Die Lage ist weiterhin todernst: WHO stellt Statusreport zu nicht-übertragbaren Krankheiten vor

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

19. Januar 2015

Großes Problem in Deutschland: Bewegungsmangel

Noch nehmen aber längst nicht alle WHO-Mitgliedsstaaten die gemeinsamen Verpflichtungen ernst. So hatten im Dezember 2013 nur 70 Länder (einschließlich Deutschland) überhaupt einen auf der WHO-Aktion basierenden nationalen NCD-Plan.

Hierzulande gibt es einige Fortschritte im Kampf gegen nicht-übertragbare Krankheiten, aber noch längst keinen Grund zum Zurücklehnen. Vielmehr droht – so das Strategiepapier der Deutschen Allianz gegen Nichtübertragbare Krankheiten (NCD-Allianz) zur Primärprävention – ein „Tsunami der chronischen Krankheiten“.

Das bestätigt auch der von Chan auf der Pressekonferenz vorgestellte „Global status report on noncommunicable diseases 2014“. Er macht beispielsweise deutlich, dass in Deutschland 20,1% der Männer und 26,5% der Frauen zu wenig körperliche Bewegung haben. Noch schlimmer ist, dass dies auch auf 77,9% der Jungen und 88,1% der Mädchen im Alter von 11 bis 17 Jahren zutrifft.

Weniger Hypertoniker, aber immer mehr Übergewichtige und Diabetiker

Dazu passend ist der Anteil der Übergewichtigen in Deutschland in den letzten Jahren weiter angestiegen: von 64,7% der Männer und 50,8% der Frauen im Jahr 2010 auf 67% der Männer und 52,7% der Frauen 2014. Es sind also weiterhin die meisten Deutschen übergewichtig.

Adipositas kam 2010 bei 21,8% der Männer und 19,8% der Frauen vor und 2014 bei 24,1% bzw. 21,4%. Das spiegelt sich auch in einem leichten Anstieg des durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI) der Erwachsenen wider: von 26,8 auf 27,0 kg/m² bei Männern und von 25,5 auf 25,6 kg/m² bei Frauen.

Die Daten des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Instituts (RKI)gehen bei den einzelnen Erkrankungen und Risikofaktoren noch weiter ins Detail. Demnach war im Jahr 2003 jeder Achte und von 2009 bis 2012 schon fast jeder Sechste (Männer wie Frauen) adipös. Zudem hatten 2012 fast 30% der Bevölkerung zu hohe Blutfettwerte, 9,8% der Männer und 6,8% der Frauen eine konorare Herzkrankheit (Tendenz bei Männern steigend), 8,3% der Männer und 11,5% der Frauen Asthma (Tendenz bei beiden Geschlechtern steigend) sowie 7,3% der Männer und 9,9% der Frauen eine chronisch-obstruktive Bronchitis.

Jeder Dritte litt laut RKI 2012 an Bluthochdruck. Hier geben die neuesten Daten des WHO-Berichts Anlass zur Hoffnung: Demnach sank der Anteil der Hypertoniker in Deutschland von 29,3% im Jahr 2010 rapide ab auf 19,5% im Jahr 2014.

Anders beim Diabetes: Seine Prävalenz stieg laut RKI-Zahlen von 2003 bis 2012 sowohl bei den Männern (von 5,4 auf 8,7%) als auch bei den Frauen (von 6,8 auf 9,0%) deutlich an. Und diesen Trend nach oben untermauern auch die aktuellen WHO-Daten, nach denen 2010 bzw. 2014 9,1 bzw. 9,9% der Männer und 7,5 bzw. 8,0% der Frauen in Deutschland zuckerkrank waren.

Die Anzahl der Personen, die neu an Krebs erkrankten, ist von 252.400 (2010) auf 264.700 Männer in 2014 leicht angestiegen, bei Frauen von 224.900 im Jahr 2010 auf 236.200 in 2014. Die häufigsten und zugleich die am häufigsten zum Tode führenden Krebserkrankungen waren Lungen- und Darmkrebs sowie Prostata- bzw. Brustkrebs.

Präventionsgesetz: Verpasste Chance?

Mit dem Krebs-Informations- und -Registergesetz, dem Nichtrauchergesetz und der Erhöhung der Tabaksteuer wurden in Deutschland bereits einige Signale gesetzt, um die Erfüllung der WHO-Ziele voranzutreiben. Der Raucheranteil ist laut RKI-Daten bei Männern von 38% im Jahr 2003 auf 31% im Jahr 2012 gesunken, bei Frauen von 29 auf 24%. Laut WHO waren es 2012 bei den Männern 32%, bei den Frauen knapp 26%.

Die Forderungen der NCD-Allianz gehen aber weiter:

  • • täglich mindestens eine Stunde Bewegung/Sport in der Schule,

  • • gesundheitsfördernde Lebensmittelpreise (Zucker-/Fettsteuer),

  • • verbindliche Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung und

  • • Verbot von Werbung, die sich an Kinder richtet.

In dem im Dezember 2014 endlich beschlossenen deutschen Präventionsgesetz sucht man solche Formulierungen – selbst die dringend benötigte Ausweitung des Schulsports – vergebens. Auch ein Tabak- und Alkoholwerbeverbot ist dort nicht vorgesehen.

Immerhin wurde mit dem im Präventionsgesetz verankerten Beschluss, in Krankenkassen, Betrieben und „Lebenswelten“ wie Kitas und Schulen mehr Geld für die Gesundheitsaufklärung einzuplanen, ein Schritt in die richtige Richtung getan. Kritiker bemängeln aber, dass man mit Info-Abenden und -Kursen nur diejenigen erreicht, die ohnehin an einem gesunden Lebensstil interessiert sind.

Im Rahmen der WHO-Aktion bleibt jedenfalls bis 2020 und darüber hinaus auf allen Feldern in Deutschland noch sehr viel zu tun.

 

REFERENZEN:

1. WHO: Pressemitteilung „Noncommunicable diseases prematurely take 16 million lives annually, WHO urges more action“, 19. Januar 2015

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....