Debatte zur ärztlichen Schweigepflicht: „Eine Lockerung würde das Problem nicht lösen, sondern deutlich verstärken“

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

1. April 2015

In diesem Artikel

Als Konsequenz aus dem Flugzeugabsturz fordern diverse Politiker jetzt eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht wenn es um Patienten mit „sensiblen Berufen“ geht. Eine gute Lösung? Medscape Deutschland sprach darüber mit Dr. Nahlah Saimeh, der Ärztlichen Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Dr. Nahlah Saimeh

Medscape Deutschland: Vor wenigen Tagen hatte der britische Guardian davor gewarnt, die psychische Erkrankung des Piloten für das Unglück verantwortlich zu machen [1]. Dennoch scheint ein Großteil der Berichterstattung in genau diese Richtung zu gehen. Schüren solche Berichte aus Ihrer Sicht die Angst vor psychisch kranken Menschen bzw. dämonisieren psychische Erkrankungen?

Dr. Saimeh: Eine solche Berichterstattung ist unverantwortlich und führt zur Stigmatisierung psychisch kranker Menschen, die in aller erster Linie keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, sondern Anspruch auf professionelle ärztlich-therapeutische Hilfe haben.

Hinzu kommt: Dieser Tathergang ist sehr ungewöhnlich für depressive Patienten. Von depressiven Menschen geht nur sehr selten eine Gefahr aus, das Gewaltpotenzial ist gering. Eher findet man das bei Patienten mit wahnhaften Depressionen, etwa den „erweiterten Suizid“. Der bezieht sich aber auf Menschen, zu denen meist eine enge emotionale Beziehung besteht, also häufig auf Menschen im engsten Familienkreis. Typisches Beispiel ist etwa eine wahnhaft-depressive  Mutter mit nihilistischem Wahn, die pseudo-altruistisch wahnhaft motiviert aus vermeintlicher Liebe ihre Kinder tötet. Die Erkrankten sehen die Welt derart düster, dass sie ihrer Kinder mit in den Tod nehmen statt sie zurückzulassen.

Andere Beispiele finden sich in der Geschichte vor dem Hintergrund ideologischer Verblendung. Man denke an Edda Goebbels, die ihren Kindern nicht das vermeintliche Elend zumuten wollte, in einem nicht-nationalsozialistischen Deutschland zu leben. Charakteristisch für solche Fälle ist aber immer ein enges Verhältnis zwischen Opfern und Täter. Bei Tathandlungen vergleichbarer Art, durch die viele fremde Menschen durch einen Täter sterben, muss man grundsätzlich auch immer an besondere Auffälligkeiten oder Akzentuierungen in der Persönlichkeit denken, die z.B. bei Lebenskrisen besonders hervortreten. Spekulationen über diesen konkreten, nicht singulären, jedoch außergewöhnlichen Fall verbieten sich in der Sache und aus dem Respekt vor den Opfern. Eine Instrumentalisierung der Berichterstattung, um Ängste zu schüren, ist der Thematik nicht angemessen.

Medscape Deutschland: Was halten Sie von der Forderung, die ärztliche Schweigepflicht zu lockern wenn es um Patienten in „sensiblen Berufen“ geht?

Von depressiven Menschen geht nur sehr selten eine Gefahr aus, das Gewaltpotenzial ist gering.

Dr. Saimeh: Die Forderung die ärztliche Schweigepflicht zu lockern ist zunächst einmal ein menschlich verständlicher Reflex. Auf eine unsichere Situation soll rasch reagiert werden. Doch wie das bei Reflexen so ist – sie sind stereotype Reaktionen auf Reize unter Umgehung der Großhirnrinde: Sie sind nicht durchdacht. Eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht würde das Problem nicht lösen, sondern deutlich verstärken. Sie bedarf deshalb keiner Änderung.

Medscape Deutschland: Welche Konsequenzen hätte eine Lockerung?

Dr. Saimeh: Würde man die Regelung tatsächlich lockern, würden sich die Patienten ihrem Arzt nicht mehr anvertrauen. Bei zahlreichen psychischen Problemen ist das Aussprechen von quälenden oder schamhaft besetzten Gedanken sehr wichtig, denn durch das Aussprechen und Ansprechen der Probleme kann überhaupt erst der Boden für eine Therapie bereitet werden. Ein Patient der Angst haben muss, dass seine Ehrlichkeit beim Arzt nicht gut aufgehoben ist, wird im Zweifelsfall nichts mehr erzählen und seine psychischen Probleme und quälenden Phantasien verschweigen, er kann also gar nicht erst behandelt werden. Die Therapieangebote sexualmedizinischer Ambulanzen für Menschen mit sexuellen Präferenzstörungen leisten z.B. einen ganz erheblichen Beitrag in Bezug auf die Vorbeugung von Sexualstraftaten, vor allem gegen sexuellen Kindesmissbrauch. Nun stellen Sie sich vor, diese Probanden, die dort freiwillig Hilfe wegen ihrer sexuellen Neigungen suchen, müssten damit rechnen, dass der Arbeitgeber regelhaft über ihre Präferenz informiert wird.

Der Mensch hat grundsätzlich die Fähigkeit, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Daran würde auch eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht nichts ändern können.

Die Forderung die ärztliche Schweigepflicht zu lockern verfehlt schon im Ansatz das Thema. Nur bei psychiatrischen Gutachten ist das Nichtbestehen der ärztlichen Schweigepflicht ein Bestandteil der Rahmenbedingungen der Untersuchung. Darüber muss aber ein Proband auch explizit aufgeklärt werden. Nicht umsonst ist ansonsten die ärztliche Schweigepflicht bei Verletzung strafbewährt. Es kommt ein weiterer Punkt hinzu: Menschen können andere Menschen täuschen, wer etwas unbedingt machen will, wird das auch tun. Der Mensch hat grundsätzlich die Fähigkeit, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Daran würde auch eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht nichts ändern können.

Medscape Deutschland: In Einzelfällen – etwa wenn eine Straftat verhindert werden kann oder Gefahr für Dritte besteht – kann das Patientengeheimnis offengelegt werden. Als Arzt ist das eine Gratwanderung. Wozu raten Sie?

Dr. Saimeh: Dazu gibt es bereits den Paragraphen 34 StGB, und der reicht aus. Ich würde aber immer dazu raten, mich ggf. im Einzelfall sehr konkret vorab juristisch beraten zu lassen und man muss wissen, dass der Paragraph sich auf erhebliche Gefahren bezieht, also vor allem auf jene Situationen, die Gefahr für Leib und Leben anderer bedeuten. Lege ich den Paragraphen zu weitläufig aus, bewege ich mich ansonsten an der Grenze zum strafrechtlichen Handeln.

Kommentar

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