Der neue Malaria-Impfstoff wirkt, aber: „Jetzt nicht an dieser Stelle aufhören!“

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

28. April 2015

Eine Impfung gegen Malaria ist grundsätzlich möglich – das ist die gute Nachricht nach Abschluss der Phase-3-Studie zum Malaria-Impfstoff RTS,S/AS01 [1]. Prof. Dr. Jürgen May, Epidemiologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) sieht in RTS,S/AS01 einen Fortschritt. Die Ergebnisse seien nützlich, sagt er gegenüber Medscape Deutschland.

 
Man kann mit der Impfstoff-Entwicklung jetzt nicht an dieser Stelle aufhören, sondern muss die Schutzwirkung schrittweise verbessern. Prof. Dr. Jürgen May
 

Erfolge jetzt die Lizensierung der Vakzine, müsse jeder weitere Impfstoff nicht mehr gegen Placebo, sondern gegen RTS,S/AS01 bestehen. „Man kann mit der Impfstoff-Entwicklung jetzt nicht an dieser Stelle aufhören, sondern muss die Schutzwirkung schrittweise verbessern. Insofern bringen uns die Ergebnisse durchaus weiter“, erklärt er.

RTS,S/AS01 wurde vom Hersteller GlaxoSmithKline (GSK) für den Einsatz in der afrikanischen Subsahara entwickelt, einer Gegend, in der Malaria jeden Tag 1.300 Kinder tötet. Jährlich erkranken weltweit über 200 Millionen Menschen an Malaria, 600.000 sterben daran, meist Kleinkinder unter 5 Jahre, denn sie sind bei der Erstinfektion ohne Schutz.

Erst im Lauf des Lebens entwickeln Menschen in Malaria-Endemie-Gebieten eine gewisse Immunität. Die Ebola-Epidemie, noch immer nicht ganz unter Kontrolle, hat die Zahl der Malaria-Toten in Guinea, Sierra Leone und Liberia drastisch erhöht – um 11.000 Menschen. Grund dafür sind die durch die Ebola-Epidemie zusammengebrochenen Gesundheitssysteme in diesen Ländern, wie eine jüngste Publikation in Lancet dokumentiert.

Schon die Zwischenergebnisse deuteten keinen ausreichenden Schutz an

Der Impfstoff wurde in einer 4-jährigen Feldstudie an 15.459 Kleinkindern und Säuglingen aus Burkina Faso, Gabon, Ghana, Kenya, Malawi, Mozambique und Tanzania erprobt. Die Teilnehmer wurden jeweils dreimal mit RTS,S/AS01 geimpft, in einer Subgruppe gab es nach 20 Monaten nochmal eine Boosterimpfung zur Auffrischung.

Das erste Zwischenergebnis vor 3 Jahren zeigte bei den Kleinkindern in den ersten 14 Monaten eine Schutzwirkung von 56%. Eine weitere Interimsanalyse im Jahr 2012 ergab, dass sie bei den Säuglingen nur bei 31% lag.

 
Trotz der abnehmenden Effektivität über die Zeit zeigt sich dennoch ein klarer Benefit durch RTS,S/AS01. Dr. Brian Greenwood
 

Die jetzt vorliegenden Ergebnisse lassen erkennen, dass die Schutzwirkung von RTS,S/AS01 rasch nachlässt: Nach 48 Monaten war sie bei Kleinkindern auf 28,3% gefallen. Lediglich in der Subgruppe, in der die Kinder nach 20 Monaten ein Boosterimpfung erhielten, lag die Schutzwirkung noch bei 36,3%. Bei den Säuglingen ohne Boosterung sank sie auf 18,3%, mit Auffrischung waren es knapp 26%. „Die Konsistenz der Wirksamkeit von RTS,S/AS01 ist altersabhängig und die Effektivität mit rund 30 Prozent nicht sehr hoch“, kommentiert May.

Dr. Brian Greenwood, Erstautor der Studie und Tropenmediziner an der London School for Hygiene & Tropical Medicine erklärt: „Trotz der abnehmenden Effektivität über die Zeit zeigt sich dennoch ein klarer Benefit durch RTS,S/AS01.“ Im Mittel, so Greenwood, konnten in Zeitraum von 4 Jahren bei 1.000 geimpften Kindern 1.363 Malaria-Episoden vermieden werden. In der Gruppe, die den Booster erhielt, konnten 1.774 Episoden verhindert werden. „In Anbetracht dessen, dass wir im Jahr 2013 geschätzt 198 Millionen Malariafälle hatten, impliziert dieser Grad an Effektivität dennoch, dass Millionen von Malariafällen bei Kindern verhindert werden könnten“, erläutert Greenwood die Bedeutung der Ergebnisse.

Als Manko fällt jedoch ins Gewicht: Die Impfung schützt nur vor milde verlaufenden Infektionen, bei den schweren Erkrankungen war die Wirkung nicht signifikant. Ob das Mittel auch die Todesrate in der gesamten Bevölkerung senkt oder das Erkrankungsalter nur nach hinten schiebt, wisse man noch nicht, gibt May zu bedenken.

Was macht die Impfstoff-Entwicklung so schwierig?

 
Eine hundertprozentige Immunität wird in der Natur auch nach vielen Infektionen nicht erreicht. Prof. Dr. Jürgen May
 

RTS,S/AS01 enthält ein häufig auf den Sporozoiten des Malariaerregers vorkommendes Protein. Die Parasiten sind zwar Einzeller, allerdings weit entwickelt und an den Menschen angepasst. Deshalb sind die Erreger in der Lage, ständig ihre Außenhülle zu ändern, so dass sich bei jeder Infektion neue Antikörper entwickeln müssen. „Eine hundertprozentige Immunität wird in der Natur auch nach vielen Infektionen nicht erreicht“, erklärt May. Daher sei es auch schwierig, eine schützende Immunantwort über einen Impfstoff zu erzeugen

Ob es überhaupt möglich ist, einen Impfstoff mit sehr guter Wirksamkeit zu entwickeln, wird laut May unterschiedlich beurteilt. Durch den Stich einer infizierten Mücke gelangen die Plasmodien in Form von Sporozoiten in die Blutbahn. Wenn man Sporozoiten in diesem infektiösen Stadium in ihrer Entwicklungsfähigkeit schwächt oder ausschaltet – etwa durch radioaktive Strahlung oder genetische Veränderungen – und diese dann als Vakzine einsetzt, kann man einen sehr hohen Schutz erreichen. „Es ist allerdings schwer vorstellbar, wie solche manipulierten Sporozoiten, die direkt aus den Moskitos entnommen werden, in der notwendigen riesigen Anzahl produziert werden können.“

Auffrischungsimpfungen wären logistisch kaum machbar

Die beiden WHO-Expertinnen Dr. Vasee Moorthy und Dr. Jean-Marie Okwo-Beele äußern sich in ihrem begleitenden Kommentar zurückhaltend zu den Ergebnissen: „Malaria-Modelle sagen voraus, dass RTS,S/AS01 die Mortalität reduzieren werde, doch das wissen wir erst, wenn größere Datenmengen verfügbar sind.“ In Anbetracht der schwachen Schutzwirkung müssten die Kosten der Impfung mit anderen wirksamen Interventionen – Therapie mit Artemisinin-Kombinationen, schnelle Diagnosetests und die Verteilung von mit Insektiziden imprägnierten Netzen – in Beziehung gesetzt werden, betonen Moorthy und Okwo-Beele.

In der vorliegenden Form sei die Schutzwirkung wahrscheinlich nicht für große Impfkampagnen ausreichend, bestätigt May. Hinzu komme, dass häufige Auffrischungsimpfungen angesichts der unzureichenden Gesundheitssystemen in den Ländern der Subsahara sehr schwierig umzusetzen seien. Nun wird die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) über den Zulassungsantrag des Herstellers beraten. Die WHO will dann im Herbst entscheiden, ob sie den Impfstoff empfiehlt.

 

REFERENZEN:

1. Greenwood B, et al: Lancet (online) 23. April 2015

Kommentar

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