Training stärkt das schwache Herz – Sport ist wirksam bei jeder Form der Herzinsuffizienz

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

23. April 2015

Mannheim – Körperliche Bewegung kann eine Herzinsuffizienz erstens verhindern, zweitens ihr Fortschreiten abbremsen und drittens sie sogar bessern – und das alles bei guter Verträglichkeit. Ist Sport also die beste Pille gegen Herzinsuffizienz? Dies fragten sich Experten in mehreren Symposien auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim [1].

Der Nutzen des Sports gegen Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion (HFrEF, systolische Herzinsuffizienz) wurde schon vor Jahren u.a. in einer Studie aus Leipzig nachgewiesen. Neuere Daten bestätigen nun auch einen Benefit bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF, diastolische Herzinsuffizienz), gegen die es derzeit noch keine wirksamen Medikamente gibt.

Prof. Dr. Martin Halle

Erfolgreiche Sportstudie geht weiter: Teilnehmer gesucht

Ein Beispiel dafür ist die von Prof. Dr. Martin Halle vom Klinikum rechts der Isar in München vorgestellte Pilotstudie „Exercise in Diastolic Heart Failure“, Ex-DHF P. Hier bewirkte ein moderates Ausdauer- und ergänzendes Krafttraining über 3 Monate eine deutliche Steigerung der maximalen Sauerstoffaufnahme und der maximalen Belastbarkeit, der diastolischen Funktion und der Lebensqualität von HFpEF-Patienten. Sogar die Größe des linken Vorhofs der Patienten war wieder rückläufig.

 
Das sorgt für Abwechslung – die Patienten lieben das Zirkeltraining an den Geräten. Prof. Dr. Martin Halle
 

In die  Ex-DHF P-Folgestudie (Ex-DHF) sollen nun 320 HFpEF-Patienten eingeschlossen werden; etwa 20% sollen in nächster Zeit noch rekrutiert werden. Die Studienteilnehmer erhalten diesmal ein ganzes Jahr lang ein strukturiertes Training. Begonnen wird mit dreimal wöchentlich Ausdauersport.

Während des Jahres wird die Intensität, aber auch die Trainingsdauer pro Einheit regelmäßig gesteigert. Außerdem wird zusätzlich zum Ausdauertraining 2 Mal pro Woche Krafttraining durchgeführt. Insgesamt dauert eine Trainingseinheit ca. 60 Minuten. „Das sorgt für Abwechslung – die Patienten lieben das Zirkeltraining an den Geräten“, verriet Halle im Gespräch mit Medscape Deutschland.

95% Auslastung – zu viel bei Herzinsuffizienz?

In einer weiteren laufenden Studie, OptimEx-CLIN, werden HFpEF-Patienten in 3 Gruppen randomisiert:

  • • In der ersten Gruppe werden sie mit „usual care“ behandelt,

  • • in der zweiten Gruppe trainieren sie 5 Mal wöchentlich 40 Minuten bis auf 60 - 70% ihrer maximalen Herzfrequenz und

  • • die dritte Gruppe treibt nur 3 Mal pro Woche für je 38 min Sport, dafür aber intensiv: Hier wechseln sich kurze Phasen mit 60- bis 70%iger und mit 90- bis 95%iger Belastung ab.

 
Vorläufig halte ich ein moderates Intervalltraining mit einem Wechsel zwischen 50 und bis zu 75 Prozent der maximalen Belastung für optimal. Prof. Dr. Martin Halle
 

Die endgültigen Studienergebnisse stehen noch aus; die bisherigen Beobachtungen zeigen aber, dass das Training offenbar sicher ist.

Auf Nachfrage von Medscape Deutschland relativierte Halle diesen Ansatz ein wenig: „Es liegen bislang noch zu wenige Daten vor, um daraus eine allgemeine Empfehlung für alle HFpEF-Patienten abzuleiten. Vorläufig halte ich ein moderates Intervalltraining mit einem Wechsel zwischen 50% und bis zu 75% der maximalen Belastung für optimal.“

Bei HFrEF dagegen ist laut Halle „das Intervall-Ausdauertraining etwas effektiver als das moderate Ausdauertraining und vor allem auch sicher; das ist eine wirkliche Alternative.“

Voraussetzung nicht nur für das Intervall-, sondern auch für jegliches Ausdauer- und Krafttraining ist die sportmedizinische Basisuntersuchung mit Ermittlung der maximalen Sauerstoffaufnahme in der Ergometrie, erinnerte Halle gegenüber Medscape Deutschland. Notwendig seien auch eine umfassende medikamentöse Therapie der Begleiterkrankungen und eine aufmerksame Überwachung der Symptome beim Sport.

Patienten da abholen, wo sie stehen

Nicht alle Studien bestätigen den Nutzen des Sports: In der großen HF-ACTION-Studie etwa, mit 2.500 Herzinsuffizienzpatienten, wurde der primäre Endpunkt – die Reduktion von Mortalität und Klinikeinweisungen –  überraschenderweise nicht erreicht.

„Der Hauptgrund dafür war die geringe Adhärenz der Teilnehmer“, berichtete PD Dr. Frank Edelmann, Herzzentrum der Universität Göttingen und Charité Berlin: Die Patienten sollten eigentlich knapp 3 Stunden pro Woche trainieren, schafften aber schon zu Studienbeginn in der Klinik kaum mehr als eine Stunde – und zuletzt, im ambulanten Setting, noch deutlich weniger. Für die Patienten, die häufiger trainierten als andere, zeigte sich ein klarer Überlebensvorteil schon ab ca. 2 Stunden pro Woche.

In der Ex-DHF P-Studie, an der Edelmann federführend beteiligt war, lief dies deutlich besser; so betrug die Dropout-Rate gerade einmal 4%. Der Experte schlug ein ganzes Bündel an Maßnahmen vor, um die Adhärenz der Herzinsuffizienzpatienten beim Sport zu steigern, angefangen von kostenlosen Transporten über einen „sanften“ Start mit langsamer Steigerung der Trainingseinheiten bis hin zum Gruppentraining; auch er empfahl eine Auflockerung durch ein Krafttraining zusätzlich zum Ausdauersport.

Selbstverständlich sollten orthopädische Komorbiditäten berücksichtigt und behandelt werden. Und auch eine Ausweitung der angebotenen Termine auf die Abende und das Wochenende kann laut Edelmann helfen, mehr Patienten für Bewegung zu begeistern.

Vorbeugen ist besser

Bewegung ist ein ernst zu nehmender Gegenspieler oder auch Feind der Herzinsuffizienz, so das Fazit der Studien und Vorträge – und deshalb ein guter Freund des Patienten. Wer gar nicht erst an Herzinsuffizienz erkranken möchte, sollte frühzeitig mit dem Sport beginnen: Ist man mit Mitte 40 körperlich fit, hat man gute Chancen, mit 65 noch immer frei von Herzinsuffizienz und Myokardinfarkt zu leben.

Das bestätigt eine von Edelmann vorgestellte Studie, deren Teilnehmer zunächst nach Alter (Lebensjahrzehnt) und Geschlecht und dann nach dem Balke-Ergometertest in Fitness-Quintilen eingeteilt worden waren. Bei Männern war der Zusammenhang zwischen dem Trainingszustand in den 40ern oder 50ern und dem langfristigen präventiven Effekt weitgehend „dosisabhängig“; bei ihnen galt: Viel hilft viel. Bei den Frauen dagegen genügte schon ein mittelmäßiger Trainingszustand zur wirksamen Prävention.

 

REFERENZEN:

1. 81. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 8. bis 11. April 2015, Mannheim

 

Kommentar

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