Welche Rolle spielt das Mikrobiom des Darms für die Entwicklung einer Rheumatoiden Arthritis?

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

12. Februar 2015

Wer Gastroenteritiden, Durchfallerkrankungen oder Urogenitalinfekte durchmacht, erkrankt in den kommenden 2 Jahren signifikant seltener an einer Rheumatoiden Arthritis. Die Ergebnisse einer aktuellen populationsbasierten Fall-Kontroll-Studie aus Schweden untermauern die seit einiger Zeit postulierte Hypothese, dass Änderungen im Mikrobiom des Darms bei der Pathogenese der Rheumatoiden Arthritis (RA) eine Rolle spielen könnten [1]. Aus ihren Ergebnissen folgern Dr. Maria E. C. Sandberg vom Stockholmer Karolinska Institut und ihre Kollegen in den Annals of the Rheumatic Diseases, dass bestimmte Infektionen die Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm und damit die Anfälligkeit für die entzündliche Gelenkerkrankung verändern.

PD Dr. Thomas Häupl

„Es ist gut, dass mit der Studie erneut die Aufmerksamkeit auf das Mikrobiom gelenkt wird“, sagt PD Dr. Thomas Häupl, Arbeitsgruppenleiter an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie an der Berliner Charité, im Gespräch mit Medscape Deutschland. Er selbst zweifelt den bedeutenden Einfluss des Mikrobioms auf die Entstehung der Gelenkerkrankung nicht mehr an, allerdings müsse die Forschung in dem Bereich weiter vorangetrieben werden. Die Ergebnisse von Sandberg und ihren Mitarbeitern möchte er gleichsam nicht überinterpretieren, dafür weise die Studie zu viele Einschränkungen auf.

Reporting bias und Kritik an der Patientenpopulation

Die schwedischen Wissenschaftler hatten für ihre Untersuchung auf Informationen von insgesamt 6.401 Personen zurückgegriffen. Gesammelt wurden die Daten zwischen 1996 und 2009 im Rahmen der schwedischen „Epidemiological Investigation of Rheumatoid Arthritis“(EIRA)-Studie. Ziel der EIRA-Studie ist es, soziale und umweltbedingte Einflüsse auszumachen, die zum Risiko einer RA beitragen. Sandberg und ihr Team interessierten nun speziell die Auswirkungen verschiedener Infektionen auf die Entwicklung einer RA.

2.831 Patienten, bei denen im Studienzeitraum die chronische Arthritis auftrat, wurden in die Studie aufgenommen. Weitere 3.570 Personen dienten als passende Kontrollen (gematcht nach Alter bei der Diagnose, Kalenderjahr, Geschlecht und Wohnort). Alle Studienteilnehmer (Durchschnittsalter 52 Jahre; 72% Frauen) mussten angeben, ob sie in den vergangenen 2 Jahren unter einer Mageninfektion mit Durchfall, einem Harnwegsinfekt oder einer Genitalinfektion gelitten hatten. Außerdem wurden sie nach Entzündungen der Prostata, einer antibiotisch behandelten Sinusitis, einer Tonsillitis, Pharyngitis oder einer Lungenentzündung in demselben Zeitraum befragt.

Häupl hält in dem Zusammenhang ein reporting bias für möglich: „Wer kann sich schon an alle Infektionen der vergangenen zwei Jahre erinnern?“ Bei den Rheumapatienten könnte überdies die Beschäftigung mit der chronischen Krankheit Erinnerungen an leichtere Infekte überlagert haben.

 
Es ist gut, dass mit der Studie erneut die Aufmerksamkeit auf das Mikrobiom gelenkt wird. PD Dr. Thomas Häupl
 

Kritisch sieht er aber vor allem die von Sandberg und ihren Kollegen untersuchte Patientenpopulation. „Eigentlich wurden in der retrospektiven Studie zwei unterschiedliche Populationen betrachtet – gesunde Menschen und Personen mit einem Risiko für Rheumatoide Arthritis.“

Aussagekräftiger wäre seiner Ansicht nach eine prospektive Studie, bei der man sich von vornherein auf eine vorselektierte Patientengruppe mit einem vergleichbaren Erkrankungsrisiko (z.B. über den Nachweis von Rheumamarkern wie Rheumafaktor, Autoantikörper gegen citrullinierte Peptide oder den genetischen Marker „Shared Epitop“) konzentrieren würde. Ein möglicher Einfluss von Infektionen auf die Krankheitsausbildung – die auch bei Risikopatienten sehr unterschiedlich abliefe – sei auf die Art viel deutlicher herauszufiltern.

Nach Darminfekten änderte sich das RA-Risiko – nach Lungenentzündungen nicht

Doch auch so konnten die schwedischen Forscher bestimmte Zusammenhänge dokumentieren. So ergab die Auswertung der Teilnehmerangaben, dass zwar nicht alle, aber doch bestimmte Infektionen mit einem signifikant verminderten RA-Risiko verbunden waren: Bei Teilnehmern, die eine Gastroenteritis durchgemacht hatten, verzeichneten die Wissenschaftler etwa ein um 29% verringertes RA-Risiko, bei Teilnehmern mit zurückliegenden Harnwegs- bzw. Genitalinfekten ein um 22% bzw. 20% verringertes Risiko. Waren Studienteilnehmer in den beiden Vorjahren an allen 3 Infektionen erkrankt, war das Risiko für die chronische Gelenkerkrankung sogar um 50% vermindert.

Im Gegensatz dazu zeigte sich bei Nasennebenhöhlen-, Mandel- und Lungenentzündungen kein Zusammenhang zum RA-Risiko.

 
Wir wissen noch viel zu wenig über das Mikrobiom und werden uns noch auf viele überraschende Ergebnisse einstellen müssen. PD Dr. Thomas Häupl
 

Nach Ansicht des schwedischen Autorenteams bestätigten die Resultate, worauf bereits mehrere vorangegangene Studien hingedeutet haben, nämlich dass das Mikrobiom im Darm eine entscheidende Rolle bei der Entstehung rheumatischer Erkrankungen spielen könnte. Ihre Erklärung: Infolge der Darm-, Harnwegs- und Genitalinfektionen hat sich die Zusammensetzung der Bakterien im Darm und damit – auf noch ungeklärte Weise – die Anfälligkeit für die entzündliche Gelenkerkrankung verändert.

Triggern bestimmte Erreger oder Toxine die Gelenkerkrankung?

Häupl stimmt der Argumentation der Autoren grundsätzlich zu. Er betont allerdings, dass vermutlich nicht pauschal alle Infektionen die Entstehung der chronischen Erkrankung beeinflussen. Stattdessen fungierten möglicherweise – wie bei der reaktiven Arthritis – ganz bestimmte Bakterien bzw. deren Toxine als (chronischer) Krankheitstrigger.

Für diese These spricht auch, dass den Darm- und Urogenitalinfektionen zumeist ein Befall mit gramnegativen Erregern zugrunde liege, wie es in der Publikation heißt. Außerdem hat sich gezeigt, dass die gegen solche Keime verwendeten Antibiotika – z.B. Sulfasalazine und Tetrazykline – auch bei RA Wirkung gezeigt hätten.

Trotzdem – ein naheliegender Gedanke wäre gewesen, dass Magen-Darm-Infekte das RA-Risiko durch ein gestörtes Mikrobiom eher erhöhten als verminderten. Warum nun das Gegenteil der Fall zu sein scheint, ließe sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nicht sicher klären, meint Häupl.

Womöglich ist die Erklärung komplizierter. So könnte, spekuliert Häupl, der Einsatz von bestimmten Antibiotika nach sich ziehen, dass vor allem Keime getroffen werden, die sonst eine Arthritis hervorrufen könnten. Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass die infolge der Darm- oder Harnwegsinfektion getriggerten und verstärkten Entzündungsreaktionen dafür sorgen, dass sich Risikokeime nicht so einfach in Nischen festsetzen könnten. Das alles sind jedoch reine Hypothesen, wie der Rheumatologe einräumt: „Wir wissen noch viel zu wenig über das Mikrobiom und werden uns noch auf viele überraschende Ergebnisse einstellen müssen.“

 

REFERENZEN:

1. Sandberg ME, et al: Ann Rheum Dis. (online) 5. Februar 2015

 

Kommentar

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