Die gesundheitliche Gefahr durch Nachtdienst lässt sich reduzieren – etwa durch Schichtdienst nach Chronotyp

Andrea Wille

Interessenkonflikte

20. Januar 2015

Nachtdienste gehören nicht zu den beliebtesten Diensten von Ärzten, sind aber in Krankenhäusern unvermeidlich. Das Ausmaß der Belastung durch Schichtarbeit sowie die gesundheitlichen Risiken lassen sich allein durch die Gestaltung des Nachtdienstes nach arbeitswissenschaftlichen Empfehlungen minimieren, zeigen verschiedene Studien.

Jörg Schmal

Schichtarbeit erhöht das Risiko für Diabetes, für kardiovaskuläre Erkrankungen, Magen-Darm-Beschwerden und das Unfallrisiko durch Schlaf- und Konzentrationsmangel (wie Medscape Deutschland berichtete). Ein höheres Krebsrisiko wird ebenso diskutiert [1].

„Nachtdienst ist gesundheitsgefährdend. Dies ist Fakt. Die Gesundheitsgefährdung lässt sich durch gesundheitsförderliches Verhalten nicht vollständig aufheben, sondern nur reduzieren“, erklärt Jörg Schmal, Pflegepädagoge und Dozent an der Gesundheitsakademie Bodensee-Oberschaben, der dieses Jahr ein Buch zum Thema Gesundheit im Schichtdienst veröffentlichen wird. „Ich denke, es wird noch nicht überall der Blick in die Zukunft gewagt. Im Angesicht des Pflegenotstandes und des demographischen Wandels fehlen tragfähige Konzepte, Pflegende in ihrem Beruf und im Schichtdienst bis ins höhere Alter gesund zu erhalten.“

Personalschlüssel erschwert gesunde Schichtmodelle

Wie eine im letzten Jahr publizierte Studie von Prof. Dr. Christel Bienstein und Prof. Dr. Herbert Mayer vom Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke zeigt, sind 72% der Pflegenden nachts alleine für die Station zuständig [2]. Dies macht Pausen oft unmöglich.

 
Die Gesundheitsgefährdung lässt sich durch gesundheitsförderliches Verhalten nicht vollständig aufheben, sondern nur reduzieren. Jörg Schmal
 

Schmal zufolge verhindert der derzeitige Personalschlüssel häufig, ein regelmäßiges Wechselschichtsystem aufzubauen. Kurzfristige Krankheitsausfälle müssten oft aus anderen Schichten kompensiert werden, da diese jeweils nur spärlich besetzt sind. Eine Regelmäßigkeit im Schichtmodell kann so nur schwer erreicht werden. „Die Personalsituation sollte jedoch nicht als Gegenargument für die Implementierung eines der Gesundheit zuträglichen Schichtdienstmodells vorgeschoben werden. Werden die rechtlichen Rahmenbedingungen, die arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse und die Meinungen der Mitarbeiter berücksichtigt, können Veränderungen auf den Weg gebracht werden“, ist Schmal optimistisch.

Besondere Belastung im Nachtdienst durch komplexere Aufgaben

Die Arbeitsgruppe von Bienstein und Mayer untersuchte den Nachtdienst in deutschen Krankenhäusern von 2010 bis 2013 und verglich die Ergebnisse mit einer Studie, die von 1986 bis 1989 durchgeführt worden war. Der Vergleich zeigt: Zwar gibt es heute weniger Patienten pro Pflegekraft, aber die Versorgung der Patienten ist viel aufwändiger geworden. So sind die Patienten heute häufiger multimorbide oder dement und zeigen mehr herausforderndes Verhalten.

 
Die Personalsituation sollte nicht als Gegenargument für die Implementierung eines der Gesundheit zuträglichen Schichtdienstmodells vorgeschoben werden. Jörg Schmal
 

Dadurch hat sich auch die Aufgabenverteilung in der Nacht vergrößert: So gehören Katheterwechsel, spezielle Wundbehandlungen, Monitoring sowie Legen von Zugängen zum täglichen Geschäft des Nachtpersonals. Die Verantwortung des Pflegepersonals ist also trotz sinkender Anzahl an Patienten pro Pfleger gestiegen. Damit räumen Bienstein und Mayer mit dem Vorurteil auf, dass Personal in der Nacht weniger pflegerische Kompetenz benötige als am Tag.

Die Studie zeigt aber auch eine positive Entwicklung: So fühlen sich Pfleger im Nachdient heute weniger körperlich und psychisch belastet als noch vor 26 Jahren. Dennoch gilt es hier zu differenzieren: So war das Personal, das regelmäßig nur Nachtdienst macht, weniger belastet als Pflegepersonal, das nur gelegentlich Nachtdienste übernahm und sonst tagsüber arbeitete. Laut Bienstein und Mayer sollten die Nachtdienstperioden allerdings möglichst kurz sein (2 bis 4 Nächte).

Empfehlungen der gesetzlichen Unfallversicherung

Und wie sollte der ideale Schichtdienst für Ärzte und Pfleger aussehen? Den Empfehlungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zufolge sollte die Zahl aufeinanderfolgender Nachtdienste möglichst gering sein (maximal 3 heißt es hier). Zudem sollten die Schichtdienste besser vorwärts als rückwärts rotieren: Die Reihenfolge Frühdienst-Spätdienst-Nachtdienst sei besser verträglich als beispielsweise Frühdienst-Nachtdienst-Spätdienst. Auch sollten nicht mehr als 5 Schichten aufeinander folgen, um eine Massierung der Arbeitszeit zu vermeiden. Die Arbeitgeber sind zudem angehalten, über gesundheitliche Belastungen des Nachtdienstes sowie über gesundheitsfördernde Maßnahmen zu informieren.

 
Wenn bei den Mitarbeitern noch nicht die Bereitschaft zur Veränderung besteht, ist eine Veränderung von außen sehr schwer. Jörg Schmal
 

Die Empfehlungen der DGUV zeigen, dass auch die Zeit außerhalb der Klinik bei Schichtmodellen günstiger eingeplant werden muss: Freizeiten sollten möglichst in einem Block genommen werden und nicht als einzelne Tage. Auch die Ruhezeiten zwischen 2 Schichten sollten ausreichend lang sein, mindestens 11 Stunden, um eine Erholung von der Arbeitszeit zu gewährleisten.

Schichtarbeiter in der Pflicht

Jedoch ist nicht nur das Personalmanagement zum Umdenken angehalten, sondern auch die Arbeitnehmer, so Schmal: „Subjektive Empfindungen stehen wissenschaftlichen Erkenntnissen entgegen. So wird Dauer-Nachtwache für berufstätige Mütter als optimale Lösung angesehen, beiden Herausforderungen gerecht zu werden. Doch bleibt dies unterm Strich ungesund. Wenn bei den Mitarbeitern noch nicht die Bereitschaft zur Veränderung besteht, ist eine Veränderung von außen sehr schwer.“

Arbeitnehmer – also auch Ärzte und Pfleger – sollten sich in besonderem Maße um ihre physische und psychische Gesundheit kümmern. Dazu gehören die bekannten Stellschrauben wie ausreichend Bewegung und Schlaf sowie gesunde Ernährung. Sofern der Arbeitgeber es nicht erfasst, sollte der Schichtarbeiter seine persönliche Schichtdiensttoleranz und den eigenen Chronotyp herausfinden. So tolerieren „Eulen“ im Gegensatz zu „Lerchen“ besser Spät- und Nachtdienste.

„Wird der Chronotyp bei der Dienstplangestaltung nicht berücksichtigt, wirkt sich dies negativ auf die Leistung und die Gesundheit aus. Da hierdurch die Patientensicherheit gefährdet ist, sollte der Arbeitgeber Interesse an der Berücksichtigung der Chronotypen haben“, so Schmal.

 

REFERENZEN:

1. Straif K, et al: Lancet Oncol 2007; 8(12):1065-1066

2. Bienstein C, et al: Die Schwester Der Pfleger 2014; 5:429-433

 

Kommentar

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