Prämien, Praxisräume oder Pendeln? Einfallsreiche KVen locken Ärzte in die Provinz

Christan Beneker

Interessenkonflikte

20. Februar 2015

Mit satten Prämien wollen Kommunen und Kassenärztliche Vereinigungen vor allem Hausärzte aufs Land locken. Die KV Niedersachsen und das Land Niedersachsen loben 50.000 Euro für niederlassungswillige Ärzte aus, ebenso die KV Brandenburg (KVBB) oder KV Nordrhein (KVNO).

Prof. Dr. Volker Amelung

Inzwischen ist ein regelrechter Markt mit einer eigenen Dynamik entstanden, auf dem Kommunen und KVen einander mit Einstiegsprämien für Mediziner überbieten. Viele vor allem ländliche Kommunen tun fast alles, um etwa einen Augenarzt oder einen Hausarzt in ihren Gemeinden zu etablieren.

Allerdings: Ob die konstant steigenden Prämien tatsächlich irgendetwas gegen den Ärztemangel ausrichten, weiß man nicht. Vielleicht schaden die Prämien mehr als sie nützen. Prof. Dr. Volker Amelung, Versorgungsforscher an Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), sagt: „Man sollte keine auslaufenden Strukturen mit kurzfristigen Lösungen am Leben halten."

Wettbewerb mit dem Portemonnaie

Stefan Hofmann, Chef der KV Bezirksstelle im Niedersächsischen Braunschweig der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachen (KVN), stellt sogar fest: „Der Ärztemangel hat die Städte erreicht." Die Rede ist von der benachbarten Autostadt Wolfsburg, mit rund 120.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Niedersachsens.

Mit viel Geld lockt man hier derzeit den medizinischen Nachwuchs: 50.000 Euro erhält, wer sich in der Stadt als Arzt neu niederlässt. Vorher waren es 20.000 Euro. „Die Förderrichtlinie wurde angepasst, um auch Medizinische Versorgungszentren, Gemeinschaftspraxen und so weiter fördern zu können“, erklärt eine Sprecherin der Stadt Wolfsburg gegenüber Medscape Deutschland.

 
Wenn Sie sich derzeit als Augenarzt in Finsterwalde niederlassen wollten, dann würde Ihnen die Gemeinde wohl gerne ein Wohnhaus und eine Praxis Ihrer Wahl zur Verfügung stellen. Christian Wehry
 

Ebenso lobt das Land Niedersachsen Geld aus für Ärzte, die sich in Regionen niederlassen, die von Unterversorgung bedroht sind. Zusammen mit den Krankenkassen des Landes und das Gesundheitsministerium hat sie 2014 den so genannten „Niedersachsenfonds" mit einer Million Euro gefüllt. Aus diesem Topf werden die Förderungen gespeist.

Die KV Brandenburg listet auf ihrer Homepage 32 Städte und Gemeinden mit drohender Unterversorgung an Haus- oder Fachärzten auf. In der Region Prignitz oder Pritzwalk-Wittstock ist die Unterversorgung an Haut- beziehungsweise Kinderärzten bereits Fakt. „Bisher haben wir 34 Praxen mit je 50.000 Euro gefördert", sagt Christian Wehry, Sprecher der KV Brandenburg zu Medscape Deutschland.

 
Es wäre grundfalsch, wenn die Kommunen und KVen das sich anbahnende Problem des Ärztemangels ignorieren würden. Prof. Dr. Volker Amelung
 

Eigenheim für den Doktor

Zwar zahlen die Kommunen in Brandenburg nicht regelhaft für Niederlassungen. „Aber wir stehen in Kontakt mit den Bürgermeistern", so Wehry. „Wenn Sie sich derzeit als Augenarzt in Finsterwalde niederlassen wollten, dann würde Ihnen die Gemeinde wohl gerne ein Wohnhaus und eine Praxis Ihrer Wahl zur Verfügung stellen."

Auch im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen bietet die zuständige KV bis zu 50.000 Euro für Einrichtung, Umzug und unter Umständen zusätzliche Umsatzgarantien für Ärzte, die sich etwa in Bödefeld im Hochsauerlandkreis (rund 1.100 Einwohner) niederlassen wollen. Die KVNO hat bereits ein eigenes Förderverzeichnis mit Kommunen und Gemeinden mit besonderem Bedarf erstellt.

Weit mehr zahlt Bayern. Die KVB und das Land überweisen bis zu 110.000 Euro an niederlassungswillige Ärzte in unterversorgten Gebieten. Das bestätigt Birgit Grain, Sprecherin der KV Bayern. Das Gesundheitsministerium in Bayern zahlt sogar an Ärzte, auch wenn sie sich in nicht unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Gebieten ab 20.000 Einwohner abwärts niederlassen, so Grain.

 
Das Modell der Einzelpraxis und der Niederlassung an einem Ort als Lebensentscheidung für einen Arzt ist ein aussterbendes Modell. Prof. Dr. Volker Amelung
 

Der Markt treibt die Preise: „Die Förderung ist angelehnt an Leistungen in anderen Regionen und befindet sich im üblichen Rahmen“, begründet die Sprecherin der Stadt Wolfsburg die gestiegenen Prämien in ihrer Stadt. Durch die ebenfalls steigenden Prämien in anderen Kommunen sei „eine Konkurrenzsituation entstanden, die den Standort Wolfsburg benachteiligen könnte“, hieß es.

„Ein aussterbendes Modell"

Kritisch sieht Versorgungsforscher Amelung das Prämiensystem für die Ärzte. „Natürlich wäre es grundfalsch, wenn die Kommunen und KVen das sich anbahnende Problem des Ärztemangels ignorieren würden", erklärt Amelung gegenüber Medscape Deutschland. Aber das Problem lasse sich nicht einfach mit Geld lösen. „Denn das Modell der Einzelpraxis und der Niederlassung an einem Ort als Lebensentscheidung für einen Arzt ist ein aussterbendes Modell."

Amelung plädiert deshalb für ein Bündel von Maßnahmen. „Warum können nicht die KVen mehr eigene Praxen eröffnen? Oder sogar die Kommunen?", schlägt Amelung vor. „Dann könnten junge Ärzte auch mal sagen: ‚Okay, ich gehe für drei Jahre an die Ostfriesische Nordseeküste‘ – oder nach Finsterwalde.“ Auch die Krankenhäuser müssten stärker einbezogen werden. „So könnten Klinikärzte möglicherweise an zwei Tagen in der Woche eine Facharztpraxis in der Provinz bedienen", sagt Amelung. „Es darf da keine Tabus geben."

Wenn Ärzte zu Pendlern werden

Bis zu solchen Ansätzen dürfte es noch eine Menge Diskussionen geben. Unterdessen greifen viele junge Mediziner zu pragmatischen Lösungen. Mancher Arzt wohnt lieber in einer der nächsten großen Städte, auch wenn er seine Praxis in Provinz hat.

 
So könnten Klinikärzte möglicherweise an zwei Tagen in der Woche eine Facharztpraxis in der Provinz bedienen. Prof. Dr. Volker Amelung
 

So pendeln sogar Ärzte von Berlin nach Wolfsburg. Mit der Bahn dauert es eine gute Stunde, nach Hannover sind es nur rund 30 Minuten, nach Braunschweig 15 Minuten. Auch ins Brandenburgische fahren jeden Tag von Berlin aus eine Handvoll Ärzte. Von Nürnberg aus pendelt eine Ärztin in die fränkische Provinz in ihre Filialpraxis nach Ansbach, eine andere von der Münchner Innenstadt in die nahen ländlichen Vororte, wie Birgit Gran berichtet.

Dass Ärzte immer weniger Neigung verspüren, sich in Städten selbst wie Wolfsburg niederzulassen, sei „Teil eines Europäischen Trends – dem Sog in die großen Städte“, sagt Hofmann von der KV Nordrhein. „Selbst beim größten Arbeitgeber in Wolfsburg, dem Autobauer VW, ist die Einpendlerquote inzwischen zweistellig.“ Will sagen: Wer es sich leisten kann, geht. Tendenz steigend.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....