Männergesundheit: Fitness schützt vor Lungen- und Darmkrebs, aber nicht vorm Prostatakarzinom

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

15. April 2015

Männer mittleren Alters, die über eine gute kardiorespiratorische Fitness verfügen, erkranken seltener an bestimmten Krebsarten als Männer mit schlechtem Fitnesszustand, so das Ergebnis einer prospektiven Beobachtungsstudie in den USA [1].

Prof. Dr. Holger Krakowski-Roosen

Bei den Studienteilnehmern mit den besten Fitnesswerten war das Lungenkrebsrisiko um 55% und das Darmkrebsrisiko um 44% niedriger als bei denjenigen mit den schlechtesten Fitnesswerten. Ein guter Fitnesszustand könne Komplikationen in der Krebsnachsorge entgegenwirken und das Mortalitätsrisiko senken, sagen die Autoren um Dr. Susan Lakoski vom Vermont Cancer Center der University of Vermont in Burlington, USA.

„Durch sportliches Training wird die kardiorespiratorische Fitness verbessert und gleichzeitig die Passagezeit der Nahrung im Darm verkürzt“, erklärt hierzu Prof. Dr. Holger Krakowski-Roosen, der an der Hochschule Hamm-Lippstadt unter anderem zu Sport und Tumorerkrankungen forscht. Die bessere Verdauung wiederum könne das Darmkrebsrisiko mindern, erläutert der Sportmediziner gegenüber Medscape Deutschland.

Auch für den Zusammenhang von kardiorespiratorischer Fitness und Lungenkrebs hat er eine plausible Erklärung: „Mehr als 90% der Lungenkrebserkrankungen sind auf direktes und indirektes Rauchen zurückzuführen“, sagt er. „Raucher haben regelmäßig eine geringere kardiorespiratorische Fitness. Die Studie ist ein weiterer Hinweis darauf, wie Sport und Bewegung positiv auf den Organismus wirken und solche schweren Erkrankungen zu vermeiden helfen.“

 
Durch sportliches Training wird die kardiorespiratorische Fitness verbessert und gleichzeitig die Passagezeit der Nahrung im Darm verkürzt. Prof. Dr. Holger Krakowski-Roosen
 

Dass kardiorespiratorische Fitness das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mindern kann, ist hinlänglich untersucht und erwiesen. Doch inwieweit dieser messbare Fitnesswert in der Krebsprävention und Krebsnachsorge eine Rolle spiele, sei bis dato wenig erforscht worden, bemerken die Autoren der US-Studie. In der Cooper Center Longitudinal Study (CCLS) haben Lakoski und ihre Kollegen den Zusammenhang von kardiorespiratorischer Fitness zum einen mit dem Auftreten von Darm-, Lungen- und Prostatakrebs, zum anderen mit dem Mortalitätsrisiko nach einer Krebsdiagnose untersucht.

Bessere Fitness – seltener Lungen- und Darmkrebs …

Dazu führten sie bei insgesamt 13.949 Männern (Durchschnittsalter: 49 Jahre) in der Cooper Clinic in Dallas, Texas, einen stufenweise gesteigerten Laufbandtest zur Ermittlung der kardiorespiratorischen Fitness (CRF) durch.

Gemäß ihrer CRF wurden die Probanden in 3 Gruppen mit niedrigem, mittlerem und hohem Fitness-Level eingeteilt. Innerhalb einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 6,5 Jahren wurde Prostatakrebs bei 1.310 Teilnehmern, Lungenkrebs bei 200 und Darmkrebs bei 181 Männern diagnostiziert. Dabei war ein hoher CRF-Wert mit einem niedrigen Risiko für Lungen- und Darmkrebs assoziiert, nicht jedoch mit einem niedrigen Risiko für Prostatakrebs.

… aber häufiger Prostatakrebs – durch häufigere Screening-Teilnahme?

Dr. Martina Schmidt

Vielmehr war in der fittesten Teilnehmer-Gruppe das Prostatakrebs-Auftreten sogar höher als im Durchschnitt (Hazard Ratio: 1,22). „Andere Studien brachten ähnliche Ergebnisse“, kommentiert Dr. Martina Schmidt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg diesen Befund im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Eine mögliche Erklärung: „Gesundheitsbewusste, fitte Männer nehmen wahrscheinlich häufiger Screening-Angebote wahr“, sagt Schmidt, die im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) zu Bewegung und Krebs forscht. Somit werden bei dieser aktiveren Gruppe auch eher Karzinome entdeckt. „Das heißt: Der Zusammenhang ist nicht ursächlich, sondern durch das Verhalten der Teilnehmer beeinflusst.“ Interessant wäre nun herauszufinden, wie oft die Teilnehmer Screenings wahrgenommen haben, sagt Schmidt.

 
Die Studie ist ein weiterer Hinweis darauf, wie Sport und Bewegung positiv auf den Organismus wirken und solche schweren Erkrankungen zu vermeiden helfen. Prof. Dr. Holger Krakowski-Roosen
 

Ähnlich argumentieren Lakoski und ihre Kollegen: Männer, die weniger fit seien, nehmen auch weniger häufig Vorsorgeuntersuchungen zur Prostatakrebs-Früherkennung wahr, schreiben auch sie. „Künftige Studien sollen ein besseres Verständnis darüber liefern, wie Screenings den Zusammenhang von CRF und Prostatakrebs beeinflussen und inwiefern CRF und Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium korrelieren“, fordern die US-Forscher.

Bewegung kann Leben von Krebspatienten retten

Bei Lungen- und Darmkrebs aber spielt die kardiorespiratorische Fitness nicht nur in der Vor-, sondern auch in der Krebsnachsorge eine entscheidende Rolle: Eine neue und wichtige Erkenntnis der Studie: CRF ist ein unabhängiger Prädiktor für den Tod durch Krebs oder durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, so das Fazit der Autoren.

 
Gesundheitsbewusste, fitte Männer nehmen wahrscheinlich häufiger Screening-Angebote wahr. Dr. Martina Schmidt
 

Bei Männern, die an Krebs erkrankten, war die höchste Fitness-Kategorie mit einem um 32% niedrigeren krebsbedingten Sterberisiko assoziiert und mit einem um 68% vermindertem Mortalitätsrisiko durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen – im Vergleich zu Krebserkrankten mit den schlechtesten Fitnesswerten.

Schmidt hat am NCT ähnlich negative Auswirkungen von zu geringer Fitness festgestellt: „Insbesondere bei Brustkrebspatientinnen ist Inaktivität ein großes Problem“, erklärt sie. CRF als messbare Größe könne für diese Patientinnen einen Anreiz darstellen. „Durch messbare Kriterien, die sich leicht feststellen und darstellen lassen, kann man die Patientinnen vielleicht dazu bringen, Sport zu treiben“, sagt sie.

Noch nicht genügend Sport- und Bewegungsprogramme für Krebspatienten

Ihre Arbeitsgruppe Bewegung und Sport am NCT führt sowohl Studien zur präventiven als auch zur rehabilitativen Wirkung von Sport im Hinblick auf onkologische Erkrankungen durch. „Nach einer Chemotherapie ist die kardiorespiratorische Fitness der Patientinnen meist sehr eingeschränkt. Hier muss dringend etwas getan werden, denn ein schlechter CRF-Level deutet auf schlechtere Überlebenschancen hin“, argumentiert Schmidt.

 
Hier (bei Brustkrebs-patientinnen) muss dringend etwas getan werden, denn ein schlechter CRF-Level deutet auf schlechtere Überlebenschancen hin. Dr. Martina Schmidt
 

Auch auf Training während einer Chemotherapie werde immer mehr Wert gelegt. „In unserer Studie zu Training unter Chemotherapie bei Lungenkrebs zeigen sich Benefits.“ So habe die Trainingsgruppe z.B. mehr mehr Muskelkraft als die Kontrollgruppe. Auch unter Strahlentherapie, sagt Schmidt, könne trainiert werden.

„Sport- und Bewegungsangebote speziell für Tumorpatienten gehören bereits in vielen Städten zu der in Deutschland hervorragenden Versorgung von Krebspatienten“, sagt Krakowski-Roosen, der bei der Entwicklung solcher Programme mitgewirkt hat. Dazu gehören neben Programmen zur Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness auch Krafttrainingsangebote, Physio- und Sporttherapie, etwa für Brustkrebspatientinnen. „Es gibt aber immer noch weiße Flecken auf der Landkarte, an denen Krebspatienten noch kein Sport- und Bewegungsangebot zur Verfügung steht“, moniert er.

 

REFERENZEN:

1. Lakoski SG, et al: JAMA Oncol. (online) 26. März 2015

 

Kommentar

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