Dringend gebraucht, aber nicht in Sicht: Der Facharzt für Schmerzmedizin

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

12. März 2015

Frühintervention bei Rückenschmerzen zeigt, wie es gehen könnte

„Diesen Zustand der Unterversorgung kann sich die deutsche Gesellschaft nicht mehr leisten“, betonte Müller-Schwefe. Zum einen ist da das gesetzlich verbriefte Grundrecht auf medizinische Versorgung ebenso wie die ethische Verpflichtung, Patienten gemäß dem aktuellsten medizinischen Wissen zu behandeln.

Zum anderen aber sprechen auch ökonomische Gesichtspunkte eine klare Sprache. „Allein für Rückenschmerzen geben wir Jahr für Jahr 49,5 Milliarden Euro aus“, rechnete Müller-Schwefe vor, „davon fließen 72 Prozent in Frühberentung der Betroffenen. Diese katastrophalen Zustände sind der Insuffizienz des Systems geschuldet.“ Von diesen Geldern ließe sich nach Ansicht der Präsidenten der DGS und der Deutschen Schmerzliga der neue Facharzt durchaus finanzieren.

„Aber wir werfen dieses Geld lieber Jahr für Jahr einfach zum Fenster raus, weil wir nicht frühzeitig aktiv werden“, bemängelte auch Überall. Denn langandauernde, ebenso vielfältige wie uneffektive Diagnose- und Therapieversuche treiben nicht nur die Kosten für das Gesundheitssystem in schwindelerregende Höhen, sie sind eine der Ursachen für die Chronifizierung von Schmerzen.

Dass diese durch Frühinterventionen nachweislich verhindert werden kann, beweist zum Beispiel der seit rund 10 Jahren existierende integrierte Versorgungsvertrag Rückenschmerzen der DGS mit der Techniker Krankenkasse (TK). Die Frühintervention führe nicht nur zu einer geringeren Anzahl an Arbeitsunfähigkeitstagen und einer signifikant geringeren Zahl an Frühberentungen. Durch eine gesteigerte Selbstkompetenz der Patienten habe sich diese Form der schmerzmedizinischen Versorgung zudem als nachhaltig wirksam erwiesen.

 
Diesen Zustand der Unterversorgung kann sich die deutsche Gesellschaft nicht mehr leisten. Dr. Gerhard Müller-Schwefe
 

Die Einsparungen allein bei den Arbeitsunfähigkeitstagen sind nach Angaben der Schmerzmediziner so groß, dass sich daraus die gesamte Versorgung finanzieren ließe. Von der verbesserten Lebensqualität der Patienten ganz zu schweigen.

Weltweit größtes Schmerzregister

Solche Initiativen sollen bald keine Ausnahmen mehr sein. Effektive Therapien finde man jedoch nicht durch Konzentration auf strenge Evidenzkriterien, meinte Überall. Die bisher für Zulassungsfragen wichtigen, randomisierten, Placebo-kontrollierten Studien seien nur bedingt dazu geeignet, die Wertigkeit eines Arzneistoffes oder einer nichtmedikamentösen Maßnahme für den konkreten Behandlungsfall im praktischen Alltag zu belegen, denn der Patient befinde sich ja im Alltag nicht im geschützten Bereich einer Studie. „Wir wissen im Detail alles, aber im Großen und Ganzen nichts, weil die Studienbedingungen zu realitätsfern, theoretisch und artifiziell sind. Die Daten sollten vielmehr unter Alltagsbedingungen erhoben werden, mit dem Ziel, Bias gering zu halten beziehungsweise zu vermeiden“, forderte Überall.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin hat daher im Sommer 2014 das „DGS Praxisregister Schmerz“ initiiert. An diesem bundesweiten, webbasierten Versorgungsforschungsprojekt iDocLive® beteiligen sich derzeit 30 medizinische Zentren. „Die Zahl der Patienten liegt im Moment bei 2.862, aber die Zahl steigt praktisch stündlich“, berichtet Überall, „bis Ende 2015 erwarten wir ein Datenbankvolumen von 14.000.“

In naher Zukunft wird damit das weltweit größte Schmerzregister vorliegen, das nicht nur Patientendaten, Schmerztagebücher und Behandlungsverläufe sammelt, sondern sie auch analysiert und auswertet und dem Arzt bei der Therapieentscheidung hilft. So weist das System beispielsweise auf psychische Risikofaktoren hin, die etwa ein schmerzmedizinisch arbeitender Orthopäde nicht unbedingt im Blick hat.

„Das eröffnet Ärzten einen ganz neuen Zugang zur Schmerzmedizin“, begeisterte sich Überall. Die Fragebögen und Tagebücher füllen die Patienten online aus, so dass sie inklusive Auswertung dem Arzt schon vor dem ersten Gespräch mit dem Patienten vorliegen und er die Ergebnisse mit diesem besprechen kann. Die beteiligten Ärzte profitieren nicht nur von der Analyse der Patientenangaben mit Hinweisen auf versteckt vorliegende Befunde oder mögliche Entwicklungen, sondern auch ganz praktisch im Tagesablauf von der vereinfachten Dokumentation, da das Übertragen der Papierfragebögen entfällt.

Nicht zuletzt werden über das neue System Langzeiterfahrungen, etwa zu Opioid-Therapien, gesammelt. „Die pseudonymisierten Daten des DGS-PraxisRegisters erlauben Einblicke in die Realität der Patientenversorgung und eröffnen ganz neue Perspektiven für eine praxis- beziehungsweise patientenrelevante Versorgungsforschung“, so Überall.

Irland hat es vorgemacht

Dass ein Facharzt Schmerzmedizin durchgesetzt werden kann, haben die Iren gezeigt. Als erste in Europa haben sie im vergangenen Jahr das neue Fachgebiet eingerichtet. Dr. Josh Keaveny, Dekan der Faculty of Pain Medicine am College of Anaesthesists of Ireland, Dublin, berichtete im Rahmen des Symposiums von seinen Erfahrungen:

„In Irland leiden 15 Prozent der Bevölkerung unter Schmerzen. Die Krankenhäuser konnten diese Herausforderung nicht mehr bewältigen, es gab lange Wartelisten und keine Gelder für chronische Schmerzpatienten.“ Dass die Bemühungen von Schmerzmedizinern anders als in Deutschland von Erfolg gekrönt waren, lag nicht zuletzt an der Tatsache, dass auf der Insel Patientenorganisationen einen größeren politischen Einfluss haben als hierzulande. Es war aber auch die Einsicht, dass die Einführung des neuen Fachgebietes weniger Kosten verursacht, als sie einspart.

Auf die Frage deutscher Kollegen, wie man mit Widerständen aus anderen Fachgebieten umgegangen sei, meinte Keanevy: „Wir haben sie nicht gefragt, ob wir dürfen. Wir haben es einfach gemacht und gefragt, inwiefern sie sich beteiligen wollen.“ Überall hat das gerne als wertvollen Hinweis mit auf den Weg genommen.

 

REFERENZEN:

1. 26. Deutscher interdisziplinärer Schmerz- und Palliativkongress, 4. bis 7. März 2015, Frankfurt/Main

 

Kommentar

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