Ein Buch mit sieben Siegeln – das deutsche Gesundheitssystem stellt Migranten noch oft vor große Hürden

Christian Beneker

Interessenkonflikte

16. März 2015

Der einmillionste Gastarbeiter in Deutschland starb einen traurigen Tod: Armando Rodrigues de Sà litt an Krebs und hat in Portugal sein gesamtes Geld für die medizinische Behandlung ausgegeben. Denn: „Er wusste nicht, dass er Ansprüche aus der gesetzlichen deutschen Krankenversicherung hatte, die er auch in Portugal hätte in Anspruch nehmen können.“

Dies sagte jüngst Aydan Özoguz, Integrationsbeauftrage der Bunderegierung. „Es gibt rund zehn Millionen Kranken- und Pflegeversicherte mit Einwanderungsgeschichte. Wir müssen sicherstellen, dass alle Menschen – egal welcher Herkunft – gleichermaßen vom hohen Standard unseres Gesundheitswesens profitieren", so Özoguz im Bundeskanzleramt zur Eröffnung des Schwerpunktjahres „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft“ [1].

Das deutsche Gesundheitssystem ist für Migranten oft undurchsichtig

 
Ein Zettel auf Türkisch mit der Bitte um eine Unterschrift (zur OP-Einwilligung) genügt nicht! Ramazan Salman
 

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2013 rund 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Tendenz steigend. „Allein im letzten Jahr sind 1,2 Millionen Menschen eingewandert“, berichtet Özoguz. Nachweislich erlitten sie mehr Arbeitsunfälle als der Durchschnitt, nähmen weniger Präventionsangebote in Anspruch und seltener Reha-Maßnahmen. Das größte Problem aber dürfte die Sprachbarriere sein, hieß es, ganz zu schweigen von den Vielen ohne Papiere.

Auch wenn Migranten schon viele Jahre in Deutschland leben, ist für sie offenbar das hoch komplexe Gesundheitssystem immer noch wie ein Buch mit 7 Siegeln. Es scheint nur schlecht darauf eingerichtet, Menschen aus aller Herren Länder gleichermaßen gut zu versorgen.

Paradoxerweise arbeiten besonders im Gesundheitswesen besonders viele Migranten. So seien Kliniken die wahren „Meltingpots", sagt Ramazan Salman Geschäftsführer des Ethnomedizinischen Zentrums in Hannover zu Medscape Deutschland. Allein unter den rund 9.300 Mitarbeitern der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) finden sich Menschen aus 78 Nationen, wie Simone Corpus sagt, stellvertretende Sprecherin der MHH.

Das größte Problem ist die Sprachbarriere

Vor allem die Sprachbarriere behindere gleichwohl die Versorgung, so Salman. Zwar werde schon oft auf Migranten Rücksicht genommen. So böten z.B. vor allem konfessionelle Krankenhäuser Räume an, in denen Muslime ihre gestorbenen Angehörigen nach den Vorschriften ihrer Religion waschen können. „Gute Erfahrungen machen Migranten auch in den Hausarztpraxen.“ Viele Hausärzte haben inzwischen Russisch oder Türkisch sprechende Medizinische Fachangestellte eingestellt, um besser auf die Patienten eingehen zu können.

Jedoch in manchem großen Krankenhaus müsse man jahrelang darum bitten und bekomme doch keinen Raum, so Salman. In einigen Kliniken mit 2.000 Betten sind 35% mit Migranten belegt, „aber die Klinikleitungen sind nicht bereit, einen interreligiösen Gebetsraum einzurichten.“ Statt auf Sprachkenntnisse zu pochen, setzt Salman in der Versorgung auf Dolmetscher. „Da ist man in Skandinavien oder in Holland schon viel weiter als bei uns.“

Oft mangele es hierzulande vor Operationen von Migranten auch an der Aufklärung. „Ein Zettel auf Türkisch mit der Bitte um eine Unterschrift genügt nicht!“, so Salman. In manchen Großstadt-Krankenhäusern sind 60% der Gebärenden Türkinnen, aber einen Geburtsvorbereitungskurs auf Türkisch gibt es nicht.

Eine Studie des Deutschen Krankenhausinstitutes (DKI) aus dem Jahr 2012 belegt, dass viele Kliniken zwar versuchen, Dolmetscher aus den Kapazitäten des Krankenhauses zur Verfügung zu stellen. Aber nach wie vor fehle eine „umfassende strategische und operative Zielplanung für die Kultursensibilität von Krankenhäusern“, so die Studie.

Ebenso wenig weiß man, was die Maßnahmen schließlich nützen. Oft mangele es auch an der „Durchdringung“, das heißt, viele kleine, begrenzte Projekte bestimmen das Bild. Zudem nahmen an der Studie nur 57 von 357 angefragten Häusern teil, das bedeutet eine Rücklaufquote von nur 16%. „Dies mag ggf. daran liegen, dass das Thema der Kultursensibilität bei einigen Krankenhäusern möglicherweise noch nicht die oberste Priorität besitzt“, heißt es in dem Abschlussbericht. Mit anderen Worten: Für die meisten Krankenhäuser ist Kultursensibilität offenbar kein Thema.

Wie lassen sich Migranten besser medizinisch versorgen?

Özoguz legte bei der Auftaktveranstaltung im Bundeskanzleramt nun eine Broschüre vor: „Das kultursensible Krankenhaus“ [2]. Darin stellt eine Arbeitsgruppe ihre Projekte dar, wie sie Menschen anderer Sprachen und Herkunft besser medizinisch versorgen können.

 
Auch die Angehörigen verstehen 50 Prozent des Gesagten falsch, vor allem, wenn es um medizinische Dinge geht … Ilknur Naimi
 

Ilknur Naimi vom Frankfurter Hospital zum Heiligen Geist etwa ist Pflegebereichsleiterin der Chirurgie und in ihrem Krankenhaus Migrantenbeauftragte. „Wir schulen die Pflegenden im Haus, damit sie mit den anderen Gepflogenheiten der Körperpflege von Migranten oder dem anderen Krankheitsverständnis besser umgehen können“, sagt Naimi zu Medscape Deutschland.

Auch moderiert sie etwa bei den Krankenbesuchen, wenn bei Migranten die ganze Familie am Krankenbett sitzen will. „Man muss wissen: Wer nicht besucht, der beleidigt hier den Kranken. Deshalb kommen immer alle“, berichtet Naimi. Auch bei den Mahlzeiten achtet man im Krankenhaus drauf, dass Muslime kein Schweinefleisch angeboten bekommen und praktizierende Hindus aus Indien überhaupt kein Fleisch.

Die Sprachbarriere versucht man zu senken, indem die Pflegenden Türkischkurse machen. Trotzdem sei meistens ein Dolmetscher nötig. „Denn auch die Angehörigen verstehen 50 Prozent des Gesagten falsch, vor allem, wenn es um medizinische Dinge geht, denn sie können nur eine Sprache richtig“, sagt Naimi. „Außerdem sind auch viele Themen schambesetzt.“

Also behilft man sich in Frankfurt mit Bordmitteln. „Wir haben 300 Betten und rund 20 Nationalitäten im Haus, die übersetzen können“, sagt Naimi. „Aber diese Dolmetscher müssten eigentlich Geld bekommen. Leider ist das derzeit nicht möglich.“

„Auch den Hausärzten fehlt oft die Unterstützung, um z.B. Dolmetscher bezahlen zu können“, kritisiert Salman vom ethnomedizinischen Zentrum. So bietet auch die MHH in der Kinderklinik eigene Sprechstunden für Migranten inklusive Dolmetscher an. Und auch die MHH zahle die Migranten-Sprechstunde aus eigener Tasche, sagt die Sprecherin Corpus.

Eine funktionierende Migrantenversorgung sei nicht nur eine Sache der Gerechtigkeit, betont Salman, sondern auch „der beste Weg zur Integration. Neben Bildung und Arbeit ist die Gesundheit das größte Handlungsfeld der Integration.“ Wenn auch in der Gesundheitsversorgung die Chancen gerecht verteilt werden, dann könne Deutschland demonstrieren, dass es eine funktionierende Demokratie bietet, in der es sich zu leben und zu arbeiten lohne, sagt Salman.

Allerdings wolle er „nicht der Migrant sein, dem man Gefälligkeiten erweist“. Sondern die Kraft der Demokratie zeige sich darin, dass die Institutionen wie Schulen, Gesundheitsämter oder Krankenhäuser dem politischen Willen nach mehr Integration selbstverständlich folgen.

 

REFERENZEN:

1. Rede von Frau Staatsministerin Aydan Özoğuz anlässlich der Auftaktveranstaltung zum Schwerpunktjahr Gesundheit, 10. März 2015

2. Bundesregierung: Broschüre „Das kultursensible Krankenhaus“, Dezember 2012

 

Kommentar

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