Nosokomiale Infektionen: Wie Gröhes Zehn-Punkte-Plan die Einhaltung der Hygienestandards sichern soll

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

25. März 2015

Zwischen 400.000 und 600.000 Infektionen treten jedes Jahr in Deutschland im Zusammenhang mit einer ambulanten oder stationären Behandlung auf. Problematisch wird es vor allem dann, wenn es sich dabei um multiresistente Keime handelt. Nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums sterben hierzulande jährlich zwischen 12.000 und 15.000 Menschen in Kliniken, weil sie sich mit einem Keim infizieren, gegen den kein Medikament mehr hilft.

Immer wieder gab es Versuche, das Problem in den Griff zu bekommen. Vor 4 Jahren hatte die damalige Bundesregierung das Infektionsschutzgesetz neu geregelt, die Länder hatten Hygieneverordnungen für die Kliniken erlassen oder verschärft. Mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) wurden Schritte zur Eindämmung von behandlungsassoziierten Infektionen und Antibiotika-Resistenzen im human- und veterinärmedizinischen Bereich eingeleitet.

Doch getan hätte sich bislang zu wenig, meint Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, dem die bisherigen Maßnahmen nicht reichen. Mit einem 10-Punkte-Plan will er nun das Ruder herumreißen [1].

Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow

Erst kürzlich hatte ein Ausbruch des gegen 4 Gruppen von Antibiotika resistenten Bakteriums Acinetobacter baumannii an der Kieler Uniklinik Schlagzeilen gemacht wie Medscape Deutschland berichtete. Und vor wenigen Tagen hatte das Landesmagazin Hallo Niedersachsen des NDR berichtet, dass der Klinikkonzern Helios beim Umgang mit MRSA-besiedelten Patienten von den Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut (RKI) abweicht.

So gelten in mehreren der 14 niedersächsischen Helioskliniken andere Hygieneregeln. Nach diesen dürfen sich MRSA-positive Patienten – bei denen z.B. nur eine Wunde oder die Nase besiedelt ist – mit MRSA-negativen Patienten ein Zimmer teilen. Einen „saftigen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz“ sieht darin Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin des Klinikums Spandau und Vorsitzender des Berufsverbandes deutscher Hygieniker (BDH).

Es hapert an der Umsetzung der Gesetze

Die Themen Hygiene, Qualitätssicherung und Transparenz werden im Bereich behandlungsassoziierte Infektionen noch immer nicht mit der nötigen Priorität angegangen“, schreibt Gröhe. Und die Zeit drängt: Gröhes Experten gehen davon aus, dass sich das Problem mit resistenten Erregern künftig verschärfen wird:

  • • Die Patienten werden älter und damit anfälliger.

  • • Die Zahl der komplizierten medizinischen Eingriffe nimmt zu und damit auch die Gefahr eines gefährlichen Verlaufs bei einer Ansteckung.

  • • Die Zahl der Erreger, bei denen herkömmliche Therapien nicht mehr anschlagen, steigt.

Der Bundesgesundheitsminister betont, dass die Empfehlungen der KRINKO für jedes Krankenhaus verbindlich sind. Er mahnt auch an, dass die Empfehlung, Risikopatienten bei Aufnahme in die Klinik auf multiresistente Keime zu screenen und bis zum Ausschluss zu isolieren, „noch konsequenter umgesetzt“ werden müsse. Den Bundesländern wird deshalb vorgeschlagen, dass das RKI die Netzwerke aus Gesundheitsämtern, Ärzten und Krankenhäusern unterstützt und damit stärker in die Kontrolle der Kliniken einbezogen wird.

 
Kontrollen müssen grundsätzlich unangemeldet stattfinden. Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow
 

Wie eine Verbesserung der Aufsicht durch die jeweiligen Gesundheitsämter aussehen könnte, erläutert Zastrow im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Bislang ist es ja so, dass Kontrollen durchs Gesundheitsamt drei Wochen vorher angemeldet werden müssen. Das ist unsinnig, solche Kontrollen müssen grundsätzlich unangemeldet stattfinden. Also beispielsweise morgens anrufen und den Besuch für mittags oder nachmittags ankündigen.“

„Eigentlich sind alle Gesetze vorhanden, aber die richtige Umsetzung findet nicht statt“, kommentiert Zastrow wie unterschiedlich Hygienestandards in Kliniken umgesetzt werden. Sein Resümee: „Manche Kliniken nehmen Hygiene noch nicht wirklich ernst.“

Der Experte betont, dass nicht auf Kosten der Hygiene und der Patientensicherheit gespart werden dürfe. Zwar sei das Klinikpersonal knapp bemessen und entspreche den Mindestanforderungen, speziell auf den Intensivstationen, jedoch: „Wird ein Mitarbeiter krank oder fährt in Urlaub wird es sehr eng. Die Personalpolitik muss so gestaltet sein, dass auch Krankheit und Urlaub von Mitarbeitern kompensiert werden können“, fordert Zastrow.

Er stellt aber auch klar, dass es nicht generell an Hygienefachkräften mangele. 690 Millionen und 490 Millionen Euro habe der Bund in den vergangenen 2 Jahren für Hygienepersonal den Kliniken zur Verfügung gestellt, der 10-Punkte-Plan Gröhes sieht nun noch mal 365 Millionen Euro vor: „Die Kliniken müssen das aber auch umsetzen und in Hygiene investieren und nicht nur rufen: Wir brauchen mehr Geld“, betont Zastrow.

Patienten sollen sich im Internet über die „Keim-Lage“ an ihrer Klinik informieren können

 
Eigentlich sind alle Gesetze vorhanden, aber die richtige Umsetzung findet nicht statt. Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow
 

Gröhes Plan sieht auch vor zu prüfen, ob Patienten vor planbaren Krankenhausaufenthalten nicht einem verpflichtenden Test auf multiresistente Keime unterzogen werden müssten. Auch die Meldepflichten beim Auftreten von besonders gefährlichen Keimen sollen verschärft werden. Damit gewinnen die Gesundheitsämter und das RKI wertvolle Zeit zum Handeln.

Auch die Patienten sollen sich rascher und einfach über die „Keim-Lage“ am Krankenhaus ihrer Wahl informieren können. Gröhe plant, die Kliniken dazu zu verpflichten, regelmäßig Informationen über die Hygienestandards im Haus in einer für Patienten verständlichen Form zu veröffentlichen. Dies wertet Zastrow positiv: „Das ist ein guter Schritt, die Kliniken werden ja keine Fehlinformationen veröffentlichen. Auch durch diese weitere Transparenz werden sie sich bemühen, die Hygienestandards besser umzusetzen“, ist Zastrow überzeugt.

 
Die Personalpolitik muss so gestaltet sein, dass auch Krankheit und Urlaub von Mitarbeitern kompensiert werden können. Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow
 

Für die Ärzte, das Pflegepersonal im Krankenhaus und für Arztpraxen soll es verpflichtende Fortbildungen geben, entweder hausintern, unterstützt von Fachgesellschaften oder auch durch externe Anbieter.

DART soll bis Sommer dieses Jahres aktualisiert werden. Ziel ist, das Auftreten von Antibiotika-Resistenzen und den Antibiotika-Verbrauch sowohl in der Human- als auch der Tiermedizin und der Landwirtschaft stärker zu überwachen. Dazu müsse auch die Zusammenarbeit der Akteure in der Human- und Tiermedizin sowie der Landwirtschaft verbessert werden, heißt es in dem Papier.

Da sich die resistenten Erreger weltweit verbreiteten, müssten sie auch weltweit bekämpft werden. Deutschland werde sich des Themas im Rahmen seiner Präsidentschaft im Klub der 7 wichtigsten Industrienationen (G 7) annehmen. Dabei gehe es auch darum, Instrumente zur Entwicklung neuer Antibiotika, diagnostische Tests und alternative Behandlungen international voranzubringen. Geplant ist ferner, Partnerländer dabei zu unterstützen, nationale Strategien zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen zu entwickeln und umzusetzen.

 

REFERENZEN:

1. Bundesministerium für Gesundheit: Bekämpfung resistenter Erreger: Zehn-Punkte-Plan zur Vermeidung behandlungsassoziierter Infektionen und Antibiotika-Resistenzen. Das Papier liegt Medscape vor.

 

Kommentar

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