Darf es etwas mehr sein? Wer regelmäßig Sport treibt, erhöht seine Lebenserwartung

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

20. April 2015

Mannheim – Lieber Bildschirm als Bike – nach dieser Philosophie scheinen immer mehr Deutsche, vor allem jüngere Menschen, ihre Freizeit zu verbringen – und schaden mit ihrem inaktiven Lebensstil ihrer Gesundheit. Mehr noch: Sie riskierten einen frühzeitigen Tod, warnten Experten auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Mannheim [1].

„Bis zu 60% der Frauen zwischen 20 und 40 Jahren sind mittlerweile körperlich inaktiv, Tendenz steigend – das führt zu einer Zunahme von Adipositas und Diabetes“, konstatierte Prof. Dr. Marcus Dörr vom Universitätsklinikum Greifswald in einem sehr gut besuchten Symposium zu Langlebigkeit und physischer Kondition, das von der Deutschen Gesellschaft der Internisten Mecklenburg-Vorpommern ausgerichtet wurde.

Prof. Dr. Marcus Dörr

In der unter anderem von ihm begleiteten SHIP Studie (Study of Health in Pomerania), die die Entwicklung von Risikofaktoren in Nordostdeutschland untersucht, haben die Forscher in der 2. Stichprobe von 2008 bis 2012 neben dem Rückgang der körperlichen Aktivität einen starken Anstieg der Adipositas- (von 24,7 auf 32%) und Diabetes-Prävalenzen (von 9,1 auf 13,8%) festgestellt.

Weltweit ist der Anteil der Übergewichtigen (BMI > 25) zwischen 1980 und 2013 von 30% auf 38% in der Bevölkerung gestiegen. Laut Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) sind in Deutschland mittlerweile 23% der Männer und 24% der Frauen adipös (BMI > 30), Tendenz steigend.

„Couch Potatoes“ büßen Lebenszeit ein

Auch die deutschlandweiten Studien DEGS1 und KiGGS des RKI zeigen beunruhigende Trends einer immer inaktiver werdenden Gesellschaft: 34% der Frauen und 33% der Männer treiben laut DEGS-Studie gar keinen Sport und fast 80% der Befragten bewegen sich nach eigenen Angaben weniger als 2,5 Stunden pro Woche.

Ein Drittel aller Kinder zwischen 3 und 17 Jahren bewegen sich nicht ausreichend, mahnte Dörr. Bis zu 20% der Jungen verbringen gar mehr als 6 Stunden am Tag vor dem Bildschirm, ergab die neueste KiGGS-Erhebung von 2012. Dabei lebten aktivere Menschen eindeutig gesünder und auch länger, wie zahllose Studien zeigten, betonte der Kardiologe.

„Gesunde, die weniger leistungsfähig sind, haben eine genauso schlechte Prognose wie Personen mit einer bereits bestehenden Erkrankung“, so seine Erfahrung. Vor allem kardiovaskuläre Risiken und kardiovaskuläre Mortalität können durch Sport reduziert werden; immer mehr Ergebnisse deuten zudem auf einen protektiven Aspekt von Sport gegen bestimmte Krebsarten wie Darm- oder Brustkrebs hin sowie auf eine bessere Prognose und verringerte Sterblichkeit bei Krebskranken, die fit sind.

„Wir empfehlen 30 Minuten Sport pro Tag an 5 Tagen die Woche – das ist mit einer Senkung der Mortalität von knapp 20 Prozent verbunden“, sagte Dörr. In einer prospektiven Kohortenstudie in Thailand, publiziert im Lancet 2011, bezeichnen Dr. Chi Pang Wen und Kollegen sogar sportliche Betätigung mit moderater Intensität im Umfang von nur 15 Minuten am Tag oder 90 Minuten in der Woche als „effektive Maßnahme“ zur Reduzierung des Mortalitätsrisikos. Durchschnittlich konnten die Probanden, die nach diesen Parametern trainierten, ihre Mortalität um 14% senken und hatten eine um 3 Jahre längere Lebenserwartung als diejenigen, die nicht trainierten.

Gartenarbeit reicht nicht aus

 
Gesunde, die weniger leistungsfähig sind, haben eine genauso schlechte Prognose wie Personen mit einer bereits bestehenden Erkrankung. Prof. Dr. Marcus Dörr
 

„Wir denken eher nicht, dass 15 Minuten am Tag ausreichen“, erklärt dagegen Dörr im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Ebenfalls scheint körperliche Arbeit, etwa Gartenarbeit, nicht zu genügen, um das Mortalitätsrisiko zu senken.“

Das heißt: Um Effekte zu erzielen, kommt man um sportliches Training oder zumindest ausreichend Bewegung in der Freizeit nicht herum. „Aber es steht fest: Schon kleine Steigerungen haben große Effekte“, etwa eine geringere Wahrscheinlichkeit eine koronare Herzkrankheit (KHK) zu entwickeln. „Sport zielt also ab auf eine gesunde Langlebigkeit“, bemerkte Dörr.

Aktuell analysiert er mit Kollegen im Rahmen der SHIP-Studie, welche Art von Training mit welcher Dauer und Intensität welche Effekte nach sich zieht. „Wichtig ist: Wir stellen den Probanden nicht nur Fragen, sondern messen ihre Leistungsfähigkeit objektiv mittels Spiroergometrie.“ Problematischer als die richtige Dauer und Intensität für effektives Training zu finden, erscheint die generelle Motivation sich zu bewegen.

Auch das untersucht Dörr in Greifswald – in der seit 2014 laufenden randomisierten HOMEX-HF-Pilotstudie. Sie analysiert kardiovaskuläre Effekte von individualisiertem häuslichem Training, um daraus Maßnahmen zur Steigerung der Trainingsadhärenz bei chronischer Linksherzinsuffizienz zu entwickeln. 

„Wir versuchen herauszufinden, warum Compliance und Motivation nachlassen oder weshalb Menschen gar nicht erst anfangen sich zu bewegen, etwa  aufgrund von Barrieren oder Hindernissen im sozialen Bereich“, erklärte er.

Verglichen werden 3 Konzepte zum körperlichen Training bei Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz (LVEF < 40%; Alter 30 - 75 Jahre). Daraus soll ein individuelles Trainingsprogramm für zu Hause entwickelt werden, das die Patienten langfristig durchführen. „Viele Studien zu Training sind kurzfristig angelegt, etwa mit zwölf Wochen Training – wir wollen aber in der Praxis, dass die Patienten durchgängig über einen langen Zeitraum trainieren“, bemerkte Dörr.

Manche Faktoren sind nicht zu beeinflussen

Dennoch: Nicht alles lässt sich durch körperliche Aktivität aufhalten. Hormonelle Veränderungen etwa seien unausweichlich, sagte Prof. Dr. Hans-Christof Schober vom Klinikum Südstadt Rostock in seinem DGIM-Vortrag zu Testverfahren zur Abschätzung der Lebenserwartung.

 
Man kann zum Beispiel pauschal sagen: Je langsamer der Patient geht, desto schneller kommt der Tod. Prof. Dr. Hans-Christof Schober Prof. Dr. Hans-Christof Schober
 

„Diesen Veränderungen, genau wie Multimorbidität, sind wir ausgeliefert. Ab 55 Jahre hat man im Schnitt drei Krankheiten, ob diagnostiziert oder nicht diagnostiziert.“ Wie lange ein Mensch lebe, werde von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, vor allem Genetik, Ernährung, Umwelt, Gewicht und dem Lipidprofil.

Zur Genetik, die die Lebensspanne zu 20 bis30% beeinflusse, zähle auch beispielsweise das Alter der Mutter bei der Entbindung. Sei die Mutter bei der Geburt älter als 40 gewesen, sinke die Lebenserwartung des Nachwuchses.

Darüber hinaus spielt der Lebensstil wie Rauchen und die Art der Ernährung eine Rolle, wie unter anderem die EPIC(European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition)-Studie zeige. Eine mediterrane Kost etwa reduziere nicht nur das kardiovaskuläre Risiko, sondern auch die Inzidenz von Oberschenkelhalsfrakturen aufgrund eines geringeren Osteoporoserisikos. Und Übergewicht im mittleren Lebensalter mindere die Lebenserwartung um 6 Jahre, mahnte Schober. „Bei alten Menschen dagegen ist Untergewicht für mich eher Anlass zur Sorge“, erklärte er.

Wie lange ein alter Mensch voraussichtlich noch lebe, lasse sich durch 3 schnelle Tests, bei dem jeder Patient bis zu 4 Punkte erreichen kann, „einfach, zuverlässig, valide und gut reproduzierbar in 3 Minuten herausfinden“:

  • • Standbalance im Tandemstand

  • • Ganggeschwindigkeit

  • • Aufstehen von einem Stuhl

Anhand der Performance bei diesen Übungen, die Muskelstärke, Balance, motorische Kontrolle, Geschwindigkeit, kardiopulmonale Funktionalität und Konzentration überprüfen, könne man mittels eines Scores von 0 bis 12 Punkten die verbleibende Lebensdauer relativ gut einschätzen, bemerkte Schober. „Man kann zum Beispiel pauschal sagen: Je langsamer der Patient geht, desto schneller kommt der Tod.“

 

REFERENZEN:

1. 121. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 18. bis 21. April 2015, Mannheim

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....