Wenn die Seele beim Überleben hilft: Experten und Krebspatienten fordern mehr Zeit für Gespräche

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

24. Februar 2015

Berlin – Krebspatienten, die psychisch belastet sind, haben eine höhere Sterblichkeit als solche, die es nicht sind. Das zeigt eine aktuelle Studie von Caryn Chan und Kollegen [1]. Zwar beeinflusst die Psyche wohl nicht direkt den Verlauf der Krebserkrankung. „Aber eine psychische Komorbidität hat Einfluss auf die Compliance des Patienten", sagte Prof. Dr. Susanne Singer, Leiterin des Instituts für Biometrie, Epidemiologie und Versorgungsforschung an der Universitätsmedizin Mainz, bei einem psychoonkologischen Symposium in Berlin [2].

Was Krebspatienten brauchen und wie man sie besser an Behandlung und Forschung beteiligen kann, war Thema des Symposiums „Patientenbedürfnisse gestern – Patientenansprüche morgen. Prioritäten für die Versorgungsforschung in der Onkologie" des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (WINHO).

Psychisch belastete Patienten werden eher frühberentet

Jeder dritte Krebspatient entwickelt zusätzlich eine seelische Erkrankung [3]. Die Wahrscheinlichkeit einer Frühberentung steigt dadurch erheblich, wie Singer und ihre Kollegen in einer Studie nachgewiesen haben: 2,5 Jahre nach der Erkrankung waren von den psychisch komorbiden Patienten 50% in Frührente [4]. Von den übrigen Patienten waren es weniger als 5%. Drastisch sind auch die Folgen für die Compliance beziehungsweise die Non-Compliance: Bei den Patienten, die ihre Behandlung nicht unterstützen, fanden sich in einer anderen Studie mehr als dreimal so viele Depressive (Odds Ratio: 3,3).

 
Eine psychische Komorbidität hat Einfluss auf die Compliance des Patienten. Prof. Dr. Susanne Singer
 

Aus einer geringeren Compliance wiederum resultiert eine kürzere Überlebenszeit. Psychisch komorbide Krebspatienten haben ein vierfach so hohes Risiko, innerhalb von 2 Jahren zu sterben verglichen mit unbelasteten Krebspatienten (adjustierte Hazard Ratio: 4,1). „Das liegt zum Beispiel daran, dass komorbide Patienten ihre Medikamente nicht so regelmäßig nehmen", sagte Singer.

Risikofaktoren für eine seelische Erkrankung bei Krebs sind nachgewiesenermaßen eine schlechte Lebensqualität und eine psychische Vorbelastung. Als Schutzfaktoren konnte Singer in einer noch unveröffentlichten Untersuchung ein jüngeres Alter (unter 60 Jahren) und die Unterstützung durch den behandelnden Arzt identifizieren (OR: 0,7). Sie kritisiert, dass die Zeit für entsprechende Gespräche bei der Vergütung nicht berücksichtigt wird: „Hier brauchen wir eine verlässliche Finanzierung."

 
Wir prüfen als Patienten-organisation genau, ob eine Studie die Erwartungen von Patienten erfüllen wird. Jan Geissler
 

Patienten schon bei der Forschung beteiligen

Das geringe Zeitbudget thematisierte auch Jan Geissler, Direktor der European Patients' Academy on Therapeutic Innovation (EUPATI). Er war selbst mit 28 Jahren an Leukämie erkrankt.

Geissler forderte, Patienten schon bei der Forschung mehr zu beteiligen: „Wir prüfen als Patientenorganisation genau, ob eine Studie die Erwartungen von Patienten erfüllen wird. Dann ermutigen wir auch zur Teilnahme." Im gegenteiligen Fall aber rate man auch mal davon ab. So könne die Patientenorientierung einer Untersuchung letztlich über ihren Erfolg oder ihr Scheitern entscheiden.

Mehr Patientenfreundlichkeit beginnt schon bei der Einwilligungserklärung: „Diese muss nicht immer eine schlichte Auflistung von Absätzen sein", sagte Geissler. EUPATI hat eine Muster-Einwilligungserklärung erarbeitet, die verständlicher formuliert und optisch ansprechend gestaltet ist. Wichtig sei auch, dass die Endpunkte einer Studie auch für die Betroffenen relevant sind, sagte Geissler. „Umgekehrt können Patientenorganisationen die Forscher dabei unterstützen, Studienergebnisse in die Praxis umzusetzen."

Es gebe allerdings auch Patienten, die gar nicht alles selbst entscheiden möchten und die vom Arzt mehr Orientierung erwarten, erinnerte Dr. Jochen Heymanns, stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbandes der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO). Vor allem die Älteren und weniger Gebildeten fragten in der Sprechstunde durchaus: „Was soll ich tun? Sie sind der Arzt." Ein guter Onkologe müsse daher verschiedene Rollen einnehmen können, je nach Bedürfnis des Patienten.

Dies umfasse auch die Begleitung, wenn keine medizinische Behandlung mehr möglich ist. „Der Satz 'Ich kann nichts mehr für Sie tun' gehört sich dabei nicht", mahnte Heymann. Denn etwas kann der Arzt immer noch tun: „Trösten und Beistehen, wenn es schwierig wird."

 

REFERENZEN:

1. Chan CM: Psychooncology (online) 23. Oktober 2014

2. Symposium „Patientenbedürfnisse gestern – Patientenansprüche morgen. Prioritäten für die Versorgungsforschung in der Onkologie", 20. Februar 2015, Berlin

3. Mehnert A et al: J Clin Oncol. 2014; 32(31):3540-3546

4. Singer S: Cancer 2014; 120(14):2199-2206

 

Kommentar

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