Antibiotikaresistente Keime im Putenfleisch: Das Arzneimittelgesetz greift nicht

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

13. Januar 2015

Putenfleisch ist fett- und kalorienarm sowie eiweißreich – und voll mit antibiotikaresistenten Keimen: Auf 88% der bei Discountern eingekauften Putenfleisch-Proben hat der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) antibiotikaresistente Keime gefunden [1]. Stichproben von Aldi, Lidl, Netto, Penny und Real, eingekauft in bzw. um Berlin, Hamburg, Dresden, Leipzig, Hannover, Göttingen, München, Nürnberg, Frankfurt, Mannheim, Köln und Stuttgart wiesen sowohl MRSA-Keime als auch ESBL-bildende Keime auf.

Das ist ein klares Zeichen für fortgesetzten Antibiotika-Missbrauch in der Geflügelmast. Hubert Weiger

Dass über 90% der Puten während ihrer Mast Antibiotika erhalten, leistet der Bildung resistenter Keime Vorschub. Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender: „Neun von zehn Putenfleisch-Proben aus deutschen Discountern sind unseren Tests zufolge mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Das ist ein klares Zeichen für fortgesetzten Antibiotika-Missbrauch in der Geflügelmast. Dieser ist nicht nur dafür mitverantwortlich, dass wichtige Medikamente ihre lebensrettende Wirkung verlieren. Das erschreckende Ausmaß der Kontamination von Lebensmitteln mit diesen Risikokeimen ist vor allem ein deutliches Warnsignal vor den Risiken und Kollateralschäden der industriellen Tierhaltung."

Kontaminierte Proben stammen aus Betrieben mit Qualitätssicherungssystem …

Keiner der Putenfleisch-Lieferanten sei in der Lage gewesen, Ware anzubieten, die nicht durchgängig mit antibiotikaresistenten Keimen belastet war, betont BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning: „Sämtliche Schlachthofkonzerne und Zerlegebetriebe, die das von uns getestete Putenfleisch an die Discounter geliefert haben, gehören dem von der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft eingerichteten Qualitätssicherungssystem QS an. Trotzdem ist das Fleisch massiv mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Das zeigt, dass Änderungen im Tierschutz- und im Arzneimittelrecht notwendig sind, um die Schwächen dieses so genannten Qualitätssicherungssystems abzustellen", erklärt Benning.

Vor allem die Produkte großer Geflügelfleischproduzenten waren kontaminiert: 20 von 21 untersuchten Putenfleischproben der PHW-Gruppe, 19 von 21 Fleischproben der Firma Heidemark und 5 von 6 der Proben von Sprehe.

Neues Arzneimittelgesetz mit massivem „Webfehler“

Seit dem 1. Juli 2014 müssen Betriebe, die Rinder, Schweine, Hühner und Puten zur Mast halten, erfassen, wie häufig ihre Tiere mit Antibiotika behandelt werden. Ziel der Novelle ist, den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung sukzessive zu reduzieren. Die neuen Regelungen ermöglichen den Überwachungsbehörden die Beurteilung der Therapiehäufigkeit in einem Betrieb und den Vergleich mit anderen Betrieben. Für Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmid eine „Zäsur“, die sich auf die Tierhaltung positiv auswirken werde.

Wir brauchen eine Novelle des Arzneimittelgesetzes, die Reserveantibiotika umgehend aus der Intensivtierhaltung verbannt. Reinhild Benning

Zwar enthält die Novelle „viele gute Ansätze für Verbesserungen“, weise aber einen „massiven Webfehler“ auf, gibt Benning im Gespräch mit Medscape Deutschland zu bedenken. „Die Datenbank erfasst zwar die Häufigkeit, mit der Antibiotika in der Tiermedizin verabreicht werden“, so Benning. Das führe aber dazu, dass Tiermäster verstärkt zu Reserveantibiotika mit Depotwirkung griffen, weil die Datenbank bei diesen Reserveantibiotika praktisch Entwarnung gebe: “geringe Häufigkeit beim Antibiotikaeinsatz“. „Im Protokoll ist ein solches Depotmittel dann nur einmal vermerkt statt wie bislang beispielsweise sieben Mal mit einem herkömmlichen Antibiotikum.“ Während insgesamt auch die Antibiotikamenge leicht zurückging – von 1.700 Tonnen auf 1.400 Tonnen – gehe die Menge der Reserveantibiotika hoch.

Einen direkten Vergleich zur gegenwärtigen Analyse hat der BUND zwar nicht, denn 2012 wurde nicht Putenfleisch sondern Hähnchenfleisch getestet. „51 Prozent der Fleisch-Proben waren damals mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Vergleicht man das mit den Ergebnissen unserer jetzigen Analyse, dann könnte man das als Indiz dafür werten, dass sich in der Tierhaltung nichts verbessert hat“, so Benning.

Die üblichen Verdächtigen im Fleisch: MRSA-Keime und ESBL-Bildner

Im Putenfleisch fanden sich sowohl MRSA-Keime (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) als auch ESBL-positive Bakterien (Extended Spectrum Beta-Lactamase). „MRSA steht mit dem Antibiotikaeinsatz in Zusammenhang, kommt in fast allen Schweineställen vor und besiedelt 40% der Menschen, die sich dort regelmäßig aufhalten“, bestätigt Prof. Dr. Thomas Blaha, Leiter der Außenstelle für Epidemiologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover in Bakum. Über diesen „Umweg“ gelangt der Keim in Krankenhäuser und Altenpflegeheime. Man unterscheidet 3 MRSA-Typen, die in Kontakt mit Menschen kommen: HA-MRSA verbreitet sich im Krankenhaus („Krankenhauskeim"), CA-MRSA in der Umwelt und ST398 in der Tierhaltung.

Die ebenfalls auf dem Putenfleisch gefundenen ESBL-positiven Bakterien machen ein ganzes Spektrum von Antibiotika wirkungslos, vor allem Penicilline und Cephalosporine. Möglicherweise werden sie direkt über den Fleischkonsum übertragen. Das jedenfalls legt eine Studie von Dr. Rasmus Leistner und Kollegen vom Institut für Umweltmedizin und Hygiene an der Charité in Berlin nahe.

Die Arbeit weist eine Assoziation zwischen der Kolonisation mit ESBL-positiven Bakterien und häufigem Fleischkonsum nach. Bei Probanden, die mehr als 3 Mal pro Woche Schweinefleisch aßen, fanden Leistner und sein Team zu fast 50% den ESBL-Genotyp CTX-M1. Dieser Stamm kommt sehr häufig bei Geflügel und bei Schweinen vor. „Wir haben noch keinen direkten Nachweis, aber es gibt sehr starke Indizien für einen Zusammenhang“, erklärt Leistner.

Rund 80 Prozent der in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotika werden von nur fünf Prozent der Tierarztpraxen verkauft, die bei Großeinkäufen für Riesenställe lukrative Rabatte erhalten. Reinhild Benning

Wie genau der Fleischkonsum Resistenzen befeuert, ist noch nicht bekannt. Für die Übertragung resistenter Bakterien vom Tier auf den Menschen sind 3 Wege denkbar: direkter Tierkontakt, der Verzehr von rohem Fleisch oder mangelnde Hygiene bei der Zubereitung von Fleisch.

Vor allem Darmbakterien wie Escherichia coli zeigen immer häufiger eine ESBL-Resistenz. Obwohl ESBL-Keime nicht so leicht übertragbar sind wie der Krankenhauskeim MRSA, nehmen die Infektionen damit stark zu. Vor 5 Jahren wiesen 4% der Menschen in Deutschland eine Besiedlung mit ESBL auf, inzwischen liegt die Prävalenz bei gesunden Menschen bei 8%. Bei Krankenhaus-Patienten sind die Resistenzraten noch höher, sie liegen zum Teil bei bis zu13%.

Bis der Arzt bei einer bakteriellen Infektion erfährt, mit welchem Keim er es zu tun hat, vergehen 2 bis 3 Tage. So beginnt womöglich eine Therapie mit einem Antibiotikum, gegen das die ESBL-bildenden Bakterien bereits resistent sind. Erst wenn bekannt ist, dass es sich bei den Bakterien um ESBL-Bildner handelt, wird ein sogenanntes Reserveantibiotikum eingesetzt. Carbapeneme etwa, die breiter wirken und aufgespart werden sollten, damit nicht in Folge neue Resistenzen entstehen. Doch sehr vereinzelt gibt es die auch schon in Deutschland, bestätigt Leistner. „In Griechenland finden sich solche Resistenzen praktisch in jedem Krankenhaus.“

BUND fordert Verbot von Reserveantibiotika in der Tiermast

Der „Webfehler“ im Arzneimittelgesetz ließe sich, so Benning, leicht beheben: „Wie in anderen Ländern auch sollte die tägliche Dosis erfasst werden, der EMA liegen diese Zahlen ohnehin vor.“ Im AMG ist ferner vermerkt, dass man sich eine strengere Regelung für Reserveantibiotika vorbehalte und auch Rechtsänderungen für Tierärzte infrage kämen: „Man muss das nur umsetzen“, so Benning.

„Wir brauchen eine Novelle des Arzneimittelgesetzes, die Reserveantibiotika umgehend aus der Intensivtierhaltung verbannt. In den Niederlanden, Dänemark und Frankreich sind diese Wirkstoffe in der industriellen Tierhaltung bereits weitgehend verschwunden, in Deutschland scheinen jedoch die Interessen der Fleischbranche über dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung zu stehen“, fasst die Agrarexpertin zusammen.

Auch BUND-Vorsitzender Weiger betont: „Bundesagrarminister Christian Schmidt muss handeln. Er muss verbindliche Pläne zur Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes und zum Verbot von Reserveantibiotika in Tierfabriken aufstellen.“ Benning fordert auch Rechtsänderungen für Tierärzte: „Rund 80 Prozent der in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotika werden von nur fünf Prozent der Tierarztpraxen verkauft, die bei Großeinkäufen für Riesenställe lukrative Rabatte erhalten. Ein geändertes Arzneimittelgesetz muss diese Praxis beenden und dem Schutz der menschlichen Gesundheit wieder Geltung verschaffen.“

Fleisch aus Hofschlachtungen nicht kontaminiert

Dass Putenfleisch aus biologischem Anbau sicherer ist – dafür gebe es zwar Hinweise, doch systematische Untersuchungen durch zuständige Behörden fehlten noch, so Benning. Eine kleine Stichprobe des BUND von Fleisch aus Hofschlachtungen – untersucht wurden 3 Biobetriebe und 1 konventioneller Bauernhof mit Freilandhaltung – hatte ergeben, dass die Ware nicht mit Keimen kontaminiert war. „Große Schlachthöfe wirken manchmal wie Streudosen.“ Nicht selten komme das Fleisch unbelastet an und verlasse den Schlachthof keimbelastet. Die Ergebnisse der Stichprobe deuteten an, dass bäuerliche und handwerkliche Strukturen dem Verbraucher Vorteile brächten.

REFERENZEN

1. BUND: Pressemitteilung „Putenfleisch aus Discountern mit Krankheitskeimen belastet, Risiken und Nebenwirkungen der industriellen Tierhaltung weiter inakzeptabel“, 12. Januar 2015

Kommentar

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