Cybersexsucht: Wer ist gefährdet – und gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

2. April 2015

Berlin – Wie viele Männer und Frauen in Deutschland an Online-Sexsucht leiden, weiß niemand. „Die Prävalenzraten sind nicht verlässlich“, sagte Prof. Dr. Matthias Brand, Leiter des Fachgebiets Allgemeine Psychologie/Kognition in der Abteilung für Informatik und Angewandte Kognitionswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen auf dem diesjährigen Kongress für Psychosomatik und Psychotherapie in Berlin [1].

Aber so viel weiß man: In den Ambulanzen bilden Cybersex-Abhängige mittlerweile die zweitgrößte Gruppe der Hilfesuchenden zum Thema Internet, nach den Online-Gamern. „Immer, wenn über Studien in der Allgemeinpresse berichtet wird, bekomme ich Mails aus ganz Deutschland“, berichtete der Psychologe.

Bei der Behandlung spielen Komorbiditäten eine wichtige Rolle: Depressivität etwa ist generell ein wichtiger Prädiktor für Internetabhängigkeit. Laut einer in Berlin vorgestellten Untersuchung war mehr als die Hälfte der Internetsüchtigen depressiv.

Ist Online-Sex ein Ersatz für fehlende Begegnungen in der Realität oder eher Ablenkung und Entspannung? Welche Persönlichkeitsfaktoren fördern die Entwicklung der Abhängigkeit? Und: Wirken sie bei Männern anders als bei Frauen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Experten für Verhaltenssucht auf dem Kongress in Berlin.  

Die meiste Forschung bezieht sich bisher auf Männer

Der Begriff Cybersex umfasst alle sexuellen Angebote im Internet, von klassischer Pornographie und Literatur über Chats und Shops bis zum Sex via Web-Cam. Sehr viele Menschen nutzen dies, ohne abhängig zu werden. Für eine Erkrankung, also Cybersexsucht, müssen noch spezielle Faktoren hinzukommen, die Brand mit Forscherkollegen in einem Modell zusammengefasst hat. Dazu zählt u.a. eine erhöhte sexuelle Erregbarkeit, positive Erwartungen ans Internet, ein eher vermeidender Copingstil und oft auch eine gewisse Depressivität.

 
Die meiste Forschung (zur Cybersexsucht) konzentriert sich bislang auf heterosexuelle Männer. Prof. Dr. Matthias Brand
 

„Die meiste Forschung konzentriert sich bislang auf heterosexuelle Männer“, sagte Brand, „über Frauen wissen wir noch wenig.“ Ihn interessierte im Rahmen einer eigenen Studie ob die Mechanismen bei beiden Geschlechtern ähnlich sind.

Die Forscher rekrutierten dazu 102 Frauen und 155 Männer aus der Normalbevölkerung. Die Teilnehmer wurden informiert, dass sie während der Studie Pornographie sehen würden, was vermutlich zu einer Selbst-Selektion beigetragen hat. 50% der Frauen und 100% der Männer gaben an, dass sie regelmäßig Cybersex konsumieren. Die Gruppe bestand aus gesunden Probanden und solchen, die Probleme mit ihrem Konsum hatten.

Zu Beginn erhoben die Forscher die generelle sexuelle Erregbarkeit (Sexual Excitation Scale SES) und das Maß der Cybersex-Abhängigkeit (mittels Internet Sex Addiction Test). Die Abhängigkeit war bei den Frauen signifikant geringer als bei den Männern (Mittelwert 16,96 versus 19,61 auf einer Skala von 12 bis 60), auch bei jenen Frauen, die Cybersex konsumierten. „Sie zeigten deutlich weniger Symptome durch die Nutzung“, stellte Brand fest.

Die Erregbarkeit dagegen war bei beiden Geschlechtern gleich. Eine höhere Erregbarkeit korrelierte bei beiden mit höheren Abhängigkeitswerten (Frauen: r = 0,36; Männer: r = 0,32).

Gleiche Zunahme an Erregung bei beiden Geschlechtern

 
Die Grund-mechanismen für die Entstehung einer Cybersex-Abhängigkeit sind bei Frauen und Männern offenbar ähnlich. Prof. Dr. Matthias Brand
 

Die Probanden bekamen 100 pornographische Bilder zu sehen. Sie sollten angeben, wie erregend sie diese finden. Vorher und nachher wurde ihr Bedürfnis nach Masturbation über Selbstauskunft gemessen (Skala 0 bis 100). Daraus folgte eine Berechnung des spezifischen Erregungsanstiegs infolge der Bildbetrachtung (Δ Erregungsreaktion). Diese Werte setzten die Forscher in Beziehung zu den Abhängigkeitsparametern.

Das Ergebnis: Die Männer zeigten zwar vor dem Betrachten der Bilder eine höhere Erregung als Frauen. Der Anstieg war dann aber bei beiden Geschlechtern nahezu identisch. Ein hoher Anstieg korrelierte bei beiden Geschlechtern mit höheren Abhängigkeitswerten (Frauen: r = 0,44; Männer: r = 0,34). „Die Grundmechanismen für die Entstehung einer Cybersex-Abhängigkeit sind bei Frauen und Männern offenbar ähnlich“, vermutete Brand, „auch, wenn Männer mehr Cybersex nutzen und mehr Symptome berichten.“

Die Forscher untersuchten auch, ob die Zahl realer sexueller Kontakte einen Einfluss auf die Cybersex-Abhängigkeit hat – ob Onlinesex also vor allem ein Ersatz ist. „Hier ist der Einfluss nahezu null“, sagt Brand. Probanden, die viel Sex hatten und damit auch als zufrieden eingestuft wurden, waren genauso oft oder selten vom Netz abhängig wie solche, die wenig Sex hatten oder als unzufrieden galten.

Die Ergebnisse stützen für Brand die These, dass Cybersex nicht so sehr Ersatz für echten Sex ist, sondern dass die Nutzer vor allem die Gratifikation (Belohnung) durch Ablenkung und Entspannung suchen. Dafür sprechen in einer anderen Untersuchung auch Gehirnscans: Bei der Betrachtung von Pornographie zeigte sich eine Aktivität in den Belohnungszentren.

 

REFERENZEN:

1. Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 25. bis 28. März 2015, Berlin

 

Kommentar

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