Die Masernimpfung „schmackhaft“ machen: Was Ärzte tun können und was Patienten oft noch nicht wissen

Petra Plaum

Interessenkonflikte

26. Februar 2015

Dass am 18. Februar ein Berliner Kleinkind an den Folgen seiner Maserninfektion gestorben ist, hat die öffentlichen Debatte um die Impfung von Kindern angeheizt [1]. Doch häufig sind es Erwachsene, die an Masern erkranken. In Berlin ist mehr als die Hälfte der Erkrankten im Alter zwischen 18 bis 43 Jahren [2].

Dr. Marie-Luise Vogel

Gerade unter den Erwachsenen, die niemals Masern hatten, ist der Impfschutz offenbar unzureichend. Viele haben nur eine Impfdosis erhalten. Diese bietet – je nach Impfalter – in 77 bis 92% aller Fälle einen zuverlässigen Schutz. Nach 2 Impfdosen liegt die Effektivität der Impfung bei durchschnittlich 94,1% (interquartile range 88,3 bis 98,3%).

„Wir empfehlen darum allen ab Jahrgang 1970, die nicht an Masern erkrankt waren und die nie oder nur einmal geimpft wurden, sich impfen zu lassen“, betont Dr. Marie-Luise Vogel, Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Neumarkt und im Bayerischen Hausärzteverband (BHÄV) Vorsitzende des Bezirks Oberpfalz.

„Die Krankheit hat sich verändert“, betont Vogel, „sie geht oft mit einer schweren Lungenentzündung einher und gelegentlich auch mit der postinfektiösen Enzephalitis. Letztere überlebt man nur mit Glück – und fast nie ohne Hirndefekte.“ Insgesamt stirbt in den Industrienationen rund einer von 1.000 bis 2.000 Masernpatienten.

 
Bei Gynäkologen kommt das Thema ‚sinnvolle Impfungen in dieser Lebensphase‘ auch oft zur Sprache. Dr. Marie-Luise Vogel
 

Hoch gefährdete Gruppen

Besonders komplikationsanfällig sind Erwachsene ab 20 Jahren, Säuglinge und Kleinkinder. Bei Kindern unter 5 Jahren ziehen die Masern häufiger als in allen andere Alterskohorten eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) nach sich. Etwa 2 bis 6 von 10.000 aller im Baby- oder Kleinkindalter an Masern Erkrankten entwickeln 6 bis 8 Jahre später eine SSPE – sie können nicht gerettet werden.

2 Todesfälle aus Nordrhein-Westfalen machten in den Jahren 2011 und 2013 Schlagzeilen. Das Mädchen und der Junge hatten sich im Säuglingsalter zeitgleich im Wartezimmer eines Kinderarztes angesteckt. Sie waren zu klein, um für eine Masernimpfung infrage zu kommen. Und der Nestschutz durch die Antikörper von der Mutter hält nach der Geburt zwar einige Monate an, aber auch nur, wenn die Mutter selbst entweder die Erkrankung durchlebt hat oder geimpft ist.

Infiziert sich eine Schwangere mit Masern, ist schon ihr Ungeborenes in Gefahr. Laut Vogel sollten alle Frauen mit Kinderwunsch über solche Fakten Bescheid wissen. „Bei Gynäkologen kommt das Thema ‚sinnvolle Impfungen in dieser Lebensphase‘ auch oft zur Sprache“, betont die Allgemeinmedizinerin.

Was Ärzte tun können, um zur Impfung zu motivieren

 
Ärzte und Kranken-versicherungen sind ganz wichtige Akteure. Wenn Patienten ihnen vertrauen, nehmen sie lImpfungen eher in Anspruch. Susanne Glasmacher
 

„Ärzte und Krankenversicherungen sind ganz wichtige Akteure“, gibt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts, zu bedenken. „Wenn Patienten ihnen vertrauen, nehmen sie Impfungen eher in Anspruch.“

Junge Eltern sind im Gespräch mit den Kinder- und Jugendärzten mehrheitlich offen für dieses Thema. Nicht ohne Grund erweisen sich bei Schuleingangsuntersuchungen inzwischen 92,4% aller Kinder bundesweit als gegen Masern, Mumps und Röteln immun – allerdings gibt es zwischen den Landkreisen große Schwankungen zwischen 60 und fast 100% [3].

Erwachsene ließen sich häufig überzeugen, wenn sie begreifen, dass bei ihnen die Masern viele Risiken bergen, so Vogels Erfahrung. Um Patienten für das Thema zu sensibilisieren, können Mediziner heute auf mehr Medien als je zuvor zurückgreifen, z.B. von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). „Die Zielgruppe zwischen 18 bis 43 Jahren ist dafür zu erreichen, wenn sie zu Reiseberatungen kommt. Bei mir sind Informationen über die wichtigsten Impfungen, zum Beispiel gegen Masern, dann automatisch Teil dieser Beratung.“

Ihren Kollegen legt sie zudem ans Herz, in Schulen zu gehen und ältere Schüler zu Masern-Experten zu machen. „Da sehen sie, dass das keinesfalls eine harmlose Fleckerlkrankheit ist. Sie sehen Bilder von schwer Erkrankten und möchten hinterher meistens von sich aus geimpft werden, gehen auf die Eltern zu.“

 
Wir halten es für sinnvoll und notwendig, Eltern beispielsweise in Kitas oder Schulen über die Gefahren fehlender Impfungen zu informieren und den Impfstatus zu kontrollieren. Vincent Jörres
 

Nicht zuletzt könnten auch die Krankenversicherungen etwas tun. Vogels Anregung: „Es gab bereits Aktionen, wo Impfungen zusätzliche Punkte im Bonusheft einbrachten. Das wurde von den Patienten gerne in Anspruch genommen und kann wiederholt werden.“

Auf die Macht der Information setzt auch der Deutsche Hausärzteverband e. V. in Berlin. „Wir halten es für sinnvoll und notwendig, Eltern beispielsweise in Kitas oder Schulen über die Gefahren fehlender Impfungen zu informieren und den Impfstatus zu kontrollieren“, betont Pressereferent Vincent Jörres. „So können falsche Befürchtungen und Ängste nachhaltig entkräftet werden.“

Impfquoten im Focus der Politik

Politisch steht die Erhöhung der Impfquoten schon länger auf der Agenda. Im Dezember letzten Jahres brachte das Bundeskabinett den Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention, kurz Präventionsgesetz genannt, auf den Weg.

„Ein wichtiger Baustein zur Verbesserung des Impfschutzes von Kleinkindern wird sicher der darin vorgesehene Nachweis einer ärztlichen Beratung in Bezug auf den Impfschutz des Kindes sein, welche Eltern, deren Kind erstmalig in eine Kindertageseinrichtung aufgenommen wird, künftig vorweisen sollen“, informiert Claudia Schuller, Pressesprecherin des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Weitere Vorgaben soll der Nationale Aktionsplan zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland liefern, an dem Robert Koch-Institut und LGL zurzeit arbeiten und zu dessen Umsetzung eine eigene Geschäftsstelle beim LGL eingerichtet wird. So soll z.B. der Anteil der Bürger, die einer Impfung grundsätzlich positiv gegenüberstehen, von zurzeit knapp unter 90% weiter gesteigert werden.

Bei Kindern im Alter von bis zu 15 Monaten wird eine Impfquote (die erste Dosis betreffend) von 95% angestrebt und noch 2015 soll sich das Masern-Ausbruchmanagement deutlich verbessern. Bis Ende 2018, so die Hoffnung, könnten dann die Masern hierzulande ausgerottet sein. Dies bedeutet: Die Maserninzidenz beträgt maximal einen Fall auf 1 Million Einwohner in den einzelnen Altersgruppen nach IfSG-Meldedaten. Bis zur Nationalen Impfkonferenz Ende Juni soll der Nationale Impfplan fertig sein. 

Derweil verbreiten sich deutschlandweit die Masern weiter: Nur Bremen, Rheinland-Pfalz und Saarland hatten bis Ende der 6. Kalenderwoche 2015 noch keine Fälle gemeldet. Von den insgesamt 526 Erkrankten seit Jahresbeginn fanden sich zu jenem Zeitpunkt u.a. 327 in Berlin, 47 in Bayern, 42 in Brandenburg, 27 in Niedersachsen und 23 in Nordrhein-Westfalen [4].

 

REFERENZEN:

1. Focus (online) „Obduktion bringt Gewissheit: Erster Masern-Toter in Berlin“, 24. Februar 2015

2. Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (online): Epi-Info Wochenbericht; 19. Februar 2015

3. Impfbrief.de 92/93 (online) 22. Januar 2015

4. Robert Koch-Institut (Hg.): Statistik Masernerkrankungen in Deutschland, Stand: 25. Februar 2015

 

Kommentar

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