Chronisches Erschöpfungs-Syndrom: Komischer Name, ernste Krankheit

Miriam E. Tucker

Interessenkonflikte

23. Februar 2015

In diesem Artikel

Physische Befunde und Biomarker

Bei ME/CFS-Patienten sind bei Tests vielzählige physische Auffälligkeiten erkannt worden. So reagieren sie mit deutlich stärkeren biologischen Signalen bei Untersuchungen, die die Reaktion auf physisches Training messen [10]. Die Werte der Patienten mit ME/CFS unterschieden sich deutlich von denen der Kontrollgruppe: die Effekte der Krankheit hatten die einfacher Dekonditionierung bei weitem überstiegen.

Jene Evidenzen zeigen unter anderem einen deutlich reduzierten Sauerstoffverbrauch, sowie reduzierte Belastbarkeit bei ME/CFS-Patienten nach Laufbandtests und eine veränderte Genexpression verglichen mit den Ergebnissen der Kontrollgruppe nach moderatem Training [11;12].

Als neuer Befund zeigte sich eine bilaterale Atropie der weißen Hirnsubstanz bei ME/CFS-Patienten im Vergleich mit Kontrollpersonen [13]. Außerdem dokumentieren mehrere Studien eine signifikant reduzierte natürliche zytotoxische Aktivität der T-Zellen und erhöhte Werte bei vielen proinflammatorischen Zytokinen [14].

Bei älteren ME/CFS-Patienten (66-99 Jahre) wird signifikant gehäuft ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert. Dieses wird wie ME/CFS mit dem Epstein-Barr-Virus in Verbindung gebracht [15]. In einer Studie des National Cancer Institute wurden Daten von Observations-, Epidemiologie-, Endpunktstudien  und Medicare-Registern von ungefähr 1.2 Millionen Krebsfällen und 100.000 Kontrollpersonen untersucht. Das Ergebnis war eine Standardabweichung von 1.29 und ein P-Wert von .0000017 [16].

In einer neuen Studie mit 165 Konsekutivpatienten mit ME/CFS, bei denen eine obere gastrointestinale Endoskopie und eine Antrumbiopsie vorgenommen wurden, testeten 135 (82%) positiv auf das virale Kapsidprotein 1 des Enterovirus, verglichen mit nur 7 von 34 (20%) bei der Kontrollgruppe (P< .001) [17].
Für die Heterogenität dieser Krankheit und ihrer Symptome spricht auch noch das Ergebnis einer weiteren Studie: 2% der ME/CFS-Fälle wiesen einen chromosomal integrierten humanen Herpesvirus-6 (HHV-6) auf, verglichen mit nur 0.2% bis 0.85% bei der allgemeinen Bevölkerung [18]. Das indiziert eine spezifische Ätiologie für einen kleinen Anteil der Patienten [19].

Auch Behandlungserfolge in randomisierten, Placebo-kontrollierten Blindstudien deuten auf eine biologische Ursache hin. So besserte sich die Symptomatik  bei Behandlung mit Valganciclovir in einer Studie von ME/CFS-Patienten mit erhöhten Antikörpertitern auf HHV-6 und den Epstein-Barr-Virus [20]. Auch bei einer Pilotstudie aus den USA (die nun mit einer größeren Patientengruppe wiederholt wird) reagierten  ME/CFS-Patienten auf Rituximab, einen monoklonalen Antikörper der  B-Zellen zerstört für die Behandlung von non-Hodgkin-Lymphomen und anderen B-Zellen vermittelten Krankheiten zugelassen ist [21].

Das immunmodulatorische aus zweisträngiger RNA bestehende Prüfpräparat Rintatolimod (Ampligen®; Hemispherx Biopharma, Inc.) führte zu einer objektiven Verbesserung der Trainingstoleranz und anderen Endpunkten in einer Phase-3-Langzeitstudie. Die Studie war eine randomisiere Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie von 234 Testpersonen mit langanhaltendem körperlich einschränkendem ME/CFS [22].
Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat für Rintatolimod einen Antrag als Behandlung für ME/CFS im Februar 2013 aufgrund von insuffizienter Wirksamkeit und fehlender Daten zur Sicherheit des Mittels zurückgewiesen. Hemispherx will jedoch weiterhin in einer offenen Studie mit ME/CFS-Patienten mit geringer natürlicher zytotoxischer T-Zellenaktivität forschen, erklärte ein Firmensprecher gegenüber Medscape. (Die Firma untersucht die Wirksamkeit des Mittels als Ebola-Medikament und als adjuvante intranasale Influenzaimpfung.[23])

Dr. Montoyas Team an der Stanford Universität hat mehrere proinflammatorische Zytokine identifiziert, die in den Proben von 200 ME/CFS-Patienten signifikant erhöht waren –  verglichen mit 400  Kontrollpersonen – und die mit der jeweiligen Schwere der Krankheit korrelieren. „Ein Dosis-Wirkungs-Effekt ist sehr aussagekräftig in der Biologie. Es ist ein Indikator dafür, dass das, was man sieht, real ist“, sagte er zu Medscape. Montoya glaubt, dass es bei ME/CFS eine „genetische Prädisposition für eine überschießende Entzündungsantwort auf ein infektiöses Agens gibt, die statt dem Patienten zu helfen,  eine gewaltige inflammatorische Kettenreaktion auslöst.“ Das zeige, dass antiinflammatorische Medikation als mögliche Behandlung in Frage käme, so Montoya.

Bei einem Meeting in Stanford in diesem Jahr hatte Dr. Komaroff darauf hingewiesen, dass viele der infektiösen Agens, die mit ME/CFS in Verbindung gebracht wurden, wie das Epstein-Barr-Virus [24], HHV-6 [25], Coxiella burnetii [26], das Ross-River-Virus aus Australien [27] und verschiedenen anderen Enteroviren [28], auch bei gesunden Menschen nicht vollständig vom Immunsystem beseitigt werden können und/oder in der Lage sind, das zentrale Nervensystem anzugreifen [29]. Das könne bedeuten, so Dr. Komaroff, dass manche ME/CFS-Patienten eine chronische, leichtere Enzephalitis hätten.

Kommentar

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