EPIC-Studie: Bewegungsmuffel sterben früher – schon 20 Minuten Sport täglich helfen

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

22. Januar 2015

Sport kann die Lebenserwartung entscheidend verlängern. Denn wer sich auch nur moderat bewegt – etwa 20 Minuten pro Tag läuft oder schnell geht – kann sein Risiko für einen vorzeitigen Tod um 20 bis 30% senken. So lautet das Ergebnis einer europaweiten prospektiven Kohortenstudie [1].

 
Der Einfluss von körperlicher Bewegung auf die Mortalität scheint größer als der eines hohen BMI. Prof. Dr. Ulf Ekelund und Kollegen
 

„Das ist eine einfache Botschaft: Bei inaktiven Menschen kann ein bisschen Bewegung jeden Tag beträchtliche Auswirkungen auf den Gesundheitszustand haben“, so der leitende Autor der Studie, Prof. Dr. Ulf Ekelund von der University of Cambridge.

Die Forschergruppe der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC) Studie hat hochgerechnet, dass Bewegungsmangel theoretisch doppelt so viele Todesfälle verursacht wie Übergewicht. Von den europaweit 9,2 Millionen Todesfällen im Jahr 2008 wurden schätzungsweise 337.000 durch Übergewicht (BMI > 30), dagegen aber 676.000 durch Bewegungsmangel verursacht. „Der Einfluss von körperlicher Bewegung auf die Mortalität scheint größer als der eines hohen BMI“, bemerken die Autoren zu ihren Hochrechnungen.

Prof. Dr. Ingo Froböse

Die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome

„Das klingt für mich nicht überraschend“, sagt Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln gegenüber Medscape Deutschland. „Übergewicht ist wie viele Erkrankungen eine Folge des Nicht-Bewegens.“ Die Folgesymptome würden behandelt, die Ursache dagegen oft nicht, moniert der Professor für Sportwissenschaft.

Erst vor wenigen Tagen warnte die WHO in einem Bericht vor vorzeitigem Tod durch ungesunde Lebensweise, wie Medscape Deutschland berichtete. So sterben jährlich rund 3,2 Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Bewegungsmangel. Etwa 84% der Kinder bewegen sich laut WHO-Bericht zu wenig [2].

In der im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlichten EPIC-Studie wurden 334.161 europäische Frauen und Männer (25-70 Jahre alt) in 23 Zentren in 10 Ländern, unter anderem in Deutschland, über einen durchschnittlichen Zeitraum von 12,4 Jahren beobachtet. Untersucht hat das internationale Forscherteam den Zusammenhangs von körperlicher Aktivität, Body Mass Index (BMI) und Bauchumfang mit dem Mortalitätsrisiko. Alle Teilnehmer wurden in 4 Kategorien körperlicher Aktivität unterteilt; aktiv (Energieverbrauch: 51 kJ/kg/Tag), mäßig aktiv (46 kJ/kg/Tag), mäßig inaktiv (41 kJ/kg/Tag) und inaktiv (36 kJ/kg/Tag).

 
Es wird immer schlimmer – die Menschen bewegen sich immer weniger. Prof. Dr. Ingo Froböse
 

Dabei zeigte sich ein umgekehrter Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Gesamtmortalität, unabhängig von BMI und Bauchumfang. Das heißt: Je aktiver die Teilnehmer waren, desto weniger wahrscheinlich war ihr frühzeitiger Tod.

Das wichtigste Ergebnis, auch hinsichtlich einer Präventionsstrategie: Auch schon wenig Bewegung senkt signifikant das Sterberisiko. „Wesentliche gesundheitliche Auswirkungen können durch geringe Steigerungen der körperlichen Aktivität erreicht werden“, so das Fazit der Autoren. Genügen würde schon ein täglicher 20-minütiger zügiger Spaziergang; das heißt: weniger als die aktuelle Bewegungsempfehlung der WHO, nach der man sich 5-mal pro Woche 30 Minuten lang bewegen sollte [3]. Für Kinder wird sogar 6-mal pro Woche rund eine Stunde Bewegung empfohlen.

Für Kinder und Jugendliche fehlen Vorbilder in der Familie

 
Wer sich heute keine Zeit für Bewegung nimmt, muss sich morgen viel Zeit für seine Krankheiten nehmen. Prof. Dr. Ingo Froböse
 

Auch die alle 2 Jahre von der Deutschen Krankenversicherung (DKV) veröffentlichte Studie „Wie gesund lebt Deutschland“, die Froböse am 26. Januar in Berlin präsentieren wird, kann keine positive Bilanz ziehen: Lediglich 11% der Studienteilnehmer leben demnach in allen Bereichen gesund und 85% sind nicht ausreichend aktiv „Es wird immer schlimmer – die Menschen bewegen sich immer weniger“, mahnt Froböse.

Noch vor 100 Jahren hätten sich die Menschen im Schnitt 8 bis 10 Stunden täglich bewegt; heute entfielen in 24 Stunden gerade einmal 25 Minuten auf Bewegung, so Froböse. „Ich sage aber immer: Wer sich heute keine Zeit für Bewegung nimmt, muss sich morgen viel Zeit für seine Krankheiten nehmen.“

Besonders Kinder und Jugendliche werden immer mehr zu Bewegungsmuffeln – zum einen, weil Bewegungsvorbilder in der Familie fehlen und zum anderen, weil Bewegungsräume verloren gehen. Auch Akademiker zwischen 30 und 50 Jahren seien eine Risikogruppe, da sie ihrer Berufstätigkeit häufig im Sitzen nachgingen und sich Freizeit und Arbeitszeit immer stärker vermischen, sodass für Bewegungsaktivitäten kein Raum bleibe.

 
Da wir es nicht schaffen die Menschen zur Bewegung zu bringen, müssen wir die Bewegung zu den Menschen bringen, ihnen Bewegung abverlangen und Wege ermöglichen. Prof. Dr. Ingo Froböse
 

Ein Problem: Meist seien die unmittelbaren Folgen des Bewegungsmangels nicht sofort spürbar. „Konsequenzen wie Bluthochdruck, Übergewicht treten erst viele Jahre später auf“, warnt Froböse.

Hausärzte in der Verantwortung

„Jeder weiß im Grunde, dass Bewegung gesund ist, nur das Tun ist etwas völlig anderes“, erklärt Froböse. Eine Mitverantwortung sieht er auch bei den Hausärzten, die, wenn sie ihren Patienten überhaupt Bewegung empfehlen, diese zu unpräzise und unpersönlich formulieren.

„Mein Ansatz: Da wir es nicht schaffen die Menschen zur Bewegung zu bringen, müssen wir die Bewegung zu den Menschen bringen, ihnen Bewegung abverlangen und Wege ermöglichen“, sagt Froböse. Das könne etwa durch eine Reorganisation des Arbeitsplatzes – ohne Roll-Drehstühle, mit attraktiven Treppenhäusern und dafür langsameren Fahrstühlen passieren.

In London wurden für Schulkinder so genannte „Walking Busses“ eingerichtet, das heißt, die Schulkinder gehen gemeinsam von einem Sammelplatz aus zur Schule, anstatt von den Eltern bis zum Schultor gefahren zu werden. Auch in Salzgitter gebe es einen solches Modell, sagt Froböse. „Diese Maßnahmen funktionieren besser als Trainingspläne und Lauftreffs.“

Selbst ein zumindest geringes Maß an Aktivität sei extrem wichtig für die Ökonomisierung der Herzarbeit. Zudem werde die Durchblutung des Gehirns verbessert und das Immunsystem gestärkt, zählt Froböse nur wenige gesundheitliche Vorzüge von regelmäßiger Bewegung auf. Wie viel und wie intensiv sich Menschen minimal bewegen sollten, um gesundheitlich zu profitieren, ergründet Froböse aktuell in einer Studie an der Sporthochschule Köln.

 

REFERENZEN:

1. Ekelund U, et al: Am J Clin Nutr (online) 14. Januar 2015

2. Word Health Organisation: Pressemitteilung „Noncommunicable diseases prematurely take 16 million lives annually, WHO urges more action“, 19. Januar 2015

 

Kommentar

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