MEINUNG

Umdenken statt Tragödie: „Ein Arzt muss nicht alles aushalten“

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

15. Januar 2015

Dr. Bernhard Mäulen

Es ist inzwischen wissenschaftlich gut belegt, dass Ärzte häufiger Suizid begehen als die Allgemeinbevölkerung. Medscape Deutschland sprach mit dem Psychiater Dr. Bernhard Mäulen, Gründer des Institutes für Ärztegesundheit, über die Gründe für die erhöhte Suizidalität und weshalb es Ärzten so schwer fällt, sich Hilfe zu suchen.

Medscape Deutschland: Welche Ärzte sind besonders suizidgefährdet?

Dr. Mäulen: Der wichtigste Risikofaktor für Suizidalität bei Ärzten ist das Geschlecht.Während männliche Ärzte etwa 1,5-mal so häufig Suizid begehen wie die Allgemeinbevölkerung, liegen Ärztinnen um das Zwei- bis Sechsfache über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Besonders gefährdet sind außerdem unter den Fachärzten die Psychiater auf Platz 1 und die Anästhesisten auf Platz 2.

Medscape Deutschland: Weshalb begehen Ärzte Suizid?

Dr. Mäulen: Da sind zum einen die Gründe, von denen schon lange bekannt ist, dass sie mit erhöhter Suizidalität einhergehen: Depression, Suchterkrankung, partnerschaftliche Krisen wie Trennung oder Scheidung. Sie sind auch bei Ärzten die häufigsten Ursachen für Suizid. Und dann gibt es noch, wenn auch seltener berufsspezifische Auslöser wie zum Beispiel Behandlungsfehlerklagen, finanzielle Notlagen in der Praxis oder Krisen in der akademischen Karriere.

Medscape Deutschland: Heißt das, dass Ärzte häufiger depressiv und suchtkrank sind?

 
Der wichtigste Risikofaktor für Suizidalität bei Ärzten ist das Geschlecht.
 

Dr. Mäulen: Der Rückschluss liegt nahe, aber dem ist nicht so. Ärzte haben in Bezug auf Alkohol einen hohen Konsum aber nicht mehr Abhängigkeiten als der Bevölkerungsdurchschnitt. Bei der Medikamentenabhängigkeit liegen sie dagegen – wohl der Griffnähe geschuldet – über dem Durchschnitt.

Medscape Deutschland: Man weiß also gar nicht, weshalb die Suizidrate bei Ärzten erhöht ist?

Dr. Mäulen: Nein, bislang gibt es nur Spekulationen. Es wurde beispielsweise darüber diskutiert, ob wir uns aufgrund unserer hohen Ideale besonders schwer tun, wenn wir an Grenzen kommen, wenn das Leben hart ist, wenn wir scheitern oder subjektiv das Gefühl haben zu scheitern. Häufig ist in Erklärungsversuchen nach dem Freitod eines Kollegen von einer narzisstischen Krise die Rede, man vermutet, dass er mit einer Kränkung nicht fertig wurde. Wenn man einen machtvollen und angesehenen Beruf hat, kann es scheinbar schwerer fallen, mit Rückschlägen und Bloßstellungen klar zu kommen.

 
Wenn man einen machtvollen und angesehenen Beruf hat, kann es schwerer fallen, mit Rückschlägen und Bloßstellungen klar zu kommen.
 

Medscape Deutschland: Wie erkennt ein Arzt bei sich selbst oder einem Kollegen eine erhöhte Suizidalität?

Dr. Mäulen: Es gibt die gleichen, nicht arztspezifischen Warnzeichen, die man auch sonst bei depressiven Patienten sieht: Verlust der Lebensfreude, Einbruch des Selbstwertgefühls, häufigeres Denken an Suizid, manchmal gibt es auch regelrechte Ankündigungen des Suizidvorhabens. Bei einem Patienten würden wir diese Anzeichen erkennen. Aber in Zeiten, in denen alle überarbeitet sind, kann es scheinbar schwer fallen, die Not eines Kollegen wahrzunehmen.

Medscape Deutschland: Gibt es Bemühungen, etwas gegen die erhöhte Suizidgefahr bei Ärzten zu tun?

Dr. Mäulen: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)hat sich mitdem Thema bereits in mehreren Arbeitsgruppen auseinandergesetzt. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie hat ein eigenes Schwerpunktheft des Anästhesisten herausgegeben, um die besonders gefährdeten Anästhesisten darauf hinzuweisen, dass und wo es Hilfe gibt. Aber es ist noch mehr Aufklärung der jungen Ärzte und Ärztinnen im Studium notwendig. Wir müssen von Anfang an eine neue Kultur einführen, in der der Arzt nicht mehr derjenige ist, der alles können und aushalten muss. Auch Ärzte können an ihre Grenzen kommen und haben dann genau wie alle anderen Menschen die Berechtigung, sich Hilfe zu suchen.

 
Wir müssen von Anfang an eine neue Kultur einführen, in der der Arzt nicht mehr derjenige ist, der alles können und aushalten muss.
 

Medscape Deutschland: Doch das fällt Ärzten oft schwer …

Dr. Mäulen: Ja, Ärzte sind denkbar schlecht darin, sich Hilfe zu holen, und die Patientenrolle anzunehmen, fällt vielen Kollegen schwer. Das kann daran liegen, dass es nicht genügend Rollenvorbilder gibt. Bislang dominiert noch die Angst vor dem, was die Kollegen, der Chef oder auch die eigenen Patienten denken mögen, wenn man zugibt, Probleme zu haben. Doch das könnte sich ändern. Inzwischen gibt es schon mehrere Kollegen, die sich „geoutet“ und auch auf deutschen Kongressen offen über ihre Depression, Suchterkrankung oder Suizidgedanken gesprochen haben. Und keinem von ihnen hat dies beruflich geschadet!

Medscape Deutschland: Was würden Sie Ärzten raten, die an Suizid denken?

Dr. Mäulen: Diesen Kollegen kann ich nur sagen: „Wenn ihr innerlich leidet, holt euch Hilfe, Kollegen!“ Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen, im Gegenteil, es ist ein Zeichen einer guten Selbstfürsorge.

 

Kommentar

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