Deutsche Daten von EUROASPIRE IV: In der Sekundärprävention nach Infarkt hakt es – vor allem beim Blutzucker

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

25. März 2015

Prof. Dr. Stefan Störk

Die medizinische Betreuung Herzkranker in Europa könnte besser sein: „Patienten, die nach einem kardiovaskulären Ereignis aus dem Krankenhaus entlassen werden, werden medizinisch engmaschig und intensiv behandelt“, sagt Prof. Dr. Stefan Störk, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz am Universitätsklinikum Würzburg. „Und trotzdem werden die Zielwerte für Blutdruck, Lipide und Zucker bei sehr vielen Patienten auch nach drei Jahren nicht erreicht – und zwar in Europa, aber auch speziell in Deutschland.“

Störk bezieht sich auf die Ergebnisse der internationalen Studie EUROASPIRE IV, die kürzlich publiziert wurde [1]. Das Würzburger Kompetenzzentrum hat für die Studie die deutschen Daten beigetragen. „Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass Blutzuckerstörungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der gesundheitliche Effekt der Prävention ist hier nachgewiesen, aber noch immer wissen viele Menschen gar nicht, dass sie eine Störung haben“, so Störk.

Die EUROASPIRE-Studie (European Action on Secondary and Primary Prevention by Intervention to Reduce Events) hat die Qualität der Nachsorge von Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit (KHK) in Europa unter die Lupe genommen. Teilgenommen haben 24 Länder, in denen insgesamt 16.426 Patienten aus 78 Zentren untersucht worden sind.

Das Durchschnittsalter war mit 67,4 Jahren in Deutschland das höchste, mit 58,7 Jahren in der Türkei das niedrigste. Die Patientendaten wurden frühestens im 6. Monat und spätestens bis zum 3. Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus gesammelt. Durchschnittlich vergingen 1,35 Jahre zwischen der Erkrankung und der Datenerhebung. Maßstab für die Beurteilung der Werte waren die Joint European Societies (JES)-Leitlinien für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Leitliniengerechte Behandlung hätte deutliche Wirkung

Die Ergebnisse für den kardiovaskulären Risikofaktor Nummer 1, das Rauchen: Von den rauchenden Probanden gab die Hälfte (50,3%) an, in den 6 Monaten nach ihrer Entlassung mit dem Rauchen aufhören zu wollen. Den schriftlichen Rat, mit dem Rauchen aufzuhören, erhielten 88,5% von ihnen, den mündlichen Ratschlag 42,6%. Ein Rauchstopp gelang 2 Drittel der europäischen Patienten (66,7%), aber fast ein Drittel (28%) hat auch auf diesen Rat hin keine Versuche unternommen aufzuhören.

 
Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass Blutzuckerstörungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Prof. Dr. Stefan Störk
 

Lediglich 18,6% aller Raucher erhielten den Rat, eine Entwöhnungsklinik aufzusuchen. „In Deutschland sind diese Kliniken vergleichsweise rar gesät und auch wir in Würzburg überweisen nur selten Patienten in eine spezielle Raucherentwöhnungsklinik. Aber die Erfolgsraten sind auch nicht vergleichbar mit den Effekten, die die Politik erzielt hat, indem sie das Rauchen an öffentlichen Plätzen verboten hat. Und das hat bereits Konsequenzen für die Gesundheit der Menschen. Schon jetzt lassen sich günstige Effekte auf schwere Erkrankungen wie COPD, Herzinfarkt und Lungenkrebs beobachten. Das ist in dieser Deutlichkeit erstaunlich“, kommentiert Störk dieses Ergebnis für Deutschland. 

Dies unterstreicht die Wirkung der Sekundärprävention, wenn die Patienten denn nur die Leitlinienziele erreichen würden. „Metaanalysen zeigen, dass ein Rauchstopp bei Herzpatienten die Sterblichkeit aufgrund einer Herzerkrankung um 46 Prozent senkt“, betont das Autorenteam um Dr. Kornelia Kotseva, National Heart and Lung Institute, Imperial College London, und Kollegen die Effizienz dieser Präventionsmaßnahme. Eine Begleitung und Anleitung der Patienten bei diesem Unternehmen sei daher in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen.

Was die weiteren Risikofaktoren betrifft, so kennen Patienten ihre häufig gar nicht alle. Zwar waren sich immerhin 9 von 10 Patienten ihres Gewichts (93,4%) und ihrer Blutdruckwerte (86,7%) bewusst. Aber weniger als die Hälfte von ihnen kannte ihre Werte für Gesamtcholesterin (48,9%), Nüchternglukose (49,6%) und Taillenumfang (29,3%).

 
Auch wenn sie zuweilen Nebenwirkungen haben, sind Betablocker in der Langzeittherapie nach Herzinfarkt eine zentrale Behandlungssäule. Prof. Dr. Stefan Störk
 

Hinsichtlich der Ernährung gibt es durchaus positive Tendenzen, aber auch hier sind die Möglichkeiten bei vielen Patienten noch nicht ausgeschöpft. Die Mehrheit der Patienten versuchte, den Konsum von Salz (71,8%), Fett (78,9%), Zucker (66,1%), Alkohol (53,5%) einzuschränken und weniger Kalorien (63,3%) zu sich zu nehmen. Die Fettzusammensetzung ihrer Nahrung beachteten immerhin 71,1% der Teilnehmer und mehr Obst und Gemüse aßen 77,8%. Doch von den übergewichtigen und adipösen Patienten folgten nur knapp die Hälfte den Diätempfehlungen und erhöhten ihre regelmäßige körperliche Aktivität. Erstaunlich dabei: Einer von 5 adipösen Patienten wurde erst gar nicht darauf angesprochen, dass er übergewichtig ist.

Betablocker sind besser als ihr Ruf

Obwohl weiterbehandelnde Ärzte aus den Entlassbriefen Informationen über Lipide und Blutdruck erhalten, erreichten weniger als 2 Drittel der Patienten das damals in den Leitlinien vorgegebene Ziel von unter 130/80 mmHg. In den aktualisierten JES-Leitlinien von 2012 ist nun allerdings aufgrund neuer Studienergebnisse der Zielwert auf 140/90 mmHg angehoben worden.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus hatten 9 von 10 Patienten Plättchenhemmer, 4 Fünftel Betablocker und 3 Viertel ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB) verschrieben bekommen, 87% der Teilnehmer hatten lipidsenkende und 78% Blutdruck-senkende Medikamente erhalten. Bei 86% der verordneten Lipidsenker handelte es sich um Statine.

In Deutschland werden im europäischen Vergleich nur relativ wenige Betablocker verordnet. „Auch wenn sie zuweilen Nebenwirkungen haben, sind Betablocker in der Langzeittherapie nach Herzinfarkt aber eine zentrale Behandlungssäule“, kommentiert Störk. „Sie werden häufig nicht verschrieben, weil es früher hieß, dass sie die Atemwege verengen und etwa bei COPD oder Diabetes nicht gegeben werden dürfen. Heute wissen wir, dass dem nicht so ist, aber das ist noch nicht bei allen Ärzten angekommen.“

Kommentar

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