Hart am Limit: Stress am Arbeitsplatz fördert selbstgefährdendes Verhalten – auch von Ärzten

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

30. März 2015

Hoher Druck am Arbeitsplatz, wenig Pausen: Ein Viertel aller Beschäftigten in Deutschland arbeiten mehr als es ihnen gut tut und zeigt selbstgefährdendes Verhalten, so das Ergebnis des Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-Stiftung, einer repräsentativen Umfrage unter rund 1.000 Erwerbstätigen [1,2].

Noch drastischer ist die Situation speziell für Ärzte in Krankenhäuser, wenn man eine Umfrage des Marburger Bundes (MB) von 2013 zum Vergleich heranzieht [3]. „Fast Dreiviertel von 3.309 Klinikärzten haben das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten im Krankenhaus die eigene Gesundheit beeinträchtigt“, erläutert Hans-Jörg Freese, Sprecher des Bundesverbandes des Marburger Bundes auf Anfrage von Medscape Deutschland. Die Ärzte gaben an, dass sie unter Schlafstörungen und häufiger Müdigkeit litten.

Übermüdet im OP: Griff zu Kaffee oder anderen aufputschenden Substanzen

Laut Gesundheitsmonitor erreichen 18% der Beschäftigten in Deutschland die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, 23% verzichteten auf Pausen und jeder Achte erschien krank im Unternehmen. Bei Klinikärzten sind es primär die zu langen Arbeitszeiten und eine hohe Arbeitsverdichtung, die zu schaffen machen.

 
Überforderte Ärzte greifen häufig zu Benzodiazepinen, Zolpidem oder Zopiclon oder zum Alkohol, weil sie nach der Arbeit die Entspannung suchen. Christoph Middendorf
 

Immerhin 3 Viertel der Ärzte arbeiten im Durchschnitt mehr als 48 Stunden in der Woche. 47% der Teilnehmer des MB-Monitors erklärten, dass ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit inklusive Überstunden und Bereitschaftsdienste im Schnitt zwischen 49 und 59 Stunden liegt. Ein Viertel ist pro Woche 60 bis 79 Stunden im Dienst und 3% arbeiteten sogar durchschnittlich mehr als 80 Stunden pro Woche.

Kein Wunder, dass Ärzte mitunter übermüdet im OP stehen und die Versuchung steigt, sich mit Kaffee oder anderen Substanzen aufzuputschen. „Überforderte Ärzte greifen häufig zu Benzodiazepinen, Zolpidem oder Zopiclon oder zum Alkohol, weil sie nach der Arbeit die Entspannung suchen“, weiß Christoph Middendorf, Facharzt für Psychiatrie sowie Facharzt für Psychotherapeutische Medizin aus seiner therapeutischen Praxis. Middendorf ist medizinischer Geschäftsführer der Oberbergkliniken in Berlin/Brandenburg, Schwarzwald, Weserbergland, die sich auf die Behandlung von Ärzten mit Burnout, Depression oder Sucht spezialisiert haben.

Gerade weil Mediziner die Substanzen in Griffnähe hätten, seien sie mehr gefährdet als andere. Hinzu kommt, dass viele Ärzte eigene Leistungsgrenzen überschreiten, damit die Arbeit auf Station gut funktioniert. Zum Berufsethos gehöre es, die Patienten adäquat zu versorgen, immer für sie da zu sein, trotz gestiegener Belastung und Personalmangels, erläutert Middendorf.

„Das bringt immer mehr Druck und Frustration mit sich, weil sie den eigenen hohen Ansprüchen entsprechen wollen.“ Ärzte neigen dann auch mitunter dazu, auf sich selbst nicht mehr zu achten: „Da wird das Essen zwischen zwei Operationen kurz verschlungen oder schnell eine Zigarette geraucht“, beschreibt Middendorf.

Marburger Bund: „Kliniken lassen Missstand bewusst zu“

 
Da wird das Essen zwischen zwei Operationen kurz verschlungen oder schnell eine Zigarette geraucht. Christoph Middendorf
 

Zum selbstgefährdenden Verhalten kann es auch kommen, weil Standards unterlaufen werden. So zeigt der MB-Monitor, dass die in den Tarifverträgen festgeschriebenen durchschnittlichen Höchstarbeitszeitgrenzen von bis zu 60 Stunden pro Woche nur von jedem vierten Krankenhausarzt eingehalten werden können.

„Die Kliniken lassen diesen Missstand bewusst zu, denn noch immer werden nur bei der Hälfte der Ärzte (53%) sämtliche Arbeitszeiten erfasst“, kritisiert Marburger Bund-Sprecher Freese. Diese nicht vorhandene Zeiterfassung sei vermutlich auch einer der Gründe dafür, dass nicht alle Ärzte ihre Überstunden bezahlt bekommen: 21% der Ärzte erklärten, dass ihre Überstunden weder vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen werden.

Bei mehr als 140.000 Vollzeitkräften im Ärztlichen Dienst der Krankenhäuser würden demzufolge rund 30.000 Ärzte regelmäßig keine Entlohnung für geleistete Überstunden erhalten, bemängelt Freese.

Krankenhäuser seien gefragt, für eine ausreichende Personaldecke zu sorgen, um ihre Ärzte von den anstrengenden Bereitschafts- und Wochenenddiensten zu entlasten, sagt Freese. Leider sei der Marburger Bund in dieser Tarifrunde mit seiner Forderung nach mindestens 2 freien Wochenenden im Monat an dem Widerstand der Arbeitgeber gescheitert. Das Thema komme aber bei nächster Gelegenheit wieder auf den Tisch, versichert er.

Gefühl für die eigenen Grenzen entwickeln

Auch die Autoren der Studie Gesundheitsmonitor, die Sozialpsychologin Dr. Anja Chevalier von der Deutschen Sporthochschule Köln und der Therapeut und Berater Prof. Dr. Gert Kaluza (Marburg), schlagen vor, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sich der Einzelne gesundheitsförderlich verhalten kann. Auch die Beschäftigten selbst sollten ein Gefühl für die eigenen Grenzen entwickeln, damit sie ihr Leistungspotenzial langfristig ausschöpfen könnten.

 
Es wäre nötig, dass eine neue Bewusstseinskultur der Fürsorge in den Kliniken entsteht. Christoph Middendorf
 

Ärzte hätten es auch ein Stück weit selbst in der Hand, sich nicht zu schaden, meint auch Therapeut Middendorf. „Jeder kann eigenverantwortlich für einen Ausgleich sorgen, zum Beispiel Sport treiben oder ein Hobby pflegen. Es ist wichtig, darauf zu achten, nicht sein gesamtes Selbstbewusstsein aus den beruflichen Erfolgen zu schöpfen.“

Eine Aufgabe sei es daher, sich außerhalb der Arbeit weitere Standbeine für ein sinnerfülltes und befriedigendes Leben aufzubauen. Seiner Ansicht nach wäre es zudem nötig, wenn Ärzte auch untereinander mehr Fürsorge füreinander zeigten. Leitende Ärzte könnten etwa besser auf ihre Assistenzärzte achten, damit sie nicht an ihre Leistungsgrenzen gerieten. „Es wäre nötig, dass eine neue Bewusstseinskultur der Fürsorge in den Kliniken entsteht“, betont er.

 

REFERENZEN:

1. Bertelsmann Stiftung: Pressemitteilung  „Steigende Zielvorgaben im Betrieb fördern selbstgefährdendes Verhalten von Arbeitnehmern“, 16. März 2015

2. Anja Chevalier, et al: Bertelsmann Stiftung. Gesundheitsmonitor Newsletter 01/2015, „Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und die Folgen für die Gesundheit“

3. Marburger Bund. MB-Monitor 2013. Ärzte fühlen sich durch überlange Arbeitszeiten gesundheitlich beeinträchtigt

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....