Zur Physio mit Blankorezept? Ärztevertreter kritisieren Verordnung ohne ärztliche Diagnose

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

8. April 2015

Die große Koalition will den Gang zum Physiotherapeuten vereinfachen: Löst bald ein ärztliches „Blanko-Rezept“ die detaillierte Heilmittelverordnung ab? Oder diagnostiziert bei Schmerzen an Muskulatur und Skelett künftig direkt der Physiotherapeut? In ihrem Positionspapier „Heilmittelerbringer direkter in die Versorgung einbinden“ erwägt die CDU/CSU-Fraktion, auf den bisher nötigen Arztbesuch vor Therapiebeginn zu verzichten [1].

Die SPD will die Hausärzte zwar nicht komplett außen vor lassen, sie sollten ihre „Lotsenfunktion“ ausüben, fordert SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis im Tagesspiegel. Nach ihren Vorstellungen soll der Therapeut künftig aber selbst über Art und Umfang der Behandlung entscheiden können.

Dr. Klaus Reinhardt

Kein „Spielraum für Substitution ärztlicher Leistungen“

„Therapeuten können immer nur Symptome behandeln. Beschwerden und Symptome sind jedoch Ausdruck einer Erkrankung. Diese muss immer zuerst durch einen Arzt diagnostiziert werden und kann erst dann behandelt werden“, stellt Thomas Hahn, Sprecher des NAV-Virchowbundes klar.

Und auch Dr. Klaus Reinhardt sagt: „Anamnese, Diagnose und Behandlung sind ureigene ärztliche Kompetenzen. Der Patient muss als Ganzes betrachtet und nicht teilbezogen behandelt werden. An dieser Stelle sehe ich keinen Spielraum zur Substitution ärztlicher Leistungen“, so der Vorsitzende des Hartmannbundes auf Nachfrage von Medscape Deutschland.

Einer Verlagerung der Diagnose kann auch Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery nichts abgewinnen. Wie er gegenüber der Rheinischen Post erklärte, wisse ein Physiotherapeut zwar besser als ein Arzt, wie man eine Bewegungstherapie durchführe. Jedoch: „Eine Bewegungstherapie ist aber beispielsweise bei einem schweren Bandscheibenvorfall nicht angezeigt. Diese Diagnose und Behandlung ist Sache des Arztes und muss es auch aus Patientenschutz heraus bleiben“, betont der Ärztekammerpräsident.

Modellvorhaben prüfen „Blanko-“ und Direktzugang ohne Rezept

Die Federführung beim Positionspapier hat Dr. Roy Kühne, Mitglied des Bundestages für die CDU/CSU und Diplom-Sporttherapeut und Physiotherapeut, inne. In 6 Punkten sind im Papier die Hauptziele zusammengefasst:

  • - Die Aufwertung der Heilberufe,

  • - die Erweiterung des Kompetenzbereichs,

  • - eine höhere Vergütung der Physiotherapeuten,

  • - die Abschaffung des Schulgelds während der Ausbildung,

  • - die Anhebung des Ausbildungsstandards der Therapeuten

  • - und die Möglichkeit einer Therapie ohne vorherigen Arztbesuch.

Getestet werden soll dies durch Modellvorhaben zur Substitution des Arztbesuches, die „je nach Ergebnis in die Regelversorgung überführt“ werden könnten, soweit das Papier.

Kühne betont: „Das Positionspapier ist ein starkes Zeichen der CDU/CSU, die Heilmittelerbringer in Deutschland besser in die Versorgung einzubinden und vor allem den Beruf des Therapeuten zukunftsfähig und wieder attraktiv zu machen.“ Er hoffe jetzt auf eine schnelle Umsetzung und die Einbringung der Forderungen in eines der geplanten Gesetzgebungsvorhaben, so Kühne weiter.

Dabei stellt das Blanko-Rezept den Vorläufer des Direktzugangs dar: Der Arzt stellt eine Diagnose mit seiner Verordnung aus, der Physiotherapeut entscheidet über Art, Dauer und Frequenz der Behandlung.

Zahl der Behandlungseinheiten könnte sinken

Die Union verweist auf Modellvorhaben von Krankenkassen, in denen das Prinzip der Blankoverordnung bereits erprobt werde. Das Modellvorhaben der IKK Berlin-Brandenburg zusammen mit dem VPT Berlin-Brandenburg beispielsweise zeige, dass die Zahl der Behandlungseinheiten der Therapeuten gegenüber den Verordnungen der Ärzte reduziert wird.

 
Anamnese, Diagnose und Behandlung sind ureigene ärztliche Kompetenzen. Der Patient muss als Ganzes betrachtet und nicht teilbezogen behandelt werden. Dr. Klaus Reinhardt
 

Ergebnisse seien bis zum Jahresende zu erwarten. Auf dieser Grundlage sollten 2016 Verhandlungen zur Umsetzung der Blankoverordnung aufgenommen werden. Laut Union deuten auch erste Erkenntnisse aus Feldstudien darauf hin, dass eine Blankoverordnung Geld sparen könnte und sich die Zahl der Anwendungen verringere, wenn die Ärzte den Therapeuten keine Vorgaben machten.

Von einem Blanko-Rezept hält Reinhardt nichts: „Die Arbeit von Physiotherapeuten ist im Allgemeinen sehr hochwertig. Die Bewertung des Behandlungserfolges einer therapeutischen Maßnahme, welche möglicherweise lediglich einen Baustein des Behandlungskonzeptes darstellt, kann allerdings nur durch den behandelnden Arzt erfolgen. Insofern eine klare Ablehnung jeder Art von ‚Blankobescheinigung‘ – welche ohnehin die Rolle desjenigen, der sie ausstellt, ad absurdum führt.“

Immerhin zeigten Studien, so die Union, dass der Patient stärker von Leistungen profitiert, die etwa sein Physiotherapeut vorschlägt. Gegen einen direkten Kontakt des Patienten mit seinem Therapeuten sei nichts einzuwenden, betont Reinhardt, gibt aber zu bedenken, dass nicht jede Anwendung des Therapeuten, die der Patient als hilfreich empfinde, auch medizinisch indiziert sei.

Direktzugang als Regelversorgung im Ausland

Beim Direktzugang (Direct access) geht der Patient direkt zum Therapeuten, der damit auch die Diagnose stellt. In Schweden, Norwegen, Niederlande, Großbritannien und in Australien gehört dies laut CDU/CSU zur Regelversorgung. „Der Direktzugang erweist sich als Zugpferd für eine gesteigerte Behandlungsqualität durch höhere Anforderungen an die Ausbildung. Die notwendigen Zusatzqualifikationen wie Befunderhebung oder die Erstellung von Therapieberichten müssen im Zusammenhang mit einer umfangreichen Ausbildungsreform in die Curricula einfließen. Eine Umsetzung in Deutschland werden wir prüfen“, so die Union in ihrem Papier.

Auch der Verband physikalische Therapie (VPT) verweist auf positive medizinische und positive ökonomische Ergebnisse im Ausland [3]. Laut VPT habe eine niederländische Studie mit 10.500 Probanden ergeben, dass bei Patienten mit unspezifischen Rücken- bzw. Nackenproblemen die Behandlungsziele zu einem höheren Prozentsatz erreicht werden, wenn sie nicht über den Arzt sondern direkt zum Physiotherapeuten kommen. Auch hatten die Direktzugang-Patienten weniger Behandlungseinheiten und weniger Behandlungsepisoden.

Eine schottische Studie mit 3.000 Patienten habe gezeigt, dass der Direktzugang zu markanten Kosteneinsparungen führe, insbesondere durch Einsparungen bei Medikamenten, Röntgendiagnostik und Krankenhausaufenthalten. Nicht zuletzt müsse im Hinblick auf zukünftige Versorgungsengpässe die Verantwortung für die medizinische Versorgung der Menschen auf möglichst viele Schultern verteilt werden, schließt die Union.

Gefahr einer Verschleppung oder Verschlechterung von Erkrankungen

 
Der Vorschlag der CDU/CSU-Fraktion birgt die Gefahr einer Verschleppung oder sogar einer Verschlechterung von Erkrankungen. Thomas Hahn
 

Erhebliche Zweifel an der einfachen Umsetzbarkeit und Übertragbarkeit haben sowohl Hahn als auch Reinhardt und Montgomery. „Es ist zum Beispiel wenig sinnvoll, einen Patienten mit neurologischen Ausfällen mehrere Wochen lang physiotherapeutisch zu behandeln, ohne zu wissen, was die Ursache seiner Probleme ist“, gibt etwa Hahn zu bedenken. Und fügt hinzu: „Der Vorschlag der CDU/CSU-Fraktion birgt die Gefahr einer Verschleppung oder sogar einer Verschlechterung von Erkrankungen.“

Laut Reinhardt begrüße der Hartmannbund jeden Ansatz der – unbürokratisch – dazu beitrage, die Kommunikation zwischen Therapeut und behandelndem Arzt zu fördern. „Durch dieses mehr an Miteinander ist möglicherweise (langfristig) auch eine Zeitersparnis für den Arzt möglich“, so Reinhardt. Er stellt aber klar: „Eine Substitution ärztlicher Teilleistungen würde jedoch an dieser Stelle im Gegenteil eher kontraproduktiv wirken. Hier wären zusätzliche Nachfragen und Nachsteuerungen eher mit Mehrarbeit verbunden.“

Ein Direktzugang zu den Physiotherapeuten wird schon länger diskutiert. Montgomery stellt klar, was bei einer Modifizierung aus Sicht der Bundesärztekammer gewährleistet sein müsste: „Wichtig ist, dass die zusätzlichen Kosten, die dadurch entstehen, außerhalb des Budgets abgedeckt werden. Vor allem aber muss die Haftungsfrage geklärt sein. Und es muss genau bestimmt sein, wer als Therapeut zugelassen wird.“

 

REFERENZEN:

1. CDU/CSU: Positionspapier der AG Gesundheit. Heilmittelerbringer direkter in die Versorgung einbinden

2. Verband physikalische Therapie: Neues zum Modellvorhaben VPT – IKK, 6. Januar 2015

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....