Was Hänschen nicht lernt … – Wer als Kleinkind Erdnüsse isst, hat später seltener eine Allergie dagegen

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

27. Februar 2015

Prof. Dr. Kirsten Beyer

Viele Erdnussallergien können offenbar vermieden werden, wenn man Kleinkindern mit einem erhöhten Allergierisiko regelmäßig Erdnussprodukte zu essen gibt. Darauf deuten zumindest die Resultate der jüngst im New England Journal of Medicine veröffentlichten Learning Early About Peanut Allergy (LEAP)-Studie mit über 600 Kindern hin [1].

Für Prof. Dr. Kirsten Beyer, Leiterin des Kinderallergologischen Studienzentrums an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin, findet das Ergebnis der Studie erfreulich: „Erstmals hat eine gut konzipierte Studie den Verdacht erhärten können, dass der Verzehr von erdnusshaltigen Produkten im frühen Kindesalter die Toleranz gegenüber Erdnüssen erhöht.“

Für Dr. Rebecca S. Gruchalla, University of Texas Southwestern Medical Center, Dallas, und Dr. Hugh A. Sampson, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, sind die Resultate sogar derart überzeugend, dass sie in einem begleitenden Editorial fordern, internationale Leitlinien, die aktuell weder den Verzicht noch den bewussten Verzehr von Erdnussprodukten empfehlen, baldmöglichst zu überarbeiten [2].

Beyer formuliert es im Gespräch mit Medscape Deutschland noch etwas zurückhaltender – zwar zweifelt auch sie nicht daran, dass die Studienergebnisse ihren Weg in künftige Leitlinien finden werden. Für konkrete Empfehlungen müssten sich die Ergebnisse der Autorengruppe um Dr. George Du Toit vom King’s College London allerdings noch in weiteren Kohorten bestätigen, schränkt sie ein.

 
Erstmals hat eine gut konzipierte Studie den Verdacht erhärten können, dass der Verzehr von erdnusshaltigen Produkten im frühen Kindesalter die Toleranz gegenüber Erdnüssen erhöht. Prof. Dr. Kirsten Beyer
 

Kann mit Erdnüssen Erdnussallergien vorgebeugt werden?

Schätzungsweise 10% aller Kinder sind gegen Erdnüsse sensibilisiert, 1 bis 2% von ihnen haben ein Risiko für schwere allergische Reaktionen. Diesem Risiko begegneten Mediziner lange Zeit mit der Empfehlung, die Nüsse aus der Ernährung der Kinder zu eliminieren. Eine Strategie, die allerdings schon seit einigen Jahren nicht mehr verfolgt wird und auch aus internationalen Leitlinien verschwand. Denn bislang gab es keine Evidenz dafür, dass ein Verzicht auf die Nahrungsmittelallergene die Entwicklung IgE-vermittelter Allergien verhindert.

Aber auch die Frage, ob die entgegengesetzte Strategie, nämlich der regelmäßige Konsum von Erdnussprodukten, das Allergierisiko vermindern könnte, blieb bislang unbeantwortet. Hinweise, die für diesen Ansatz sprechen, gab es allerdings schon.

So hatte das Team um Du Toit etwa bereits vor Jahren beobachtet, dass jüdische Kinder, die in Großbritannien aufwachsen, ein 10fach höheres Risiko haben, eine Erdnussallergie zu entwickeln, als Kinder gleicher Abstammung in Israel. Dies korrelierte mit dem Umstand, dass Kinder in Großbritannien im ersten Lebensjahr in der Regel keine Erdnüsse konsumieren, während in Israel Kinder häufig bereits ab einem Alter von 7 Monaten Nahrungsmittel zu sich nehmen, die Erdnüsse enthalten.

Die LEAP-Studie von Du Toit und seinen Kollegen sollte nun klären, ob der regelmäßige Konsum von Erdnüssen der Entstehung von Allergien bei Hoch-Risiko-Kindern tatsächlich vorbeugen kann.

Beeindruckende Studie mit Manko: Keine Placebogruppe

640 Kinder im Alter von 4 bis 11 Monaten mit einem hohen Risiko, eine Erdnussallergie zu entwickeln (d.h. mit ausgeprägten Ekzemen und/oder einer Hühnereiallergie), wurden in die Studie aufgenommen. Je nach Ergebnis des Haut-Pricktests (keine Quaddeln versus Quaddeln mit einem Durchmesser von 1 bis 4 mm) teilten die Forscher sie in 2 Kohorten auf. Auf diese Weise ließ sich eine sekundärpräventive Wirkung – bei bereits gegen Erdnüsse sensibilisierten Kindern (n = 98) – von primärpräventiven Effekten – bei denen ohne Sensibilisierung gegenüber Erdnüssen (n = 542) abgrenzen. Lagen Quaddeln mit einem Durchmesser von über 4 mm vor, schloss man diese Kinder vorsichtshalber aus der Studie aus, weil die Gefahr schwerwiegender allergischer Reaktion zu groß war.  

 

Der frühe Verzehr von Erdnüssen war dementsprechend nicht nur bei den Hoch-Risiko-Kindern effektiv, sondern auch bei Kindern die eine milde Sensibilisierung gezeigt hatten. Dr. Rebecca S. Gruchalla und Dr. Hugh A. Sampson
 

In beiden Kohorten wurden die Kinder in eine Verzehrs- und eine Vermeidungsgruppe randomisiert. Kinder der Verzehrsgruppe sollten wöchentlich mindestens 6 g Erdnussprotein (in Form von Erdnussbutter) zu sich nehmen, aufgeteilt auf 3 oder mehr Mahlzeiten pro Woche. Um bei den Kindern in der Verzehrsgruppe schwere allergische Reaktionen vorab zu erkennen, wurde bei ihnen zunächst eine orale Provokation durchgeführt. Nur bei negativem Ergebnis war das Essen von Erdnussprodukten erlaubt. Als primärer Endpunkt galt die Zahl der Studienteilnehmer mit einer Erdnussallergie, ermittelt durch orale Provokation bei den Kindern im Alter von 60 Monaten.

„Die Eltern wussten, was sie ihren Kindern zu essen gaben“, formuliert Beyer ihren einzigen Kritikpunkt an der Studie. Und auch die LEAP-Autoren betrachten die fehlende Placebo-Gruppe als das größte Manko ihrer Untersuchung. Ein Problem, so sehen sie es, das aber zumindest teilweise durch die objektiven Provokationstests am Studienende ausgeglichen worden sei.

Über 70% weniger Allergien bei Kindern, die Erdnussprodukte aßen

Die Ergebnisse der LEAP-Studie beschreiben Gruchalla und Sampson als „eindrucksvoll“. So lag die Prävalenz einer Erdnussallergie bei den 5-jährigen Kindern mit einem initial negativem Pricktest in der Vermeidungsgruppe bei 13,7%, in der Verzehrsgruppe aber nur bei 1,9%. Und unter den bei Studienbeginn bereits sensibilisierten Kindern dokumentierten die Autoren eine Prävalenz von 35,3% in der Vermeidungsgruppe und von 10,6% in der Verzehrsgruppe.

„Der frühe Verzehr von Erdnüssen war dementsprechend nicht nur bei den Hoch-Risiko-Kindern effektiv, die bei Studienbeginn keine Anzeichen für eine Erdnuss-Sensibilisierung aufwiesen (Primärprävention), sondern auch bei Kindern die eine milde Sensibilisierung gezeigt hatten (Sekundärprävention)“, schreiben Gruchalla und Sampson.

Insgesamt verringerte sich die Prävalenz der Allergie mit dem Verzehr von Erdnüssen um 70% (bei den initial bereits sensibilisierten Kindern) bzw. um 86,1% (bei nicht-sensibilisierten Kindern).

Nicht jedes Kind sollte fortan mit Erdnussbutter gefüttert werden

 
Niemals sollten Kleinkinder wegen der Aspirationsgefahr ganze Erdnüsse erhalten. Prof. Dr. Kirsten Beyer
 

Das Autorenteam um Du Toit schreibt:„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der frühe und regelmäßige Verzehr von Erdnussprodukten durch Hoch-Risiko-Kinder mit einem wesentlich verminderten Risiko für die Entwicklung einer Erdnussallergie verbunden ist.“

Als Aufforderung, fortan alle Kleinkinder mit Erdnussbutter zu füttern, möchte Beyer die Untersuchung aber keinesfalls verstanden wissen. Selbst wenn sich die Ergebnisse in Folgestudien bestätigten, sollte eine Empfehlung zum Verzehr von Erdnussprodukten immer von einem allergologisch geschulten Pädiater ausgehen. „Das Risiko schwerer allergischer Reaktionen, ist anderenfalls zu hoch“, sagt sie. Auch die LEAP-Autoren hätten strenge Kriterien angelegt, um mögliche Risiken für die Kinder zu minimieren. Und: „Niemals sollten Kleinkinder wegen der Aspirationsgefahr ganze Erdnüsse erhalten“, warnt die Allergologin, immer nur Erdnussprodukte.

Außerdem muss sich noch zeigen, ob die Toleranz erhalten bleibt, wenn die Kinder über einen längeren Zeitraum keine Erdnüsse mehr zu sich nehmen. Diese Frage soll künftig die Nachfolgestudie LEAP-On (Persistence of Oral Tolerance to Peanut) beantworten.

 

REFERENZEN:

1. Du Toit G, et al: NEJM 2015;372:803-813

2. Gruchalla RS, Sampson HA: NEJM 2015;372:875-877

 

Kommentar

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