„Land.in.Sicht“ – Pilotprojekt will Medizinstudierenden den Landarzt schmackhaft machen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

13. Januar 2015

„Beweg´ dich doch mal vom Fleck!“ Unter diesem Motto warb die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) für eine Famulatur in bayrischen Landarztpraxen [1]. Der Aufruf hat ganz offensichtlich gewirkt: Auf die 35 Famulaturplätze von Land.in.Sicht – einem Pilotprojekt von bvmd und Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns (KVB) – bewarben sich 107 Medizinstudierende. Ziel des Projektes ist, Medizinstudierende schon während ihres Studiums für die Tätigkeit als Landarzt zu begeistern.

Anlass für Land.in.Sicht war die Änderung der Approbationsordnung (Paragraf 7 ÄAppO) zum 1. Oktober 2013. Danach müssen Medizinstudierende künftig einen Monat verpflichtend in einer Praxis der hausärztlichen Versorgung famulieren. „Die Studentenschaft stand einer verpflichtenden Hausarztfamulatur skeptisch gegenüber“, sagt Birgit Grain, Sprecherin der KVB auf Nachfrage und erläutert: „Die Skepsis der Studenten gegenüber einer Zwangsverpflichtung ist nicht verwunderlich und nicht gleichzusetzen mit einer grundsätzlichen Ablehnung von hausärztlichen Tätigkeiten.“

Mit der Idee des Pilotprojektes habe sich die KVB an die bvmd gewandt, berichtet Grain. „Der Gedanke dahinter war, dass eigene Erfahrungen der beste Weg sind, um Vorurteile gegenüber einer landärztlichen Tätigkeit abzubauen.“ Damit sei Land.in.Sicht eine Möglichkeit, eine Pflichtveranstaltung in eine gute Erfahrung umzuwandeln.

Durch eigene Erfahrungen Vorbehalte abbauen

Die finale Evaluation des Projekts soll zwar erst bis Mitte 2015 abgeschlossen sein, doch schon die Zwischenevaluation bestätige die Bedeutung eigener Erfahrungen, schreiben bvmd und KVB in ihrer Presseerklärung [2]. 89% der Teilnehmer können sich nach ihrer Famulatur eher vorstellen, in der Fachrichtung ihrer Famulaturpraxis zu arbeiten als davor. Und 96% gaben an, sich nach der Famulatur eher vorstellen zu können, in der ambulanten Versorgung zu arbeiten, als dies vorher der Fall war.

 
Der Gedanke dahinter war, dass eigene Erfahrungen der beste Weg sind, um Vorurteile gegenüber einer landärztlichen Tätigkeit abzubauen. Birgit Grain
 

Obwohl sich die Pflichtfamulatur auf hausärztliche Einrichtungen beziehe, hatte sich die KVB bewusst dafür entschieden, auch fachärztliche Plätze anzubieten, da auch Fachärzte bereits in einigen Gegenden von Nachwuchsproblemen geplagt sind.

In der ersten Famulaturphase, der vorlesungsfreien Zeit des Sommersemesters 2014, wurden 28 Plätze vergeben. Jeder Famulant erhielt von der KVB eine anteilige Reisekostenerstattung von bis zu 216 Euro und 300 Euro. Es zeigte sich, dass 75% der ausgewählten Studierenden entweder aus der Gastgeberregion kamen oder an einer bayerischen Universität studierten. Land.in.Sicht scheint damit vor allem für die Medizinstudierenden interessant zu sein, die eine Verbindung zum gastgebenden Bundesland haben.

Land.in.Sicht setzt auf „Überzeugungstäter“

Dem Landarzt-und Hausärztemangel versuchen verschiedene Bundesländer durch monetäre Anreize abzuhelfen. Die KVen Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz unterstützen die Famulatur in hausärztlichen Praxen finanziell.

In Rheinland-Pfalz gibt es zudem Förderprogramme für Studierende der Medizin, die sich im praktischen Jahr (PS) für das Fach Allgemeinmedizin entscheiden. Sachsen bietet Medizinstudierenden eine monatliche Förderung, wenn diese sich bereit erklären, eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren und als Hausarzt in Sachsen außerhalb der Städte Chemnitz, Dresden, Leipzig und Radebeul zu arbeiten. Sachsen-Anhalt wiederum fördert Medizinstudierende, wenn diese nach Abschluss ihrer Weiterbildung in Regionen mit Versorgungsbedarf eine ambulante Tätigkeit aufnehmen wollen.

Pascal Nohl-Deryk, Jonas Heismann und Denitze Lara, bei der bvmd verantwortlich für Land.in.Sicht, setzen hingegen auf „Überzeugungstäter“ und Begeisterung. Sie sehen das Projekt durchaus als „Gegenentwurf zu Zwangsmaßnahmen im Studium“. Für die vorlesungsfreie Zeit nach dem kommenden Wintersemester stehen noch 7 Projektplätze in bayrischen, ländlichen Hausarztpraxen zur Verfügung. Neuigkeiten zum Bewerbungsstart und zum Zeitablauf veröffentlicht die bvmd im Internet.

Nach Grains Einschätzung füllt Land.in.Sicht eine Lücke im Angebot der Nachwuchsförderung: „Ein konsequent auf eine landärztliche Tätigkeit ausgerichtetes Förderprogramm, das zudem einen Pflichtbestandteil des Studiums aufgreift, gab es unseres Wissens zur Zeit des Projektstartes nicht. Wir hoffen sehr, dass die bvmd Land.in.Sicht weiterführen kann und genug Unterstützer findet, um das Programm auch in weiteren Bundesländern anbieten zu können“, wünscht sich Grain.

Laut Antonius Ratte, dem Bundeskoordinator der AG Medizinische Ausbildung in der bvmd, sind inzwischen andere KVen auf das Projekt aufmerksam geworden, auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) habe der Initiative Unterstützung zugesagt.


REFERENZEN

1. Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands e.V. (bvmd): Land.in.Sicht – Famulaturprogramm

2. Gemeinsame Presseinformation des bvmd und der KVBayern (KVB), 9. Januar 2014

3. KVB: Land.in.Sicht – Das Famulaturförderungsprojekt

Kommentar

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