Keine Angst vor Zweittumoren: Nach Strahlentherapie nicht häufiger als nach Operation

Petra Plaum

Interessenkonflikte

4. Februar 2015

Eine Angst können Ärzte, die Menschen mit Rektum- oder Endometriumkarzinom behandeln, ihren Patienten künftig nehmen: dass die Strahlentherapie ihr Risiko für ein sekundäres Malignom erhöht. Eine gerade publizierte niederländische Studie fand keinen Zusammenhang zwischen der Bestrahlung und einem später erneut auftretenden Krebs.

Prof. Dr. Jürgen Dunst

„In dieser gepoolten Kohorte von mehr als 2.500 Patienten mit Krebs im Beckenbereich hatten diejenigen, die sich der EBRT (External Beam Radiation Therapy) oder VBT (vaginaler Brachytherapie) unterzogen, keine höhere Wahrscheinlichkeit, ein Zweitmalignom zu entwickeln, verglichen mit jenen, die nur chirurgisch behandelt wurden“, schlussfolgert das Team um Lisette M. Wiltink vom Leiden University Medical Center in den Niederlanden [1].

Die Ergebnisse sind laut Prof. Dr. Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie Kiel/Lübeck am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, eins zu eins auf Deutschland übertragbar. „Das ist eine sehr wertvolle Studie, weil wir zu der Frage der Sekundärmalignome bisher wenig Aussagen hatten“, sagt er. „Zum ersten Mal haben wir wirklich gute Zahlen, mit denen wir zeigen können, dass die Strahlentherapie das Risiko für weitere Tumoren nicht erhöht.“

Auch Prof. Dr. Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der Universitätsmedizin Mannheim und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), lobt die neue Studie. „Sie ist sehr gründlich gemacht, mit einer großen Patientenzahl und einer langen Nachbeobachtungsphase von mehr als zehn Jahren“, betont er. „Ärzte können Patienten nun sagen: Ja, Sie haben ein erhöhtes Risiko für Zweittumore, aber mit der Strahlentherapie hat das nichts zu tun. Und dann: Nehmen Sie die Nachsorge ernst!“

Waren früher Kobalt-Bestrahlungsgeräte schuld an den Zweittumoren?

Immer wieder gab Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen Strahlentherapie und Sekundärmalignomen hinwiesen – allerdings meistens mit anderen Krebsarten oder anderen Patientenkollektiven, z. B. Heranwachsenden. Eine Registerstudie aus den USA mit fast 650.000 erwachsenen Krebspatienten legte zudem im Jahre 2011 nahe, dass 8% aller Zweitmalignome mit der vorherigen Strahlentherapie zusammenhängen könnten. Diese Studie bezog allerdings Patienten mit ein, die ab den 70er-Jahren erstmals die Diagnose Krebs und eine Bestrahlung erhalten hatten.

Prof. Dr. Frederik Wenz

Dazu erklärt Dunst: „Die Bestrahlung erhöhte in den 70er- und 80er-Jahren das Risiko, ein Zweitmalignom zu bekommen, denn damals kamen Kobaltgeräte zum Einsatz und Kobalt hat einen sehr hohen Streustrahlenanteil.“ Die seinerzeit so behandelten Patienten könne man mit denen der letzten Jahre nicht vergleichen.

Studiendesign auf Niederländisch: Aus drei mach eins

Die Wissenschaftler aus den Niederlanden griffen auf 3 prospektive Multicenter-Studien zurück, an denen einige von ihnen beteiligt gewesen waren:
- Studie 1 bezog 1.861 Patienten mit Rektumkarzinom nach totaler mesorektaler Exzision (TME) allein und nach TME plus präoperativer EBRT mit ein.
- Studie 2, PORTEC (Post Operative Radiation Therapy in Endometrial Carcinoma), nahm 715 Patientinnen auf, die nach der Hysterektomie plus bilateraler Salpingo-Oophorektomie entweder mit oder ohne EBRT behandelt wurden.
- An Studie 3, PORTEC-2, nahmen 427 Patientinnen teil. Zur Behandlung ihres Endometriumkarzinoms wurden sie ebenfalls erst operiert, dann erhielten alle eine Bestrahlung – entweder eine EBRT oder eine vaginale Brachytherapie.

 
Zum ersten Mal haben wir wirklich gute Zahlen, mit denen wir zeigen können, dass die Strahlentherapie das Risiko für weitere Tumoren nicht erhöht. Prof. Dr. Jürgen Dunst
 

Um das Risiko für Zweittumore zu ermitteln, poolten die Autoren diese Studien und recherchierten über das Studienende hinaus, wie viele der Teilnehmer der 3 Studien über einen längeren Zeitraum hinweg erneut an Krebs erkrankten. Sie konnten Informationen über 2.554 Patienten und für einen Zeitraum von im Durchschnitt 13 Jahren (1,8 bis 21,2 Jahre) sammeln.

Risiko stark erhöht – aber nicht durch die Bestrahlung

Bei 549 (21,5%) aller Patienten, deren Daten in diese Studie eingingen, war mindestens ein Zweitmalignom diagnostiziert worden. In der TME-Kohorte bei 21,7%, in PORTEC bei 27,5% und in PORTEC-2 bei 11%. Allgemein dominierten Basalzellkarzinome der Haut (n = 268), gefolgt von Brustkrebs (n = 75), Lungenkrebs (n = 55) und Dickdarmkrebs (n = 52). 

Weder in der gepoolten Kohorte aus den 3 Studien noch in den einzelnen Studien gab es signifikante Unterschiede, was die Wahrscheinlichkeit einer neuen Krebserkrankung binnen 10 Jahren anging.

 
Noch immer kommt es vor, dass Patienten, bei denen eine Indikation für eine Strahlentherapie besteht, von ihrem Arzt nicht dorthin geschickt werden – aus Angst vor Sekundärtumoren. Prof. Dr. Frederik Wenz
 

Doch zeigt die neue niederländische Studie auch, dass Patienten mit Endometriumkarzinom oder Rektumkarzinom ein hohes Risiko haben, erneut Krebs zu bekommen. Es ist etwa dreimal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Unter den „Jüngeren“ (Erstdiagnose im Alter von maximal 60 Jahren) war das Risiko sogar 5,5-fach erhöht. Warum dies so ist, ist noch unklar. Wenz wünscht sich nun weitere Studien, um zu klären, inwiefern die Bestrahlung die Langzeitlebensqualität der Patienten beeinflusst.

Sowohl Wenz als auch Dunst hoffen, dass die Ergebnisse der niederländischen Studie von Hausärzten und Onkologen zur Kenntnis genommen und an die Patienten weitervermittelt werden. Wenz betont: „Noch immer kommt es vor, dass Patienten, bei denen eine Indikation für eine Strahlentherapie besteht, von ihrem Arzt nicht dorthin geschickt werden – aus Angst vor Sekundärtumoren.“ Besser sei es, Patienten aufzuklären, dass sie auch ohne Bestrahlung ein erhöhtes Risiko für Sekundärmalignome haben – und daher die strukturierte Nachsorge, wie sie zertifizierte Tumorzentren bieten, lebenslang wichtig bleibe.

 

REFERENZEN:

1. Wiltink LM, et al: J Clin Oncol (online) 22. Dezember 2014

 

Kommentar

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