Bei Rückenschmerz rasch Röntgen, CT oder MRT: Auch für Senioren ist das vor allem teuer und wenig sinnvoll

Petra Plaum

Interessenkonflikte

23. März 2015

Die frühe Bildgebung bei Senioren mit Rückenschmerzen bringt nichts außer volkswirtschaftlichen Kosten. Dies verdeutlicht eine große Studie, die gerade im JAMA erschienen ist [1].

Prof. Dr. Michael Forsting

„Sie ist gut, sinnvoll und ihre Ergebnisse haben mich nicht überrascht“, kommentiert Prof. Dr. Michael Forsting, Direktor des Institutes für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie des Universitätsklinikums Essen und stellvertretender Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG), die US-Studie. Sie betone den Stellenwert der ausführlichen klinischen Untersuchung von Rückenschmerzpatienten – und gebe dem Arzt weitere Argumente an die Hand, um Patienten zu überzeugen, den Beschwerden zunächst mit Bewegung und einer Schmerzmedikation zu begegnen, und dass die Bildgebung nicht gleich nötig ist.

Dies haben früher auch bereits Studien mit jüngeren Teilnehmern gezeigt, und in den Leitlinien hat es sich international auch bereits niedergeschlagen. Doch nun ist klar: Dies gilt auch für Menschen ab 65 Jahren, so die Studie von Prof. Dr. Jeffrey G. Jarvik vom Department of Radiology der University of Washington, Seattle, und seinem Team. „Patienten, die eine frühe Bildgebung erhielten, hatten nur kleine, klinisch nicht relevante Verbesserungen bezüglich der Intensität der Schmerzen in den Beinen und auch im Euro-Quality of Life-Score 5D“, berichten die Wissenschaftler.

Früh im Sinne der Studie bedeutete: binnen 6 Wochen nach dem ersten Arztbesuch. Die Erwartung der Autoren war, dass Patienten mit früher Bildgebung sogar schlechter abschneiden, weil Zufallsbefunde in der Bildgebung zu unnötigen und potenziell schädlichen Interventionen führen. Vorherige Studien hatten diesen Schluss nahegelegt. Jarvik und sein Team fanden jedoch keine Hinweise auf negative (aber auch nicht auf relevante positive) Auswirkungen der frühen Bildgebung.

Prof. Dr. Jean-François Chenot, Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Greifswald und Mitautor der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerzen, begrüßt ebenfalls die neue Studie. „Weil Ältere höhere Risiken für Osteoporosebrüche oder Metastasen von Tumoren haben, tendierte man bislang dazu, sie großzügiger zur Bildgebung zu überweisen als Jüngere“, sagt er im Gespräch mit Medscape Deutschland. Jarviks Arbeit liefere nun gute Argumente dagegen – „bei Rückenschmerzpatienten ohne bestimmte Warnsymptome, und das sind mehr als 90%“, präzisiert Chenot und fügt hinzu:„Die Studie hat ein quasi-experimentelles Beobachtungsdesign, nicht so gut wie eine echtes randomisiertes Studiendesign, aber die nächstbeste Lösung.“

Vier Fragebögen

Verändert die frühe Bildgebung die Schmerzwahrnehmung, lindert oder verstärkt sie Symptome einer Depression? Hilft sie bei Älteren vielleicht doch, Tumoren rasch zu entdecken, die sonst später detektiert worden wären? Verzögert oder beschleunigt sie die Genesung? Fragen wie diese wollten Jarvik und sein Team anhand der Daten ihrer prospektiven Kohortenstudie mit 5.239 Patienten im Alter ab 65 Jahren beantworten.

Die Patientendaten stammen von großen US-Versicherern. Alle Patienten hatten zwischen März 2011 und März 2013 ihrer Rückenschmerzen wegen ärztliche Hilfe gesucht. Hinweise auf schwere Erkrankungen oder Frakturen – Traumata, Fieber oder Lähmungserscheinungen – lagen bei keinem Teilnehmer vor.

Die Patienten wurden binnen 3 Wochen nach ihrem ersten Arztbesuch befragt. Mithilfe des Roland-Morris Disability Questionnaire (RMDQ) wurde erfasst, wie viele von insgesamt 24 Bewegungsabläufen und Alltagssituationen die Schmerzen beeinträchtigten. Auch die letzten 7 Fragen des Brief Pain Inventory (BPI) kamen zum Einsatz. Hierbei musste jeder Studienteilnehmer beschreiben, wie stark der Schmerz jeweils die allgemeine Aktivität, das Gehvermögen, den Schlaf, die Arbeit, Beziehungen, Stimmung und Lebensfreude beeinträchtigte.

Hinweise auf mögliche Angststörungen oder Depressivität der Patienten gab zusätzlich der Patient Health Questionnaire PHQ-4. Zudem wurden per EuroQol 5D die Mobilität, Eigenständigkeit, Schmerzzustände und psychische Befindlichkeit erhoben.

Es fanden sich 1.174 geeignete Teilnehmer, die in den 6 Wochen nach dem ersten Arztbesuch ein Röntgenbild erhalten hatten, sowie weitere 349, die in diesem Zeitraum entweder ausschließlich oder zusätzlich CT oder MRT bekommen hatten. Zu jedem Teilnehmer mit Bildgebung suchten die Wissenschaftler ein von demographischen Daten, Komorbiditäten und Symptomen her passendes Kontrollgruppen-Mitglied, der keine frühe Bildgebung erhalten hatte.

Kommentar

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