Verschmähter Bereitschaftsdienst: Auf der Suche nach den Gründen für (zu) volle Klinikambulanzen

Christian Beneker

Interessenkonflikte

2. März 2015

Seit Monaten schwelt der Streit um die Behandlung von Notfallpatienten: Jetzt hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG) in einer Studie dargelegt, dass die Notaufnahmen in Deutschland in weiten Teilen die Arbeit der Bereitschaftsdienste übernommen haben – und kräftig draufzahlen [1]. Darauf hat das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung (ZI) nachgelegt und in einer Studie gezeigt, dass der Ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung immer noch die meisten ambulanten Notfälle versorgt.

Eine Patientenbefragung im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg soll nun Klarheit schaffen: Warum gehen immer mehr Patienten in die Notaufnahmen der Krankenhäuser?

Viel Arbeit, wenig Brot

Harsche Vorwürfe machte jüngst die DKG den Kassenärztlichen Vereinigungen und ihren Bereitschaftsdiensten. Die ambulante Notfallversorgung werde schon lange nicht mehr durch die KVen sichergestellt, obwohl diese dafür zuständig seien, erklärte der Hauptgeschäftsführer der DKG, Georg Baum [2]. Damit macht er den Bereitschaftsdienst dafür verantwortlich, dass immer mehr Patienten in die Notaufnahmen der Krankenhäuser kommen.

In einer Studie hat die DKG zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) bei der Management Consult Kestermann GmbH (MCK) die Folgen der Entwicklung aus ihrer Sicht dargelegt. „Wir haben darin erstmals alle ambulanten Kosten auf den Fall berechnet“, sagt Urban Roths von der DKG e.V., stellvertretender Geschäftsführer im Dezernat Krankenhausfinanzierung, zu Medscape Deutschland. „Mit über 600.000 Fällen aus 55 Häusern haben wir eine sehr gute Datengrundlage.“

 
Nach unseren Erkenntnissen werden rund 70 Prozent aller ambulanten Notfälle von Kassenärzten versorgt. Dr. Dominik Graf von Stillfried
 

Nun weiß die DKG, welche Prozeduren an welchen Notfallpatienten vorgenommen wurden und was sie gekostet haben. Das wichtigste Ergebnis: Von den insgesamt rund 20 Millionen Fällen in den deutschen Krankenhäusern werden mehr als die Hälfte ambulant behandelt. Nach der Auswertung der Studie könnten davon rund ein Drittel vom Bereitschaftsdienst der KVen versorgt werden und rund 30% in die Praxen der niedergelassenen Ärzte.

„Immerhin werden 40 Prozent aller Notfallpatienten in den Notaufnahmen zu den regulären Praxisöffnungszeiten behandelt“, sagt Roths. Die DKG vermutet, dass die langen Wartezeiten in den Facharztpraxen und der dünn gesäte Bereitschaftsdienst die Patienten in die Notaufnahmen treiben.

Außerdem hat die Studie Kosten und Honorare der Behandlungen in den Notaufnahmen gegeneinander aufgerechnet, um ihre These zu untermauern, dass die Klinikbehandlungen der Notfallpatienten viel teurer ist als die durch den Bereitschaftsdienst.

 
Das Problem ist weniger eines der Strukturen als eines der Wahrnehmung und des Anspruchs der Patienten. Dr. Dominik Graf von Stillfried
 

Deshalb seien die Ambulanzen der Krankenhäuser „hoffnungslos unterfinanziert“, wie Roths sagt, denn auch die ambulanten Notfälle im Krankenhaus werden nach EBM bezahlt. „Keine sachgerechte Vergütung“, so das Gutachten. Die Kliniken kostet ein ambulanter Notfall im Schnitt 120 Euro. Der Erlös aus dem EBM beträgt aber nur 32 Euro. Die Kliniken legen also pro ambulantem Notfall 88 Euro drauf. Die Studie rechnet hoch und kommt auf einen jährlichen Fehlbetrag in deutschen Notaufnahmen von 1 Milliarde Euro.

Kliniken sind bei Großstädtern trendy

Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des ZI bezweifelt die Zahlen, die die DKG vorgelegt hat und hat selbst die Abrechnungsdaten der kompletten Notfallversorgung geprüft. „Nach unseren Erkenntnissen werden rund 70 Prozent aller ambulanten Notfälle von Kassenärzten versorgt“, so Stillfried.

Wie allerdings der Unterschied zu den DKG-Zahlen zustande kommt, ist unklar. Vielleicht habe das ZI auch die Hausbesuche der Ärzte mitgezählt, mutmaßt Roths. Vielleicht sei die Auswahl der Krankenhäuser in der DKG-Studie nicht repräsentativ, vermutet Stillfried. Wie dem auch sei: Einig sind sich DKG und ZI darin, dass zu viele Patienten die Notfallambulanzen der Krankenhäuser aufsuchen.

 
Vor allem die jungen Patienten in den Städten nutzen die Krankenhäuser als Arztpraxis. Dr. Dominik Graf von Stillfried
 

„Aber das Problem ist weniger eines der Strukturen als eines der Wahrnehmung und des Anspruchs der Patienten“, sagt Stillfried. So sind die Patienten ausgerechnet dort, wo die Bereitschaftsdienste gut ausgebaut sind, also in den Städten, besonders oft in die Krankenhäuser gegangen.

Umgekehrt sind Patienten etwa in Mecklenburg Vorpommern, wo die Bereitschaftsdienste wegen des Ärztemangels dünner gesät sind, sehr selten in die Kliniken gegangen. „Vor allem die jungen Patienten in den Städten nutzen die Krankenhäuser als Arztpraxis“, sagt Stillfried. Warum das so ist, weiß auch er nicht: „Vielleicht wirkt ein Krankenhaus einfach greifbarer als die noch weitgehend unbekannte Notrufnummer 116117. Vielleicht ist die Landbevölkerung genügsamer oder eher am niedergelassenen Arzt orientiert, als die Stadtbevölkerung, bei der alles schnell gehen muss.“

Möglicherweise wirkt die Wartezeit in Ambulanzen weniger nervtötend als die Minuten, die man zuhause auf den Doktor wartet. Selbst die vielen Krankenhausserien im Fernsehen könnten dazu beigetragen haben, dass junge deutsche Patienten glauben, die Notfallambulanzen seien so wie in den USA auch für ambulante Patienten zuständig, so Stillfried.

 
Wir glauben, dass wir beim Bereitschaftsdienst mehr machen können, wir haben die Kapazitäten. Walter Plassmann
 

Zumindest für Hamburg vermutet Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der KV Hamburg, einen Grund in den vielen Migranten, die in der Hansestadt leben. „Sie sind aus ihren Herkunftsländern eben gewohnt, gleich in die Klinik zu gehen.“

Die Patienten fragen

Noch in diesem Jahr wollen unter anderem die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVHH), die KV Schleswig Holstein (KVSH) und das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) der Frage auf den Grund gehen. „Wir glauben, dass wir beim Bereitschaftsdienst mehr machen können“, sagt Plassmann, „wir haben die Kapazitäten.“ Der Hamburger Bereitschaftsdienst verfüge über einen gut ausgebauten Sitz- und Fahrdienst.

Jetzt soll Prof. Dr. Martin Scherer vom UKE für eine Studie in die Notaufnahmen gehen und die Patienten fragen, warum sie nicht 116117 gewählt haben. Noch sei das Konsortium nicht komplett, sagt Scherer, vielleicht mache auch die Krankenhausgesellschaft Hamburg mit.

 

REFERENZEN:

1. Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V.: Gutachten zur ambulanten Notfallversorgung im Krankenhaus

2. Deutschen Krankenhausgesellschaft DKG eV.: Pressemitteilung „Milliarden-Defizit bei ambulanter Notfallversorgung“, 17. Februar 2015

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....