Vom Krebs geheilt – von Armut bedroht: Oft desaströse finanzielle Situation von Langzeitüberlebenden

Dr. Erentraud Hömberg

Interessenkonflikte

18. März 2015

Berlin – Immer mehr Menschen erkranken an Krebs und immer mehr Menschen überleben den Krebs. Gut die Hälfte von ihnen ist unter 65 Jahre alt und eigentlich noch erwerbstätig. Wie gelingt es, diese Patienten wieder ins Berufsleben zu integrieren und sie vor finanziellen Abstürzen zu bewahren? „Wir brauchen ein Nachsorgekonzept“, forderte PD Dr. Ulf Seifart, Chefarzt der Rehabilitationsklinik Sonnenblick in Marburg, auf dem Frühjahrskongress der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) [1].

Wir brauchen ein Nachsorgekonzept. PD Dr. Ulf Seifart

Bei insgesamt 1,4 Millionen Krebskranken in Deutschland betrifft das eine Gruppe von 770.000 Patienten. „Damit haben wir kein Kolibriproblem, sondern eine veritable gesellschaftliche Aufgabe, die noch viel zu wenig wahrgenommen wird“, so der Reha-Mediziner, „allein durch die Krankschreibungen lösen wir europaweit Kosten in Höhe von zehn Milliarden Euro pro Jahr aus.“ 

Es ist aber auch ein individuelles Problem. In einer französischen Studie, die letztes Jahr auf dem ASCO vorgestellt worden ist, gaben knapp 90% der Befragten an, dass die finanziellen Schwierigkeiten, die durch die Krebskrankheit ausgelöst wurden, ihre Lebensqualität stärker beeinträchtigten als die psychischen und körperlichen Belastungen. 

Risiko Sozialstatus: Wer arm ist, stirbt meist früher

Der Sozialstatus ist für das Überleben ein Kriterium, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen. PD Dr. Ulf Seifart

Aus frühen Arbeiten zum Lungen- und zum Mammakarzinom weiß man: Der soziale Status ist ein entscheidender Faktor zum Überleben einer Tumorerkrankung. Eine schwedische Untersuchung aus dem Jahr 2009 bei 25.000 Patienten mit akuter Leukämie sowie Multiplem Myelom bestätigt eindrucksvoll diesen Zusammenhang: Obwohl sie nach dem gleichen Schema und innerhalb von Studien behandelt wurden, lebten die „White-Collar“-Patienten (mit höherem sozioökonomischen Status) signifikant länger als die „Blue-Collar“-Patienten .

Eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse aus den USA bei leukämiekranken Kindern erbrachte den gleichen Befund: Auch hier überlebten mehr Kinder aus sozial besser gestellten Familien.

In Deutschland sieht es trotz flächendeckender Krankenversicherung nicht anders aus. Eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums auf Basis von über einer Million Daten von Krebspatienten ergab, dass Menschen aus den sozioökonomisch schwächsten Landkreisen während der ersten 3 Monate der Krankheit ein 33% höheres Risiko hatten zu sterben. 9 Monate nach der Diagnose lag der Unterschied bei 20%, in den darauffolgenden 4 Jahren blieb er stabil bei 16%. „Wer in Offenbach lebt, hat eine schlechtere Prognose als jemand, der im Taunus zu Hause ist“, resümierte Seifart und mahnte: „Der Sozialstatus ist für das Überleben ein Kriterium, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.“

Risiko Heilung: Überlebende sind oft arbeitslos

Für Berufstätige bedeutet das Überleben ihrer Krebskrankheit ein Armutsrisiko. Die Arbeitslosenquote liegt bei ihnen um das Dreifache höher als bei Gesunden. Nur die Hälfte kehrt komplett ins Erwerbsleben zurück. Seifart machte folgende Rechnung auf: Der durchschnittliche Bruttoverdienst in Deutschland beträgt um die 42.000 Euro im Jahr, bzw. ca. 2.000 Euro netto im Monat. Wenn Patienten mit diesem Einkommen arbeitslos werden, erhalten sie – sofern sie keine Kinder zu betreuen haben – Arbeitslosengeld I: ganze 840 Euro.

„Viele professionelle Helfer schlagen vor, statt in die Arbeitslosigkeit in Rente zu gehen. Doch bei dem genannten Durchschnittseinkommen fällt die Erwerbsminderungsrente nicht höher, sondern sehr oft noch niedriger aus“, warnte der Sozialmediziner, „im Schnitt beträgt sie 661 Euro.“ Diese Patienten bräuchten oft noch zusätzliche Hilfen in Form von Wohngeld, Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung.

„Nicht alle Patienten verarmen“, betonte Seifart, „darum müssen wir herausfinden, welche wirklich bedroht sind.“ Aus einer großen deutschen Studie wurde deutlich, dass auch die Tumorentität eine Rolle spielt: Patienten mit aggressiven Karzinomen wie Leber- oder Lungenkrebs, fortgeschrittenen Blut- und Lymphdrüsenerkrankungen, Hirntumoren, Pankreaskarzinomen und Kopf-Hals-Tumoren haben ein höheres Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit als Patienten mit Tumoren des Urogenitaltraktes, Hodgkin-Lymphomen oder Brustkrebs. Dazu kommen die Belastungen durch die Chemo- und Radiotherapien sowie die Fatigue.

Kommentar

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