Paracetamol: Beliebtes Schmerzmittel hat deutliche „Risiken bei keiner bis marginaler Wirkung“

Andrea Wille

Interessenkonflikte

5. März 2015

In Abhängigkeit von der Dosis steigert Paracetamol das Risiko für kardiovaskuläre, gastrointestinale und renale Nebenwirkungen. Sogar das Mortalitätsrisiko ist bei langfristiger Einnahme hoher Dosen erhöht. So lautet das Ergebnis eines kürzlich in Annals of the Rheumatic Diseases erschienenen systematischen Reviews [1]. Die gesundheitlichen Risiken treten bereits bei Dosierungen im oberen Normbereich einer Schmerztherapie auf.

Prof. Dr. Kay Brune

„Das Risiko einer Paracetamol-Überdosierung mit unerwünschten Wirkungen ist schon lange ein Thema“, hält Dr. Anke Mielke, Fachärztin für Anästhesiologie und Schmerztherapie am Helios Klinikum Wuppertal, gegenüber Medscape Deutschland  fest. Neu ist offenbar, wie klar es jetzt zutage tritt: „Die Studienergebnisse waren zu erwarten. Mich hat aber überrascht, dass sie so deutlich ausfallen, da solche Effekte in der Regel methodisch schwer nachzuweisen sind“, betont Prof. Dr. Kay Brune vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Paracetamol ist das weltweit am häufigsten eingenommene Schmerzmittel. Die Risiken für ein Leberversagen bei einer Überdosierung mit Paracetamol haben bereits zu einer Diskussion darüber geführt, ob das Medikament in Deutschland nicht doch besser unter Rezeptpflicht gestellt werden sollte (wie Medscape Deutschland berichtete).  

Das Risiko zeigt eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung

Das Forscherteam um Dr. Emmert Roberts vom Maudsley Hospital in London hat nun für seine Analyse insgesamt 8 Studien ausgewertet. In einer davon fand sich eine eindeutige Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen Mortalität und Menge des eingenommenen Paracetamol: Während bei wiederholter Einnahme von Paracetamol in niedriger Dosierung die relative Sterberate nicht erhöht war, lag sie bei langanhaltendem Gebrauch hoher Dosen bei 1,63 (95%-Konfidenz-IntervalI: 1,58-1,68) – war damit also um 63% erhöht.

 
Paracetamol ist zwar pro Tablette preislich günstig, aber die Kosten für die Gesellschaft sind hoch. Prof. Dr. Kay Brune
 

Insgesamt 4 Studien untersuchten die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse unter Paracetamol. Auch hier gab es eine Abhängigkeit von der Dosis: Das Risiko für  kardiovaskuläre Ereignisse stieg bei langanhaltend hoch dosiertem Gebrauch um 68% (Relative Rate: 1,68, 95%-KI: 1,10 -2,57).

Eine weitere Studie prüfte gastrointestinale Nebenwirkungen, deren Auftreten bei langfristiger Einnahme in hoher Dosis um fast 50% anstieg.

Schließlich konnte auch in 3 von 4 Studien, die mögliche Nierenschäden in den Blick nahmen, eine Zunahme in Abhängigkeit von der Dosis nachgewiesen werden. Eine dieser Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von Paracetamol zu einer Senkung der glomerulären Filtrationsrate (eGFR oder estimated glomerular filtration rate) beitragen kann.

 
Paracetamol ist ein veraltetes Medikament. Das Verhältnis zwischen Wirkung und Risiko fällt zuungunsten des Patienten aus. Prof. Dr. Kay Brune
 

Die Studienautoren räumen ein, dass 4 Studien auch solche Patienten einschlossen, die bereits vor der Einnahme von Paracetamol vermehrt Risiken aufwiesen. Doch trotz der Schwächen der eingeschlossenen Studien ergibt sich ein klarer Dosis-abhängiger Effekt, der zeigt, dass Paracetamol auch innerhalb der Standarddosis deutliche Nebenwirkungen hat: „Wir glauben, dass das tatsächliche Risiko von Paracetamol höher ist, als derzeit im klinischen Alltag wahrgenommen wird“, schreiben die Studienautoren.

Ungünstiges Nutzen-Risiko-Profil

Problematisch sind jedoch nicht nur die gesundheitlichen Risiken von Paracetamol, sondern auch die Kosten, wie Brune erklärt: „Paracetamol ist zwar pro Tablette preislich günstig, aber die Kosten für die Gesellschaft sind hoch. Eine britische Studie zeigte im letzten Jahr, wie hoch die Kosten der medizinischen Abklärung von Überdosierungs-Verdachtsfällen allein in Großbritannien sind.“

Brune bezieht sich dabei auf eine im British Journal of Clinical Pharmacology publizierte Arbeit, der zufolge es pro Jahr in Großbritannien zu rund 98.000 Einweisungen mit Verdacht auf eine Überdosierung von Paracetamol kommt – mit Behandlungskosten von rund 66 Millionen Euro.

„Paracetamol ist ein veraltetes Medikament. Das Verhältnis zwischen Wirkung und Risiko fällt zuungunsten des Patienten aus, denn Paracetamol hat nachweislich gesundheitliche Risiken bei keiner bis marginaler Wirkung. Das Sprichwort ‚Hilft nicht, schadet nicht’ stimmt hier also nicht.“

 
Wir sollten den Patienten schützen und nicht das Medikament. Prof. Dr. Kay Brune
 

Da im letzten Jahr in Bezug auf den Nutzen von Paracetamol bei der Lumbalgie (wie Medscape Deutschland berichtete) und bei der Arthrose Zweifel aufgekommen sind, fordern die Studienautoren dringend eine systematische Nutzen-Risiko-Bilanz zu Paracetamol.

Rezeptpflicht zum Schutz des Patienten?

Bei der Aufklärung über die Risiken von Paracetamol sind laut Mielke die behandelnden Ärzte gefragt, „insbesondere aber auch die Apotheken, die das Medikament anbieten“. Brune ist der Meinung, dass die öffentliche Berichterstattung schon erheblich dazu beigetragen hat: „Dank des Engagements vieler Medien ist in den letzten Jahren zum Glück einiges für eine bessere Aufklärung über Paracetamol passiert. Heute wissen viele Menschen, dass Paracetamol gefährlich sein kann.“

Dies gelte vor allem für Patienten mit häufigem Alkoholkonsum oder Fettleibigkeit. Zudem sei gerade die tägliche Einnahme über einen längeren Zeitraum gefährlich. „Auch bei Schwangeren ist von der Einnahme abzuraten, da Paracetamol das Ungeborene schädigen kann – um nur einige Risikogruppen zu nennen“, warnt Brune.

 
Allerdings müsste in die Diskussion dann die Rezeptpflichtigkeit aller Schmerzmittel einbezogen werden. Dr. Anke Mielke
 

Es bleibt die Frage, wie mit den Risiken der Paracetamol-Einnahme umgegangen werden soll. Für Brune ist der Fall klar: „Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass juristische Prinzipien wie ‚Im Zweifel für den Angeklagten’ hier angewendet werden. Denn wir sollten den Patienten schützen und nicht das Medikament. Meines Erachtens gibt es ausreichend Hinweise, um für Paracetamol zumindest die Rezeptpflicht einzuführen.“

Mielke ist etwas zurückhaltender und möchte erst den Nachweis sehen, dass die Rezeptpflicht tatsächlich einen Einfluss auf den Schutz der Anwender hat, bevor dies als Maßnahme diskutiert wird. „Allerdings müsste in die Diskussion dann die Rezeptpflichtigkeit aller Schmerzmittel einbezogen werden“, gibt sie zu bedenken.

Denn klar ist, auch andere Schmerzmittel bergen gesundheitliche Risiken, wie Brune ebenfalls einräumt: „Eine Schmerztherapie zum Null-Tarif gibt es nicht. Bei jedem Schmerzmittel können Nebenwirkungen auftreten.“ Aber immerhin seien beispielsweise Ibuprofen und Naproxen bei Überdosierung nicht tödlich, wenngleich sie bei Langzeiteinnahme auch die Nierenfunktion einschränken oder den Blutdruck erhöhen können, so Brune.

 

REFERENZEN:

1. Roberts E, et al: Ann Rheum Dis (online) 2. März 2015

 

Kommentar

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