Vom OP-Tisch vertrieben? Wie Chirurginnen trotz Schwangerschaft weiter operieren können

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

15. Januar 2015

Kann Mutterschutz ein Hemmschuh sein? Für Chirurginnen offenbar schon. Denn die einschlägigen Gesetze und Verordnungen zum Mutterschutz seien überholt, finden Dr. Maya Niethard und Dr. Stefanie Donner. Sie wenden sich dagegen, dass Chirurginnen im Operationsaal Platzverbot erhalten, sobald sie schwanger werden und dies dem Arbeitgeber mitteilen.

Dr. Maya Niethard

„Wir wenden uns gegen ein generelles Beschäftigungsverbot“, betonen sie gegenüber Medcape Deutschland, und stehen damit nicht mehr allein. Für ihr Engagement haben sie nicht nur im vergangenen Jahr den „FamSurgSonderpreis“ vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein bekommen. Aufgrund zahlreicher Nachfragen und wegen des offensichtlich riesigen Aufklärungsbedarfs ist daraus eine immer umfangreichere Aktion geworden.

Dr. Stefanie Donner

Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) leiten die beiden Chirurginnen inzwischen das Projekt „Operieren in der Schwangerschaft“. Auf der heute frei geschalteten Homepage OPidS stellen sie dazu viele Informationen zur Verfügung. Sie sollen den Kolleginnen helfen, auch als Schwangere weiter arbeiten zu dürfen, sofern sie das wollen und können.

Bei aller Liebe zum Beruf: „Wir wollen den Mutterschutz nicht aushebeln – er ist richtig und wichtig“, schränken die Medizinerinnen ein. „Aber wir fordern eine zeitgemäße Auslegung, so dass Fortschritte in der Medizin berücksichtigt werden“, betont Niethard, die auch die Leiterin der Sektion Beruf und Familie des Jungen Forums der DGOU ist.

Etwa 1.000 bis 1.500 schwangere Ärztinnen gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. „Das ist eine erhebliche Zahl an Arbeitskräften, die für neun Monate ausfallen“, betonen die Chirurginnen. Auch aufgrund der Feminisierung in der Medizin – von 86.000 Medizinstudierenden sind 56.000 Frauen – müssen sich die Kliniken über das Thema Gedanken machen, finden Donner und Niethard.

Das Mutterschutzgesetz: Überholungsbedürftig und Karrierebremse

Die beiden Ärztinnen haben sich aus eigener Betroffenheit als Pionierinnen in die Mühlen der Bürokratie begeben, um Wege zu finden, trotz Schwangerschaft operieren zu können. Denn die Praxis sieht so aus, dass Ärztinnen den OP nicht mehr betreten und invasiv tätig werden dürfen, sobald sie die Schwangerschaft dem Dienstherrn melden. Grund dafür ist die Auslegung des Mutterschutzgesetzes von 1952 und die „Verordnung zum Schutze der Mütter am Arbeitsplatz“.

 
Wir wollen den Mutterschutz nicht aushebeln – er ist richtig und wichtig. Aber wir fordern eine zeitgemäße Auslegung. Dr. Maya Niethard und Dr. Stefanie Donner
 

„Doch viele Bestimmungen sind überholt und für viele angeblichen Risiken fehlt die wissenschaftliche Evidenz“, bemängelt Niethard. So seien etwa die gesundheitlichen Schäden, die durch Narkosegase entstehen können, nicht mehr gegeben. Inzwischen würden technische Geräte verwendet, die so gut abdichten, dass nichts mehr entweiche. Außerdem ist das Verbot inkonsequent: Es betrifft angestellte Ärztinnen, nicht aber niedergelassene.

Beide Medizinerinnen wollten sich aus Karrieregründen das Skalpell nicht aus der Hand nehmen lassen: Donner zum Beispiel war gerade mitten in der Facharztausbildung mit „steiler Lernkurve“, wo es wichtig sei, möglichst viel zu operieren. Für sie hätte das Beschäftigungsverbot inklusive Elternzeit 2 Jahre Auszeit vom OP bedeutet. Das wollte die Assistenzärztin an der Abteilung für Orthopädie an der Klinik St. Josefs-Hospital in Wiesbaden nicht: „Viele verlieren ihre Motivation, weil sie ihr Knowhow nicht mehr anwenden können und verlassen dann die Chirurgie“, weiß sie von anderen Kolleginnen.

Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker

Wäre Niethard als Oberärztin und Stellvertreterin der Abteilung Tumororthopädie am Helios Klinikum in Berlin-Buch ausgefallen, hätte das für ihre Abteilung auch organisatorische Probleme mit sich gebracht, da es keine Vertretung für den Vorgesetzten in diesem hochspezialisierten Feld gab. „Mein Wille war da, weil es mir gut ging. Ich war ja nicht krank oder unfähig zu operieren“, sagt sie.

Gegen die Überprotektion der Schwangeren

Die Kliniken befinden sich hier jedoch in einem Dilemma, meint die Leiterin des betriebsärztlichen Dienstes des Universitätsklinikums Frankfurt, Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker. „Missachtet der Arbeitgeber eines der Beschäftigungsverbote und lässt beispielsweise eine Schwangere nach 20 Uhr arbeiten, begeht er eine Ordnungswidrigkeit und macht sich unter Umständen sogar strafbar.“

Wicker spricht sich in einer einschlägigen Publikation jedoch dafür aus, dass die Bestimmungen auf den neuesten wissenschaftlichen Stand gebracht werden und auch die gesetzlichen Bestimmungen aktualisiert werden [1]. „Es stellt sich die Frage einer überprotektiven Einschränkung durch die Gesetze und die Verordnungen“, sagt sie. Oft fehle es an Wissen über die spezifischen Bedingungen im OP. „Wir Betriebsärzte brauchen hier auch die Unterstützung der Fachgesellschaften, die Empfehlungen erarbeiten sollten“, so Wicker.

 
Missachtet der Arbeitgeber eines der Beschäftigungs-verbote, begeht er eine Ordnungs-widrigkeit und macht sich unter Umständen sogar strafbar. Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker
 

Die Arbeitsmedizinerin kann gut nachvollziehen, was die Fachärztinnen bewegt: „Es kann doch nicht sein, dass zum Beispiel eine Gynäkologin, die schwangere Patientinnen behandelt, quasi entmündigt wird, sobald sie selbst ein Kind bekommt“, moniert Wicker gegenüber Medscape Deutschland.  Als problematisch sieht Wicker es allerdings an, dass viele Ärztinnen in Kliniken ihre Schwangerschaft aus Angst vor beruflichen Restriktionen erst spät melden und sich tatsächlich einem Risiko aussetzen.

Eine deutschlandweite Befragung von 164 Ärztinnen, darunter 136 Gynäkologinnen und 28 Chirurginnen unter der Federführung der Universitätsfrauenklinik Heidelberg ergab, dass die Schwangerschaft im Mittel erst in der 21. Woche bekannt gegeben wurde [2]. Leitende Oberärztinnen informierten ihren Arbeitgeber tendenziell erst 5 Wochen später als Assistenzärztinnen.

Damit nehmen die Frauen über einen langen Zeitraum gar keinen Mutterschutz in Anspruch. Wicker: „Es sollte nicht sein, dass eine schwangere Chirurgin den vollen Dienst mit Nachtschichten macht, rund um die Uhr arbeitet oder auch noch im Notarztwagen mitfährt.“

Gerade weil sie vom Mutterschutz profitieren wollte und zum Beispiel keine Patienten operieren wollte, deren Infektionsstatus unklar war, hat Oberärztin Niethard als Oberärztin ihrem Arbeitgeber schon in der 5. Woche die Schwangerschaft gemeldet. Ihr wurde zunächst nahegelegt, nicht mehr im Operationssaal zu arbeiten. Also begann sie mit einer Literaturrecherche zur Frage, wie man die Risiken auf ein vertretbares Maß reduzieren kann. Sie setzte sich dann mit dem Betriebsarzt und dem Fachvorgesetzten zusammen, um eine individuelle Gefährdungseinschätzung für ihren Arbeitsplatz zu erstellen.

 
Es sollte nicht sein, dass eine schwangere Chirurgin den vollen Dienst mit Nachtschichten macht. Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker
 

„Das ist gesetzlich vorgeschrieben und dient auch zur Absicherung der Kliniken“, betont Niethard. Die Arbeitgeber hätten oftmals Angst davor, haftbar gemacht zu werden, wenn tatsächlich etwas passiere und ein geschädigtes Kind zur Welt komme. „Der Arbeitgeber haftet nämlich, wenn zum Beispiel die Gefährdungseinschätzung unterlassen wird“, sagt Niethard, die für das OPidS-Projekt auch mit einer Fachanwältin für Medizinrecht zusammenarbeitet. In Deutschland gebe es hier allerdings keinen Präzedenzfall, sagt die Pionierin.

Im Anschluss setzte sich in ihrem Fall der Betriebsarzt mit der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Gewerbeaufsichtsamt, in Verbindung. Klinik und Chirurgin bekamen grünes Licht. Diese Lösung ist jedoch nicht verallgemeinerbar. Dem steht die föderale und regionale Struktur der Gewerbeaufsichtsämter im Weg: Was das eine Amt in einem Bezirk genehmigt, kann das andere Amt in einem anderen wieder ablehnen. „Hier wäre es wünschenswert, wenn es mehr Absprachen gebe“, so Donner.

Schutzmaßnahmen für schwangere Chirurginnen im OP

Doch wie senkt man das Risiko für Schwangere im OP auf ein vertretbares Maß? Dazu gehört ein ausreichender Hepatitis B-Schutz, das präoperative Screening auf Hepatitis C und HIV und eben keine Teilnahme an Operationen, wenn der Patient infiziert ist [2]. Von solchen präoperativen Screenings der chirurgischen Patienten konnten Donner und Niethard ihre Arbeitgeber überzeugen. In größeren Kliniken gehöre dies ohnehin zum Standard und sei im Interesse aller Mitarbeiter des OP. Die Kosten des Antikörpertestversuchs für HCV und HIV liegen bei zirka 20 Euro pro Patient.

 
Der Arbeitgeber haftet nämlich, wenn zum Beispiel die Gefährdungs-einschätzung unterlassen wird. Dr. Maya Niethard
 

Ihre Hartnäckigkeit machte sich bezahlt: Niethard durfte operieren – unter den bestimmten Bedingungen ihres Faches. So trug sie zum Beispiel zum Schutz vor Infektionen eine Schutzbrille, verwendete zweifarbige Indikator-Handschuhe in doppelter Ausführung und nahm nur noch an geplanten Operationen von zuvor gescreenten Patienten teil.

Beim Röntgen ging sie hinaus. Allerdings könnten Schwangere laut Röntgenverordnung im Kontrollbereich arbeiten, wenn sie 3 bis 4 Meter Abstand von der Röntgenröhre hielten. Mithilfe eines Dosimeter, den Niethard trug, wurden wöchentlich die  Grenzwerte kontrolliert.

Die jüngere Kollegin Donner profitierte bereits von Niethards Erfahrungen und nahm von Anfang an nicht mehr bei Operationen mit intraoperativem Röntgen teil. Sie gab außerdem gegenüber den Behörden an, sich von vorneherein nur noch auf minimal-invasive Arthroskopie zu konzentrieren. So kam sie so gut wie gar nicht mehr mit Blut in Berührung. Außerdem führte sie nur kürzere Eingriffe durch, da die meisten arthroskopischen Operationen nur eine Stunde dauern.

Die Chirurginnen, die inzwischen 20 andere Kolleginnen beraten, bieten auf Ihrer Homepage auch hilfreiche Checklisten an. „Jede Klinik sollte für sich so eine Checkliste erstellen, damit interessierte Schwangere nicht wieder von vorne anfangen müssen“, empfehlen Donner und Niethard.

 

REFERENZEN:

1. Wicker S, et al: Der Chirurg 2012; 83:136-142

2. Knieper C, et al: Geburtsh. Frauenheilk. 2014;74(9):875-880

 

Kommentar

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