Die Deutschen Internisten stellen sich ihrer Geschichte im Nationalsozialismus

Maren Schenk

Interessenkonflikte

22. April 2015

Mannheim – 70 Jahre nach den Gräueltaten im „Dritten Reich“ arbeitet die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ihre nationalsozialistische Vergangenheit auf. „Die Ergebnisse dieser Aufarbeitung haben mich erschüttert und sehr nachdenklich gemacht“, sagte Prof. Dr. Michal Hallek, Vorsitzender der DGIM und diesjähriger Kongresspräsident: „Wir Internisten haben uns in dieser Zeit offensichtlich nicht unterschieden vom Rest der Bevölkerung – und das, obwohl wir unseren Beruf mit hohem ethischem Anspruch erfüllen“, so der Direktor der Klinik I für Innere Medizin, Universitätsklinikum Köln.

Prof. Dr. Michal Hallek

Quelle: DGIM

Seit 2012 erforschen Historiker des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bonn systematisch die Geschichte der DGIM seit 1933. Die ersten Ergebnisse sind in einer Ausstellung auf dem diesjährigen Internistenkongress und in einer Begleitpublikation der Öffentlichkeit präsentiert worden [1]. Darin werden Schicksale verfolgter DGIM-Mitglieder und Oppositioneller dokumentiert, Täter und Mitläufer benannt, aber auch Medizinverbrechen und Menschenversuche exemplarisch dargestellt.

Prof. Dr. Ulrich Fölsch

Quelle: DGIM

Aufarbeitung nach 70 Jahren

„Wir wollten diese Zeiten aufarbeiten, um uns immer wieder bewusst werden zu lassen, was geschehen kann, wenn man nicht sein unabhängiges Denken bewahrt“, mahnte der Generalsekretär der DGIM, Prof. Dr. Ulrich Fölsch, Kiel. Denn dieses unabhängige Denken sei damals auf der Strecke geblieben.

 
Wir wollten diese Zeiten aufarbeiten, um uns immer wieder bewusst werden zu lassen, was geschehen kann, wenn man nicht sein unabhängiges Denken bewahrt. Prof. Dr. Ulrich Fölsch
 

Einer der Auslöser für die Aufarbeitung der Geschichte der DGIM war ein Geschenk, das Fölsch anlässlich des Kongresses 2004 bekam: ein älteres Buch mit den ursprünglichen Reden der Vorsitzenden aus der NS-Zeit. „Noch nicht geschönt“, wie er betonte, „denn im Jubiläumsband von 1982 fehlten viele Passagen“ – nämlich die, die eine Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie aufwiesen.

Auch andere Fachgesellschaften hatten sich spät ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit gestellt, zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie 2011 und die für Psychiatrie 2010. So hat die DGIM im Rahmen eines Forschungsprojekts Historiker der Universität Bonn beauftragt, die Geschichte der DGIM in den Jahren des Nationalsozialismus und den Jahrzehnten danach aufzuarbeiten. „Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen. Wir wollen Bescheid wissen über die Täter. Wer musste leiden, wer wurde verfolgt?“, so Fölsch.

Mitgliederschwund durch Antisemitismus

PD Dr. Ralf Forsbach

Quelle: DGIM

Im Jahr 1932 hatte die DGIM 1.223 Mitglieder, 1935 waren es nur noch 1.101: 10% ihrer Mitglieder gingen mit Beginn der NS-Diktatur „verloren“ – zahlreiche jüdische Mitglieder mussten die DGIM ab 1933 verlassen. So auch der damalige Vorsitzende und designierte Kongresspräsident Leopold Lichtwitz: Kurz vor dem Kongress 1933 in Wiesbaden wurde er „aus rassistischen Gründen“ von der DGIM-Spitze zum Rücktritt gezwungen. „Ohne Widerspruch im Ausschuss – das hat uns enorm zu denken gegeben“, sagte Fölsch. Lichtwitz emigrierte schließlich in die USA und erhielt eine leitende Position im Montefiore Hospital in New York.

Prof. Dr. Hans-Georg Hofer

Quelle: DGIM

In der Ausstellung werden weitere, sehr unterschiedliche Schicksale und Lebensläufe von verfolgten DGIM-Mitgliedern vorgestellt, berichtete PD Dr. Ralf Forsbach, Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn, auf der Pressekonferenz zur Ausstellung [2]. Der Historiker erforscht zusammen mit Prof. Dr. Hans-Georg Hofer, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Münster, die Geschichte der DGIM.

 
Wir Internisten haben uns in dieser Zeit offensichtlich nicht unterschieden vom Rest der Bevölkerung – und das, obwohl wir unseren Beruf mit hohem ethischem Anspruch erfüllen. Prof. Dr. Michal Hallek
 

Da die DGIM selbst nur wenige Dokumente aus der NS-Zeit besitzt, mussten die beiden Historiker in privaten und öffentlichen Archiven recherchieren, nationalen wie internationalen, z.B. im Bundesarchiv in Berlin, in Personalakten in Universitäten, in Bibliotheksarchiven oder im Archiv der DFG. Hinzu kamen Zufallsfunde – so der Nachlass eines Rechtsanwalts in Wien, der die Humanexperimente in Dachau dokumentiert. Ein Teil der Korrespondenz der DGIM mit Berliner Behörden lagert in einem Archiv in Stanford, Kalifornien. „Unsere Arbeit soll eine intensive und anhaltende Auseinandersetzung mit den Geschehnissen ermöglichen. Man kann die Vergangenheit nicht bewältigen, sondern man muss sie aktiv in Erinnerung rufen“, erklärte Hofer.

Kommentar

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