber ich hab‘ hingeworfen – und das nicht, weil ich nicht fähig gewesen wäre. Das war damals in den 80er Jahren.“

Die Strukturen in der Medizin – und in der Chirurgie ganz besonders – seien von Männern geprägt und für männliche Lebensentwürfe gemacht, erläuterte sie in ihrem Vortrag mit dem Titel „Die Zukunft der Medizin ist weiblich – auch in der Chirurgie“. Doch die von ihr vorgestellten Zahlen machen auch deutlich, dass dieser Titel zurzeit noch Wunschdenken ist, denn bisher ist die Chirurgie noch immer eine Männerdomäne.

Bei den Studienabsolventen sind Frauen noch in der Überzahl

Schon seit Jahren sind zwei Drittel der Studienanfänger im Fach Medizin weiblich. Seit der Jahrtausendwende sind auch bei den Medizin-Absolventen die Frauen in der Überzahl. Manche Kollegen nehmen dies zum Anlass, vor einer „Feminisierung der ärztlichen Profession“ zu warnen, so Rapp-Engels. Vor einem Jahr wurde beim Chirurgenkongress z.B. bemängelt, dass der Chirurgie viele männliche Talente verloren gingen, weil sie die Hürde des Numerus clausus nicht so leicht nähmen wie die weibliche Konkurrenz.

Doch von einer Feminisierung kann derzeit noch keine Rede sein, machte Rapp-Engels in München deutlich: Im Jahr 2014 betrug der Ärztinnen-Anteil unter den berufstätigen Ärzten 45,5%; bei den Chirurgen waren sogar nur 18,3% weiblich.  

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer

Die Schere geht nach der Promotion auf – ab diesem Zeitpunkt dominieren die Männer. Sie stellen die große Mehrheit in den Landesärztekammern, sie haben die Professoren-Stellen inne. Und unter den Chirurgen ist der Anteil der Frauen ganz besonders niedrig – „in der Führungsebene sind es vielleicht fünf bis zehn Prozent“, schätzt Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. „Die von DAX-Unternehmen geforderte Quote von 30 Prozent erreichen wir bei weitem nicht“, räumte er bei einer Pressekonferenz des Kongresses ein. Nur 3 von etwa 40 Ordinarien für Allgemein- und Viszeralchirurgie seien z.B. heute von Frauen besetzt.

Von Männern geprägte Strukturen bremsen Frauen aus

Was sind die Gründe? Zum Teil, so gibt Rapp-Engels zu, „nehmen sich die Frauen im vorauseilenden Gehorsam selbst zurück“. Doch es seien vor allem auch die von den Männern geprägten Strukturen, die ihnen das Weiterkommen erschwerten. In einer Umfrage des Hartmannbundes von 2008 waren 2 Drittel der Studentinnen überzeugt, dass sie nicht die gleichen Chancen haben, ihre Karriereziele zu erreichen, wie ihre männlichen Kommilitonen. Weitere 20% kreuzten bei dieser Frage (wahrscheinlich nach dem Motto, die Hoffnung stirbt zuletzt) ein „vielleicht“ an, nur 13% glaubten, tatsächlich die gleichen Chancen zu haben.

 
Die von DAX-Unternehmen geforderte Quote von 30 Prozent erreichen wir bei weitem nicht. Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer
 

Woran es vor allem hapert, zeigt die Antwort auf eine andere aktuelle Umfrage des Hartmannbundes. Auf die Frage „Was müsste sich ändern, um den Arztberuf attraktiver zu machen?“ nannten 85% (darunter auch viele Männer) eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Arbeitszeiten seien schlecht geregelt und wenig flexibel, Nacht- und Wochenend-Dienste sowie für die Facharzt-Ausbildung notwendige Stellen und Ortswechsel machen es vor allem den Frauen zusätzlich schwer, so Rapp-Engels.

Meyer ergänzt, dass zum Teil auch die Weiterbildung in Teilzeit nicht möglich sei – allein dies sorge schon dafür, dass der Frauenanteil bei der Facharztausbildung schrumpfe. Und ein weiterer wichtiger Aspekt: der Mutterschutz. Denn bislang kommt für angehende Chirurginnen die Schwangerschaft fast einem Berufsverbot gleich (wie Medscape Deutschland berichtete. Aufgrund von überholten Regelungen im Mutterschutzgesetzes von 1952 und der „Verordnung zum Schutze der Mütter am Arbeitsplatz“ dürfen Ärztinnen den OP nicht mehr betreten und nicht mehr invasiv tätig werden, sobald sie die Schwangerschaft dem Dienstherrn melden.

Doch Rapp-Engels wies darauf hin, dass junge Ärztinnen in dieser Situation „das Recht auf eine individuelle Beurteilung haben“. „Das Mutterschutzgesetz muss geändert werden“, betonte auch Meyer und verwies auf das Projekt „Operieren in der Schwangerschaft“, das 2 junge Chirurginnen gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) initiiert haben.

Familienfreundlichere Strukturen gefordert – auch von Männern

 
Das Mutterschutzgesetz muss geändert werden. Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer
 

Die ehemalige Präsidentin des Ärztinnenbundes sieht auch Licht am Horizont. Denn – „auch wenn das Thema gern den Frauen zugeschoben wird“ – so fordern inzwischen auch immer mehr junge Männer eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. In der so genannten Generation Y ist auch den Männern eine ausgeglichene Work-Life-Balance wichtig. So müssten die Arbeitgeber auch bei männlichen Ärzten immer häufiger damit rechnen, dass diese wegen Eltern-Teilzeit ausfallen.

Doch was ist dann? In den Vergütungsstrukturen der Krankenhäuser und Kliniken sind Teilzeit, Elternzeit, Mutterschutz und Kinderbetreuung bisher nicht abgebildet. Der Personalschlüssel erlaubt keine „Springer“, die dann als Ersatz zur Verfügung stünden. Die Kollegen müssen dies auffangen. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, fordert die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) daher von Politik und Kostenträgern anlässlich ihres 132. Kongresses einen familienfreundlicheren Personalschlüssel.

Und auch die Rückkehr muss geregelt sein. Erst kürzlich hat eine Studie an der Medizinischen Hochschule Hannover ergeben, dass nach der Elternzeit für viele Rückkehrer ein Karriereknick droht. Auch hier will die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie ansetzen. „Wir brauchen funktionierende Teilzeitmodelle, die es Müttern und Vätern ermöglichen, nach einer Auszeit mit reduzierter Stundenzahl auf chirurgische Stationen zurückzukehren“, fordert Prof. Dr. Peter M. Vogt, Präsident der DGCH und Direktor der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Hannover.

Die Fachgesellschaft macht die ersten vorsichtigen Schritte in die „weibliche Zukunft“ der Chirurgie – und demonstriert dies auch nach außen. Bei der Abschlussveranstaltung des diesjährigen Kongresses wird Vogt seine Nachfolge vorstellen: 2015/2016 wird die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie – zum ersten Mal in ihrer 143-jährigen Geschichte – mit Prof. Dr. Gabriele Schackert eine weibliche Präsidentin haben.

 

REFERENZEN:

1. 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), 28. April bis 1. Mai 2015, München

 

Kommentar

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