ASS zur Primärprävention – bei welcher Patientengruppe ist es sinnvoll?

Linda Brookes

Interessenkonflikte

2. Februar 2015

Wenn US-amerikanische Ärzte Patienten mit Acetylsalicylsäure (ASS) vor Herz-Kreislauferkrankungen schützen wollen, verordnen sie es oftmals auch den Falschen. Das ergab jetzt eine im Januar 2015 im Journal of the American College of Cardiology veröffentlichte Studie [1].

Das Forscherteam um Dr. Ravi S. Hira von der Kardiologieabteilung der medizinischen Fakultät des Baylor College of Medicine in Houston,Texas, hat herausgefunden, dass 11,6% der Patienten (7.972 von 68.808) der Studiengesamtkohorte ASS als Primärprävention erhielten, obwohl keine Indikation bestand.

Mehr als einer von 10 Patienten erhält demnach ASS zur Primärprävention von Herz-Kreislauferkrankungen, obwohl in seinem Fall die Risiken den Nutzen klar überwiegen. Nach den US-amerikanischen Leitlinien für die Primärprävention mit ASS ist die Verordnung nur bei Patienten mit einem Ereignisrisiko von mehr als 6% in den nächsten 10 Jahren von Vorteil, bei einem 10-Jahresrisiko von weniger als 6% überwiegen die Risiken.

Korrekte Verordnung von Arzt zu Arzt verschieden

Studienkohorte waren 68.808 Patienten aus 119 US-amerikanischen Praxen, denen ASS zur Primärprävention verordnet worden war. Deren Daten wurden daraufhin analysiert, inwieweit eine Indikation für die ASS-Verordnung vorlag. Als nicht indiziert werteten die Autoren die ASS-Verordnung, wenn – entsprechend der Leitlinien – der betreffende Patient ein Risiko von weniger als 6% hatte, in den kommenden 10 Jahren ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden.

Wie häufig ASS verordnet wurde, obwohl es eigentlich nicht indiziert war, schwankte von einem Arzt zum anderen extrem: zwischen 0 bis 71,8%. Die Gesamtanzahl der Patienten, denen ohne Indikation ASS zur Primärprävention verordnet worden war, lag bei 11,6%.

Frauen war prozentual gesehen öfters ASS ohne Indikation verordnet worden als Männern. Im Vergleich haben 16,6% der Frauen und nur 5,3% der Männer nicht indiziertes ASS erhalten.

Die Autoren betonen, dass auch die Aufklärung der Patienten durch den behandelnden Arzt überaus wichtig ist – gerade weil ASS frei verkäuflich ist, müsse der Patient über Risiken und Nutzen genau informiert sein.

Primärpravention mit ASS seit mehr als 25 Jahren in der Diskussion

Ob ASS zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verordnet werden soll, wird nach wie vor heftig diskutiert. Auch 25 Jahre nachdem in der Physicians' Health Study 325 mg ASS jeden 2. Tag bei augenscheinlich gesunden Männern deren Infarktrisiko reduzierte, liefert dieses Ergebnis noch reichlich Diskussionsstoff.

Wenn es um die Sekundärprävention mit ASS geht, gibt es diese Diskussion nicht. Sie wird von Fachgesellschaften allseits befürwortet. Dagegen hat die US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) schon 3 Anträge zum Einsatz von ASS zur Primärprävention abgewiesen. Dies obwohl es zahlreiche Daten aus diversen Studien gibt, die beweisen, dass ASS das Risiko eines Erstinfarkts reduziert.

In einer Stellungnahme zum 3. Antrag betonte die FDA im Mai 2014, dass die vorliegenden Daten diese Indikation nicht ausreichend untermauerten. Jedoch räumte die Behörde ein, Resultate zusätzlicher, noch andauernder klinischer Studien könnten „etwaige neue Erkenntnisse enthalten, die als Grundlage für eine Veränderung der derzeitigen Anwendungsbereiche für Aspirin dienen“. 

Die Position der FDA rührt vor allem daher, dass quasi alle Teilnehmer in den Studien ein sehr geringes kardiovaskuläres Risiko hatten. Verlässliche Ergebnisse zur Primärprävention bei Menschen mit moderatem oder hohem Risiko sind kaum vorhanden. Solche Daten werden allerdings in den noch laufenden randomisierten Studien wiederAspirin to Reduce Risk of Initial Vascular Events (ARRIVE)“ derzeit erhoben.

Einige randomisierte Studien implizieren, dass ASS einen ähnlichen Schutz vor einem Herzinfarkt bietet wie Statine. Zusätzlich sind in der Sekundärprävention die Benefits von ASS und Statinen zumindest additiv.

Kommentar

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